Parlament

Kolumne des Wehrbeauftragten - September 2025

Porträtfoto des Wehrbeauftragten Henning Otte.

Henning Otte wurde am 5. Juni 2025 als Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestages vereidigt. (© Deutscher Bundestag/Inga Haar)

Liebe Soldatin, lieber Soldat,

2011 kam es zu einer Zäsur: Rund 55 Jahre nach ihrer Einführung setzte der Deutsche Bundestag die verpflichtende Wehrpflicht aus - damals von vielen als Modernisierung verstanden. Doch heute sehen wir: Die Bundeswehr leidet als Freiwilligenarmee unter massivem Personalmangel. Die Belastungen für unsere Soldatinnen und Soldaten sind hoch und ihr Lastenheft wird immer voller. 

In Zeiten, die von geopolitischen Spannungen geprägt sind, steht unsere Verteidigung heute wieder im Zentrum politischer Verantwortung. Deutschland stellt sich grundlegende Fragen zur eigenen Sicherheitsarchitektur. Eine davon: Brauchen wir die Wehrpflicht nun wieder zurück? 

Der Koalitionsvertrag sieht hierzu vor, es zunächst weiter mit einem freiwilligen Wehrdienst zu versuchen. Es mag zwar grundsätzlich löblich sein, auf Freiwilligkeit zu setzen, allerdings gibt es erhebliche Zweifel daran, ob dies wirklich gelingen kann und auch der Lage angemessen ist.

Es wird bereits seit Jahren verfehlt, die Truppenstärke von derzeit rund 182.000 Soldatinnen und Soldaten auf die bisherige Zielgröße von rund 203.000 Kräften anzuheben. Und dieses Ziel ist nun noch weiter in die Ferne gerückt, wenn Verteidigungsminister Pistorius von zusätzlich 60.000 Kräften spricht. Das ist eine enorme Herausforderung, die der Minister bewältigen muss. 

Es wäre daher notwendig, bereits jetzt die Voraussetzungen zu schaffen, bei einem neuen Wehrdienst schnell auf weitere verpflichtende Elemente umschalten zu können, 

Doch es muss primär darauf geachtet werden, dass ein neuer Wehrdienst die Truppe stärkt und sie nicht belastet. Es bedarf daher mehr als nur einen Gesetzesbeschluss. Es erfordert Infrastruktur, Ausbildungskapazitäten, Material – und vor allem ein gesellschaftliches Umdenken und politischen Willen. 

Eine Wehrpflicht wäre zwar wahrlich kein Allheilmittel, aber ein wichtiger Teil eines größeren sicherheitspolitischen Konzepts. Gerade vor dem Hintergrund des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine wird deutlich: Sicherheit ist keine Selbstverständlichkeit. Sie braucht Menschen, die bereit sind, sie zu verteidigen. 

Ein modernes Pflichtdienstmodell könnte dabei ein Weg sein. Ein Modell, das die Gesamtverteidigung und Resilienz in den Blick nimmt. Dabei ginge es nicht nur um den Wehrdienst, sondern um ein Jahr für die Gesellschaft: In der Bundeswehr, im Katastrophenschutz, in der Pflege, bei der Feuerwehr. So ein Dienstjahr würde nicht nur die Bundeswehr und Blaulichtorganisationen stärken, sondern auch den sozialen Zusammenhalt in unserem Land fördern und die Gesamtverteidigungsfähigkeit ausbauen. 

Darüber hinaus könnte es jungen Menschen helfen, sich zu orientieren, Verantwortung zu übernehmen – und unsere Demokratie aktiv mitzugestalten. Junge Menschen ernst zu nehmen, bedeutet nämlich nicht, sie zu verschonen. Es bedeutet, ihnen zuzutrauen, Teil der Lösung zu sein. 

Schließlich kommt ein weiterer Faktor hinzu: die Kameradschaft. Ein gelebtes Miteinander ist von großem Vorteil für das spätere Leben. Bei der Bundeswehr lernt man schnell, sich aufeinander verlassen zu können, sich gegenseitig zu helfen und sich in Not und Gefahr beizustehen. 

Natürlich gibt es berechtigte Einwände. Der Eingriff in die individuelle Freiheit, die Frage nach Gerechtigkeit und Gleichbehandlung, der administrative Aufwand – all das muss bedacht werden. Aber: Die Zeiten haben sich geändert, die Bedrohungslage hat sich geändert. Deutschland steht vor sicherheitspolitischen Herausforderungen, wie man sie seit dem Kalten Krieg nicht mehr erlebt hat. Wer das ignoriert, handelt fahrlässig. 

Die Bundeswehr braucht Nachwuchs – nicht nur technisch versierte Spezialisten, sondern auch charakterfeste, demokratisch denkende Staatsbürgerinnen und Staatsbürger in Uniform. Ein Dienst an der Gesellschaft – ob in der Bundeswehr oder in anderen Bereichen – kann dazu beitragen, diese Haltung zu fördern. 

Es ist an der Zeit, dass wir uns dieser Debatte stellen – offen, ehrlich und ohne ideologische Scheuklappen. Sicherheit beginnt mit Verantwortung. Und diese Verantwortung geht uns alle an. 

Frieden erwächst eben aus Stärke und nicht aus Schwäche. 

Herzliche Grüße 

Ihr Henning Otte,
Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestages