Kolumne des Wehrbeauftragten - Dezember 2025

Henning Otte wurde am 5. Juni 2025 als Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestages vereidigt. (© Deutscher Bundestag/Inga Haar)
Liebe Soldatin, lieber Soldat,
das Jahr 2025 war ein bewegtes Jahr – für unsere Truppe, für unsere Gesellschaft. Uns allen hat das Jahr vor Augen geführt, dass Sicherheit keine Selbstverständlichkeit ist und heute mehr denn je durch Teamarbeit verteidigt wird. Bündnisfähigkeit, europäische Kooperation, Resilienz – all das sind keine Schlagworte, sondern tägliche Aufgaben. Und speziell für die Bundeswehr hat sich im Jahr 2025 erneut gezeigt: Sie befindet sich weiter im Wandel. Neue Strukturen in der Leitung, mehr Ausrüstung, schnellere Beschaffungsverfahren – einiges hat sich verbessert, doch noch immer ist von allem zu wenig da und vor allem wird weiterhin zu langsam umgesetzt. Zu viele Entscheidungen werden weiter vertagt, zu viele Zuständigkeiten verschoben, zu viele Konzepte geprüft, anstatt sie endlich umzusetzen. Zwischen politischem Willen und praktischer Wirklichkeit klafft eine Lücke, die die Truppe täglich spürt. Es reicht nicht, nur über Zeitenwende zu reden – sie muss gelebt werden: mit klaren Prioritäten, weniger Bürokratie und mehr Mut zur Entscheidung. Wenn unsere Soldatinnen und Soldaten sehen, dass selbst einfachste Beschaffungen Monate oder Jahre dauern, leidet nicht nur die Einsatzbereitschaft, sondern auch das Vertrauen in die Leitung. Hier muss entschlossener gehandelt werden. Die Verunsicherung muss umgemünzt werden in Vertrauen und Verlässlichkeit.
Auch die zerpflückte Debatte um den Wehrdienst hat gezeigt, wie groß die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist. Wir dürfen Entscheidungen, wie unser Land seine Wehrhaftigkeit und gesellschaftliche Resilienz stärkt, nicht aufschieben. Wir brauchen von der gesamten Bundesregierung ein Konzept für ein wehrhaftes, resilientes Deutschland. Alle Ressorts müssen ihren Beitrag dazu leisten. Das wäre der Lage angemessen. Eine Bilanz des vergangenen Jahres zu ziehen ist wichtig, doch wir dürfen uns nicht im Rückblick verlieren, sondern müssen gemeinsam nach vorn blicken – und zugleich das Hier und Jetzt im Blick behalten.
Als Wehrbeauftragter möchte ich daher in diesen Tagen besonders diejenigen hervorheben, die an den Feiertagen nicht im Kreis ihrer Familien sein können – unsere Soldatinnen und Soldaten im Ausland. Litauen, Jordanien, Irak, Kosovo, auf See oder im Luftraum leisten Sie ihren Dienst fernab der Heimat. Sie stehen für die Sicherheit Deutschlands, Europas und unserer Partner ein – oft unter schwierigen Bedingungen, oft im Schatten der öffentlichen Aufmerksamkeit. Während hierzulande Kerzen angezündet und Geschenke ausgepackt werden, überwachen und sichern Sie Grenzen, schützen Zivilbevölkerungen. Das verdient nicht nur Respekt, sondern auch ehrliche Dankbarkeit. Ich wünsche mir, dass dieser Einsatz stärkere Beachtung und Anerkennung findet. Die Bundeswehr ist Teil der Mitte unserer Demokratie. Sie braucht unseren Rückhalt – politisch und gesellschaftlich. Dazu gehört, dass wir ihr Vertrauen schenken, wo Vertrauen verdient ist, und Kritik üben, wo sie notwendig ist. Der Dienst in der Bundeswehr ist kein Beruf wie jeder andere – er ist ein Bekenntnis zur Verantwortung.
Zum Jahresende möchte ich Ihnen allen danken. Unseren Soldatinnen und Soldaten, zivilen Beschäftigten, Reservistinnen und Reservisten: Sie tragen unser Land. Ihr Engagement, Ihr Mut und Ihre Kameradschaft sind die stillen Pfeiler unserer Sicherheit. Mögen Sie, wo immer Sie Weihnachten und Neujahr verbringen, spüren, dass Deutschland an Sie denkt – dass Ihre Arbeit zählt.
Ihr Henning Otte,
Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestages