Kolumne des Wehrbeauftragten - November 2025

Henning Otte wurde am 5. Juni 2025 als Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestages vereidigt. (© Deutscher Bundestag/Inga Haar)
Liebe Soldatin, lieber Soldat,
in diesen Tagen blicken wir auf 70 Jahre Bundeswehr zurück - sieben Jahrzehnte, in denen unsere Soldatinnen und Soldaten mit Einsatz und Haltung für ihren Auftrag einstehen. Sie verdienen unseren uneingeschränkten Respekt und unsere volle Anerkennung. Viele haben viel gegeben - manche ihre Gesundheit, einige sogar ihr Leben.
Die vergangenen 70 Jahre waren dabei von tiefgreifenden sicherheitspolitischen Umbrüchen geprägt - begleitet von einem stetigen Wandel der Aufgaben, Bedrohungslagen und inneren Strukturen der Bundeswehr. Die Bundeswehr wurde als Verteidigungsarmee der freiheitlich-demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland gegründet und ist heute weit mehr als das: Sie ist ein unverzichtbarer Bestandteil der internationalen Sicherheitsarchitektur, ein Partner in internationalen Einsätzen und ein Garant für die Verteidigung unserer Demokratie und unserer Werte.
Der Wiederaufbau des Landes, die Aufarbeitung der Kriegsfolgen, der Beginn des Kalten Krieges und der NATO-Doppelbeschluss - all das prägte die Anfangsjahre der Bundeswehr. Nach der Wiedervereinigung war die Überführung der Nationalen Volksarmee ein integrativer Kraftakt von historischer Tragweite. Sie steht exemplarisch dafür, welchen Beitrag der Wehrdienst - ob freiwillig oder verpflichtend - auch heute wieder für den gesellschaftlichen Zusammenhalt leisten kann.
Mit dem Ende des Kalten Krieges trat die Bundeswehr in eine neue Phase ihrer Geschichte ein: Aus einer rein auf die Landesverteidigung ausgerichteten Armee wurde eine Streitkraft, die zunehmend internationale Verantwortung übernahm. Sie engagierte sich in Krisenregionen weltweit, beteiligte sich an Friedensmissionen, leistete humanitäre Hilfe und war in internationalen Einsätzen - etwa in Afghanistan oder Mali - aktiv. Die Entwicklung von einem nationalen Verteidigungsinstrument zu einem global agierenden Sicherheitspartner war ein bedeutender Wandel in der Geschichte der Bundeswehr.
Heute, 70 Jahre nach ihrer Gründung, steht die Bundeswehr weiter vor großen Herausforderungen. Die geopolitischen Spannungen, insbesondere in Europa, aber auch weltweit, haben in den letzten Jahren wieder zugenommen. Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine hat uns in schmerzlicher Weise vor Augen geführt, dass Frieden und Sicherheit nicht selbstverständlich sind. Die Frage der Verteidigungsfähigkeit der NATO und insbesondere der Europäischen Union rückt wieder ins Zentrum der sicherheitspolitischen Diskussionen. Und auch im Inneren der Bundeswehr gibt es anhaltende Herausforderungen: Die strukturelle Ertüchtigung der Armee, die Modernisierung der Ausrüstung, die Rekrutierung und Bindung von Personal.
Die geopolitische Lage, die wir erleben, stellt die Bundeswehr vor enorme Herausforderungen. Sie muss nicht nur ihre klassischen Aufgaben der Landes- und Bündnisverteidigung wahrnehmen, sondern auch flexibel auf Krisen und Konflikte in anderen Teilen der Welt reagieren können. Dies erfordert eine umfassende Anpassung der militärischen Strukturen und eine ständige Modernisierung der Ausrüstung.
Doch der Wandel der Bundeswehr ist nicht nur eine Frage der Technik und der Strategie, sondern eine Frage der gesellschaftlichen Akzeptanz und Integration. In den 70 Jahren ihrer Geschichte sah sich die Bundeswehr immer wieder mit der Herausforderung konfrontiert, wie sie in der Gesellschaft verortet ist. In den frühen Jahren nach der Gründung war die Bundeswehr im Kontext der deutschen Geschichte ein schwieriges Thema. Doch mit der Zeit hat sich die Bundeswehr als Institution etabliert, die ein hohes Maß an Vertrauen genießt - sowohl bei der Bevölkerung als auch bei der politischen Führung. Das Element des Staatsbürgers in Uniform hatte dabei immer herausragende Bedeutung - unsere Soldaten sind sowohl Angehörige der Streitkräfte als auch Teil der Gesellschaft.
70 Jahre Bundeswehr - ist eine stolze Bilanz, aber auch ein Blick in die Zukunft. In einer Welt, die von Unsicherheit und Veränderungen geprägt ist, wird die Rolle der Bundeswehr in den kommenden Jahren von entscheidender Bedeutung sein. Wir stehen als Nation vor der Verantwortung, die Bundeswehr weiter zu modernisieren, die richtigen politischen und gesellschaftlichen Weichen zu stellen und sicherzustellen, dass sie in der Lage ist, den aktuellen und zukünftigen Herausforderungen gerecht zu werden.
Die Bundeswehr braucht die Unterstützung der Gesellschaft, die Bereitschaft zur Zusammenarbeit und die Bereitschaft, in ihre Zukunft zu investieren. Und sie braucht vor allem das Vertrauen der Menschen, die sie schützen soll. Denn nur mit einer starken, gut ausgebildeten und gut ausgestatteten Bundeswehr können wir unsere Sicherheit und die Werte, auf denen unser Land gebaut ist, wahren.
Die Verantwortung dafür tragen wir alle - Politiker, Soldaten und die gesamte Gesellschaft. Gemeinsam stark.
Herzliche Grüße
Ihr Henning Otte,
Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestages