Kolumne des Wehrbeauftragten - April 2026

Henning Otte wurde am 5. Juni 2025 als Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestages vereidigt. (© Deutscher Bundestag/Inga Haar)
Liebe Soldatin, lieber Soldat,
„klar, kritisch, konstruktiv“ - unter dieser Überschrift habe ich dem Deutschen Bundestag den Jahresbericht 2025 übergeben. Der Bericht zeichnet das Bild einer geforderten Bundeswehr im fortdauernden Wandel - geprägt von hohen Erwartungen, wachsender Verantwortung und einer sicherheitspolitischen Lage, die sich im Berichtsjahr grundlegend verändert hat.
Deutschland sieht sich heute mit einer realen und unmittelbaren Bedrohung konfrontiert. Gleichzeitig befinden sich sicher geglaubte Bündnisse und sicherheitspolitische Gewissheiten im Wandel. In dieser Situation richtet sich der Blick unserer Gesellschaft stärker denn je auf die Frauen und Männer in Uniform. Mit diesem Blick verbinden sich Vertrauen, Anerkennung - aber auch außergewöhnlich hohe Erwartungen an ihre Leistungsfähigkeit und Einsatzbereitschaft.
Unsere Bundeswehr ist eine starke Parlamentsarmee. Sie erfüllt ihre Aufträge mit Professionalität, Pflichtbewusstsein und einem berechtigten Stolz auf das eigene Können. Die Soldatinnen und Soldaten leisten Tag für Tag einen unverzichtbaren Beitrag zur Sicherheit unseres Landes und zur Stabilität unserer Bündnisse. Damit sie diesen Dienst bestmöglich leisten können, brauchen sie jedoch verlässliche Rahmenbedingungen. Dazu gehören ausreichend Personal, modernes und einsatzbereites Material, funktionierende Infrastruktur und zeitgemäße Ausbildungsmöglichkeiten. Ebenso wichtig ist der klare Rückhalt aus Politik und Gesellschaft - denn militärischer Dienst verlangt Vertrauen, Respekt und eine eindeutige politische Unterstützung.
Verteidigungspolitik darf nicht in Legislaturperioden gedacht oder parteipolitisch verengt werden. Sie muss sich konsequent an der sicherheitspolitischen Lage orientieren. Die Gesamtverteidigung unseres Landes und der Schutz unserer freiheitlichen demokratischen Grundordnung sind dauerhafte, gesamtstaatliche Aufgaben. Sie betreffen nicht allein die Streitkräfte, sondern alle staatlichen Ebenen und viele Bereiche unserer Gesellschaft. Deshalb erfordert die Sicherheitsvorsorge unseres Landes heute mehr denn je eine ressortübergreifende Zusammenarbeit und ein gemeinsames strategisches Handeln.
Die Herausforderungen, vor denen wir stehen, verlangen von der Politik Klarheit, Ehrlichkeit und Entschlossenheit. In den vergangenen Jahren haben die Abgeordneten des Deutschen Bundestages wichtige Entscheidungen getroffen, um die Einsatzbereitschaft und den Schutz unserer Soldatinnen und Soldaten zu stärken. Auch die Bundesregierung hat Schritte eingeleitet, um die militärische Verteidigungsfähigkeit Deutschlands auszubauen. Diese Maßnahmen weisen in die richtige Richtung.
Verantwortung ist in dieser Situation unteilbar. In fordernden Zeiten steht auch der Wehrbeauftragte mehr denn je in der Pflicht, seinen Beitrag als Teil der Sicherheitsarchitektur Deutschlands zu leisten.
Als Wehrbeauftragter habe ich das Privileg und zugleich die Verpflichtung, die Rechte unserer Soldatinnen und Soldaten zu wahren, das Parlament bei der Kontrolle der Streitkräfte zu unterstützen und zugleich als Sprachrohr der Truppe gegenüber Parlament und Öffentlichkeit zu dienen. Der unmittelbare Austausch mit Ihnen - bei Truppenbesuchen, Gesprächen und Eingaben - ist dabei von unschätzbarem Wert. Er ermöglicht einen unverstellten Blick auf den Dienstalltag, auf Herausforderungen, aber auch auf das Engagement und die Professionalität in der Truppe.
Mein Jahresbericht ist daher nicht als Mängelbericht zu verstehen. Er benennt Herausforderungen, Probleme und Handlungsfelder und verbindet sie mit Schlussfolgerungen und Empfehlungen. Transparenz ist dabei ein notwendiger Schritt auf dem Weg zur Verbesserung. Nur wenn Probleme offen angesprochen werden, entsteht die Grundlage, um gemeinsam Lösungen zu entwickeln und entschlossen zu handeln.
Am Ende geht es dabei stets um das gleiche Ziel: die bestmöglichen Rahmenbedingungen für unsere Soldatinnen und Soldaten zu schaffen - und damit um die Sicherheit unseres Landes.
Ihr Henning Otte,
Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestages