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Kolumne der Wehrbeauftragten - Juni 2022

Porträtfoto der Wehrbeauftragten Eva Högl

Wehrbeauftragte Eva Högl (© DBT/Inga Haar)

Liebe Soldatin, lieber Soldat,

unbesiegbar sein zu wollen, das gehört zur DNA eines Soldaten, einer Soldatin. Und doch schwingt bei jedem Einsatz auch die Sorge mit, vielleicht doch nicht unbezwingbar zu sein, seine Gesundheit zu riskieren, im schlimmsten Fall sogar das eigene Leben. Sich selbst nach einem solchen Schicksal nicht unterkriegen lassen, nicht zuzulassen, dass die Folgen einen in die Knie zwingen – dafür stehen die Invictus Games, die ich jetzt in Den Haag besuchte.

Die Invictus Games haben sich als Sportveranstaltung für kriegsversehrte Soldaten, die von Prinz Harry, Duke of Sussex, ins Leben gerufen wurden, etabliert und fanden vom 16. bis 22. April 2022 zum fünften Mal statt. Verwundete, einsatzgeschädigte, traumatisierte sowie erkrankte aktive und ehemalige Soldatinnen und Soldaten sollen mit den Wettkämpfen eine Öffentlichkeit bekommen. Die Vorbereitung auf die Wettkämpfe und die Teilnahme selbst gehören zur Rehabilitation. In den Niederlanden habe ich sehr bewegende Spiele erlebt. Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus der ganzen Welt kämpften in zehn Sportarten von Bogenschießen, Diskuswerfen bis hin zu Sitzvolleyball, Schwimmen und Rollstuhlbasketball leidenschaftlich und emotional nicht um Medaillen, sondern um Anerkennung. Sie machten einen großen Schritt für die Rückkehr in Dienst und Alltag, zurück ins Leben.

In vielen Gesprächen mit dem deutschen Team wurde das deutlich. Im Rahmen der Sporttherapie nach Einsatzschädigung wurden die Teilnehmer nicht danach ausgewählt, ob sie Siege erringen könnten, sondern für wen die Teilnahme den größten Erfolg der Rehabilitation verspricht. Den Soldatinnen und Soldaten, die an der Seele oder körperlich verwundet sind, soll dauerhaft die Rückkehr in den und der Verbleib im Dienst ermöglicht werden. Und nicht nur das. Auch die Familie und Freunde sind Teil des Konzepts der Rehabilitation. Sie helfen mit, die Soldatinnen und Soldaten auf ihrem schwierigen Weg zu begleiten. Die Gruppe Sporttherapie der Sportschule der Bundeswehr in Warendorf leistet hier durch die medizinische, sportwissenschaftliche und psychologische Unterstützung eine hervorragende Arbeit und führt uns vor Augen, welche Kraft der Sport für die individuelle Genesung haben kann. Wie stark der Lebenswille und Lebensmut der Wettkämpferinnen und Wettkämpfer sein kann.

Die Veteranenkultur ist hierzulande nicht so ausgeprägt wie beispielsweise in den Vereinigten Staaten von Amerika oder in Großbritannien. Erst durch die Teilnahme der Bundeswehr an internationalen Auslandseinsätzen rückte das Thema bei uns stärker ins Bewusstsein. Ein weit gefasster Veteranenbegriff – jede oder jeder im aktiven Dienst oder Ehemalige zählen dazu – hat einerseits das Ziel, niemanden auszugrenzen, führt andererseits aber dazu, dass sich viele in der Truppe gar nicht angesprochen fühlen. Mit dem Soldatenversorgungsgesetz und dem Einsatz-Weiterverwendungsgesetz wurden wichtige Verbesserungen erreicht.

Die Behandlung Einsatztraumatisierter in der Bundeswehr ist in vielen Bereichen vorbildlich – auch im weltweiten Vergleich. Über Jahre wurde ein vielfältiges und umfassendes Hilfesystem entwickelt von niederschwelligen Angeboten im Kameradenkreis bis hin zu ambulanten und stationären Therapieangeboten, damit eine Wiedereingliederung gelingen kann. Doch kein System ist so gut, dass es nicht noch besser werden kann. Die Wertschätzung für die Betroffenen muss auch in der Gesellschaft sichtbar sein und verankert werden. Das muss das Ziel sein.

Deshalb ist es ein großartiges Signal, dass die 6. Invictus Games im nächsten Jahr nach Deutschland kommen. Die Wettkämpfe in Düsseldorf, die vom 9. bis 16. September 2023 stattfinden werden, stehen unter dem Motto „A Home for Respect“. Eine Aufforderung an uns alle: Wer für unsere Freiheit und Demokratie gekämpft hat, dadurch krank, verletzt oder verwundet wurde, der verdient unseren uneingeschränkten Respekt und unsere Anerkennung. In diesem Sinne freue ich mich sehr auf diese große Chance, die die Wettkämpfe für unsere Soldatinnen und Soldaten bieten werden.

Mit herzlichen Grüßen

Eva Högl,

Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages