Parlament

Kolumne des Wehrbeauftragten - Mai 2026

Porträtfoto des Wehrbeauftragten Henning Otte.

Henning Otte wurde am 5. Juni 2025 als Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestages vereidigt. (© Deutscher Bundestag/Inga Haar)

Liebe Soldatin, lieber Soldat,

gesellschaftlicher Zusammenhalt ist kein abstrakter Begriff, sondern das Fundament unserer freiheitlichen Ordnung. Er zeigt sich im Alltag - im respektvollen Miteinander, in der Bereitschaft zuzuhören und nicht zuletzt im gemeinsamen Verständnis dafür, dass Freiheit und Sicherheit keine Selbstverständlichkeiten sind. Gerade in Zeiten wachsender Unsicherheiten wird deutlich: Eine Gesellschaft bleibt nur dann stabil, wenn sie sich ihrer Verantwortung bewusst ist - über Generationen hinweg.

Die Bundeswehr ist ein Spiegel unserer Gesellschaft. In ihr dienen junge Frauen und Männer, die Verantwortung übernehmen - oft unter herausfordernden Bedingungen, die mit persönlichen Entbehrungen verbunden sind. Sie stehen für den Schutz unserer Werte ein, nicht als abstrakte Idee, sondern ganz konkret. Doch ihre Aufgabe kann nur dann gelingen, wenn sie von einer breiten gesellschaftlichen Unterstützung getragen wird. Sicherheit ist keine exklusive Aufgabe des Staates oder seiner Streitkräfte - sie ist ein Gemeinschaftsprojekt.

Dabei kommt den verschiedenen Generationen eine besondere Rolle zu. Die ältere Generation bringt Erfahrung, historische Perspektive und ein tiefes Verständnis für die Bedeutung von Frieden und Stabilität ein. Viele haben erlebt oder aus erster Hand erfahren, welche Folgen Unsicherheit und gesellschaftliche Spaltung haben können. Dieses Wissen ist ein wertvoller Kompass in einer Zeit, in der politische und sicherheitspolitische Fragen wieder stärker in den Fokus rücken.

Die jüngere Generation hingegen steht vor der Aufgabe, diese Werte in einer sich wandelnden Welt neu zu interpretieren und zu verteidigen. Sie wächst in einer global vernetzten Realität auf, in der Bedrohungen vielfältiger und oft weniger greifbar sind. Cyberangriffe, hybride Konflikte oder Desinformation stellen neue Herausforderungen dar, die ein hohes Maß an Anpassungsfähigkeit und Verantwortungsbewusstsein erfordern. Es ist ermutigend zu sehen, wie viele junge Menschen bereit sind, sich einzubringen - sei es in der Bundeswehr, im zivilen Engagement oder im politischen Diskurs.

Sicherheitspolitische Entscheidungen entstehen nicht im luftleeren Raum, sondern im Spannungsfeld unterschiedlicher Perspektiven. Wenn Erfahrung auf neue Ideen trifft, wenn Skepsis auf Gestaltungswillen stößt, dann entsteht jene Ausgewogenheit, die demokratische Entscheidungsprozesse auszeichnet. Gerade in Fragen von Sicherheit und Verteidigung ist es entscheidend, dass politische Verantwortungsträger die Sorgen, Erwartungen und Überzeugungen aller Generationen ernst nehmen.

Ein Ausdruck der Stärke unserer Demokratie ist es auch, dass fundamentale Fragen offen diskutiert werden können - und dass es legitim ist, gegen staatliche Maßnahmen zu protestieren. Dass junge Menschen heute gegen den Wehrdienst demonstrieren dürfen, während sie zugleich in einem Land leben, dessen Sicherheit durch genau solche Instrumente gewährleistet wurde und wird, ist kein Widerspruch, sondern eine Errungenschaft. Es zeigt, dass Freiheit mehr ist als Zustimmung - sie umfasst auch das Recht auf Kritik.

Diese Freiheit zu schützen, bleibt jedoch eine gemeinsame Aufgabe - denn diese Verantwortung ist unteilbar.

Zwischen diesen Generationen braucht es daher weiter einen offenen Dialog. Nur so kann ein gemeinsames Verständnis dafür entstehen, was Sicherheit heute bedeutet und wie sie gewährleistet werden kann. Dieser Dialog darf nicht von Vorurteilen oder gegenseitigen Zuschreibungen geprägt sein, sondern muss auf Respekt und gegenseitigem Lernen basieren. Die Frage, wie viel Engagement jeder Einzelne leisten kann und will, muss immer wieder neu beantwortet werden - aber sie darf nicht unbeantwortet bleiben.

Gesellschaftlicher Zusammenhalt zeigt sich auch darin, wie wir mit unterschiedlichen Meinungen umgehen. In einer pluralistischen Demokratie ist Dissens kein Zeichen von Schwäche, sondern Ausdruck von Freiheit. Entscheidend ist jedoch, dass wir trotz aller Unterschiede eine gemeinsame Grundlage bewahren: das Bekenntnis zu unserem Grundgesetz und zu den Werten, die es schützt. Diese Grundlage zu sichern, ist eine Aufgabe, die alle Generationen verbindet.

Sicherheit und Freiheit sind zwei Seiten derselben Medaille. Ohne Sicherheit kann Freiheit nicht bestehen, ohne Freiheit verliert Sicherheit ihren Sinn. Diese Balance zu wahren, ist eine dauerhafte Herausforderung. Sie erfordert nicht nur mutige politische Entscheidungen, sondern auch eine aktive, verantwortungsbewusste Gesellschaft.

Es liegt an uns allen, diesen Zusammenhalt zu stärken. Jede Generation trägt ihren Teil dazu bei - durch Erinnerung, durch Engagement und durch die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Nur so kann es gelingen, die Grundlagen unserer freiheitlichen Ordnung auch für kommende Generationen zu bewahren.

Gemeinsam stark.

Ihr Henning Otte,

Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestages