Stiftungsrat tagt in Torgau: Härtefallfonds und die Folgen der DDR-Heimerziehung im Fokus
Der Stiftungsrat der Stiftung für ehemalige politisch Verfolgte (StepV) hat in der Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau getagt. Die Stiftung untersteht seit 1. Juli 2025 der Rechtsaufsicht durch die SED-Opferbeauftragte.
Bei der Sitzung ging es um Zahlen, Richtlinien und Jahresabschlüsse, denn der Stiftungsrat führt als oberstes Organ der Stiftung die Fachaufsicht. Doch die Sitzung sollte auch zeigen, worum es bei dieses Verwaltungsarbeit am Ende geht: darum, Menschen zu unterstützen, die Repression in der SED-Diktatur erfahren mussten – darunter auch viele, die im Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau oder anderen Heimen Unvorstellbares erlitten haben.
Die Arbeit des Stiftungsrates
Der Stiftungsrat gibt der Stiftung ihre Satzung und ändert sie bei Bedarf. Er legt die Regeln fest, nach denen Betroffene Unterstützung erhalten. Der Stiftungsrat kontrolliert zudem den Vorstand der Stiftung, prüft den Jahresabschluss und entscheidet über dessen Entlastung. An der Spitze des Gremiums steht Niels Schwiderski, sein Stellvertreter ist Dieter Dombrowski.
In Torgau waren neben Schwiderski und Dombrowski auch die Stiftungsratsmitglieder Dr. Nancy Aris (Sächsische Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der SED-Diktatur), Giulia Siemers (Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz), Dr. Andreas Helle (Bundesministerium der Finanzen) und Corinna Thalheim (Betroffeneninitiative ehemaliger DDR-Heimkinder) sowie die Mitglieder des Stiftungsvorstands Katrin Budde und Andrea Rugbarth dabei.
Härtefallfonds: erste Bilanz seit Inkrafttreten am 9. November
Die Vorstandsvorsitzende Katrin Budde legte in ihrem Bericht eine erste Bilanz des bundesweiten Härtefallfonds vor: Seit dessen Start im November 2025 haben 307 Menschen Unterstützung erhalten – 276 ehemalige politische Gefangene, 17 beruflich oder verwaltungsrechtlich Rehabilitierte, 14 Angehörige. Der Bund gibt dafür jährlich eine Million Euro. Die Stiftung darf auch Spenden Dritter einwerben: Im Herbst 2025 überwies IKEA Deutschland sechs Millionen Euro für den Fonds.
Die SED-Opferbeauftragte Evelyn Zupke wirbt regelmäßig dafür, dass weitere Unternehmen, die wie IKEA von Zwangsarbeit politischer Häftlinge in DDR-Gefängnissen profitiert haben, in den Härtefallfonds einzahlen.
Eindrücke aus der Gedenkstätte
In der Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau erhielten die SED-Opferbeauftragte und der Stiftungsrat bei einer Führung durch die Ausstellung unmittelbaren Einblick. Die Zeitzeugin Sonja Sprößig berichtete von ihrem Schicksal: Zehn Jahre ihrer Kindheit und Jugend verbrachte sie in Heimen und Jugendwerkhöfen – nach dem Tod ihrer Mutter, mit willkürlichen Heimwechseln, Missbrauch und Dunkelhaft. Erst 2023, im zweiten Anlauf, gelang ihr die Rehabilitierung: „Als ich rehabilitiert wurde, war endlich klar: Du warst nicht schuldig.“
Die SED-Opferbeauftragte schrieb ins Gästebuch der Gedenkstätte: „Diese Ausstellung macht immer wieder deutlich, WAS Diktatur für die einzelnen Menschen bedeutet. Für mich ist die Arbeit der Gedenkstätte immer aufs Neue Motivation und Antrieb, die Anliegen der Betroffenen in die Politik zu vermitteln, um Verbesserungen zu erkämpfen.“
Unterstützung von Heimkindern: Impulse aus Wissenschaft und Praxis
Prof. Dr. Heide Glaesmer vom Universitätsklinikum Leipzig lieferte die wissenschaftliche Untermauerung: Ehemalige Heimkinder leiden heute häufig an posttraumatischen Belastungsstörungen. Hinzu kommt, dass sie oft Sorge haben, kein Gehör zu finden, keine Stimme zu haben.
Corinna Thalheim von der Betroffeneninitiative ehemaliger DDR-Heimkinder ergänzte, woran es in der Praxis oft hakt: an Anträgen, die manchmal schwer verständlich scheinen, und an einer diffusen Angst, überhaupt Leistungen zu beantragen, weil sie mit Verboten aufgewachsen sind und Rückforderungen fürchten.
Der Vorsitzende des Stiftungsrates Niels Schwiderski betont: „Als Stiftung unterstützen wir ehemalige Heimkinder mit dem bundesweiten Härtefallfonds und weiteren Leistungen. Wir möchten alle Betroffenen ermutigen, sich von der Stiftung zu den Unterstützungsmöglichkeiten beraten zu lassen.“
Arbeit der Stiftung praxisnah und bürokratiearm ausgestalten
Für den Stiftungsrat sind die Gespräche ein Beispiel dafür, wofür Paragrafen und Anträge am Ende stehen: um Menschen zu helfen, die Unrecht in der SED-Diktatur erlitten haben. Ein Impuls aus Torgau für die weitere Arbeit war es, den Angehörigenbegriff beim Härtefallfonds zukünftig zu erweitern. Denn unter der Repression leiden nicht nur diejenigen, die sie selbst erlebt haben. Gerade Eltern, die ihre Jugend in DDR-Heimen verbringen mussten, geben ihre Ängste, Sorgen und Traumata häufig unbewusst an ihre Kinder weiter. So tragen die Kinder die Folgen mit – selbst wenn sie zur Zeit des Leids der Eltern noch gar nicht geboren waren.