Kolumne des Wehrbeauftragten - Juli-August 2026

Henning Otte wurde am 5. Juni 2025 als Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestages vereidigt. (© Deutscher Bundestag/Inga Haar)
Liebe Soldatin, lieber Soldat,
wer an die Bundeswehr denkt, hat meist unsere Soldatinnen und Soldaten der aktiven Truppe vor Augen: auf Übungen, in den Kasernen, bei Einsätzen oder im täglichen Dienstbetrieb. Weniger sichtbar ist eine Gruppe, ohne die unsere Streitkräfte ihre Aufgaben jedoch nicht erfüllen könnten: die Reserve.
Die Reserve ist weit mehr als ein personeller Aufwuchs für Krisen- und Verteidigungszeiten. Sie ist eine unverzichtbare Verbindung zwischen Bundeswehr und Gesellschaft. Reservistinnen und Reservisten bringen Erfahrungen aus unterschiedlichsten Berufen, Lebenswegen und Regionen in die Streitkräfte ein. Gleichzeitig tragen sie Kenntnisse über die Bundeswehr in ihre Unternehmen, Verwaltungen, Vereine und Gemeinden hinein. Diese doppelte Verankerung macht die Reserve zu einem wichtigen Bindeglied zwischen militärischer und ziviler Welt.
Die Bedeutung der Reserve ist in den vergangenen Jahren stetig gewachsen – und sie wird in Zukunft noch weiter zunehmen. Heute geht es nicht allein um Unterstützung in einzelnen Lagen. Es geht um die Fähigkeit Deutschlands und unserer Bündnispartner, im Ernstfall schnell und wirksam auf Bedrohungen reagieren zu können. Dafür benötigen wir eine einsatzbereite, gut ausgebildete und ausgestattete Reserve.
Der Anspruch ist hoch. Wer Reservistin oder Reservist ist, muss seine militärischen Fähigkeiten regelmäßig auffrischen und einsatzbereit halten. Das kann nicht allein auf freiwilliger Basis erfolgen. Eine leistungsfähige Reserve benötigt Verbindlichkeit. Regelmäßige Reserveübungen sind deshalb kein Selbstzweck, sondern eine notwendige Voraussetzung für die Auftragserfüllung. Verfahren, Abläufe und der Umgang mit moderner Ausrüstung müssen kontinuierlich trainiert werden. Deshalb wird es künftig darauf ankommen, regelmäßige und verbindliche Reserveübungen als selbstverständlichen Bestandteil des Reservistendienstes zu etablieren. Rechte und Pflichten müssen dabei in einem ausgewogenen Verhältnis stehen.
Eine solche Verbindlichkeit setzt allerdings voraus, dass die Bundeswehr die notwendigen Rahmenbedingungen schafft. Ausbildung und Übungen müssen verlässlich angeboten werden. Es hilft wenig, wenn Reservistinnen und Reservisten zur Teilnahme verpflichtet werden, gleichzeitig aber Ausbildungsplätze fehlen, Ausrüstung nicht verfügbar ist oder Verfahren unnötig bürokratisch bleiben. Wer Verbindlichkeit fordert, muss auch Verlässlichkeit bieten.
Gerade die Bürokratie wird von vielen Reservistinnen und Reservisten als Hemmnis erlebt. Die Vereinbarkeit von Reservistendienst, Familie und Beruf ist häufig mit erheblichem organisatorischem Aufwand verbunden. Arbeitgeber leisten dabei oftmals einen wichtigen Beitrag und verdienen Anerkennung für ihre Unterstützung. Zugleich müssen staatliche Verfahren einfacher, schneller und transparenter werden. Wer bereit ist, Zeit und Engagement für die Sicherheit unseres Landes einzubringen, sollte nicht an komplizierten Verwaltungsabläufen scheitern.
Eine leistungsfähige, verbindliche Reserve ist eine große Herausforderung für die Wirtschaft. Daher müssen auch Arbeitgeber eingeplant werden, und Reservistendienst darf nicht zu unvorhersehbaren Belastungen führen. Planungssicherheit ist hier entscheidend – für Unternehmen wie für die Beschäftigten. Nur wenn Wirtschaft und Gesellschaft verlässlich eingebunden werden, kann eine starke Reserve funktionieren.
Das von der Bundesregierung selbst gesteckte Ziel von 200.000 Reservistinnen und Reservisten ist herausfordernd und muss gelingen. Die Bundeswehr konkurriert um motivierte Menschen in einem zunehmend angespannten Arbeitsmarkt. Viele ehemalige Soldatinnen und Soldaten sind bereit, auch nach ihrer aktiven Dienstzeit Verantwortung zu übernehmen. Dieses Potenzial gilt es konsequent zu nutzen. Gleichzeitig sollten Wege eröffnet werden, damit auch Menschen ohne vorherige militärische Laufbahn einen Beitrag zur Reserve leisten können, sofern dies mit den Anforderungen der Streitkräfte vereinbar ist.
Die Herausforderungen sind groß. Deutschland muss seine Verteidigungsfähigkeit stärken, Personal gewinnen und langfristig binden. Die Reserve wird dabei eine Schlüsselrolle spielen. Sie kann Fähigkeiten verfügbar machen, die in der aktiven Truppe nicht in ausreichendem Umfang vorhanden sind. Sie kann Wachstum ermöglichen, ohne dauerhaft große Personalstrukturen vorzuhalten. Und sie kann dazu beitragen, die gesellschaftliche Verankerung der Bundeswehr zu stärken.
Die Reserve ist deshalb keine Ergänzung am Rand, sondern ein wesentlicher Bestandteil unserer Sicherheitsvorsorge. Wer die Verteidigungsfähigkeit Deutschlands ernst nimmt, muss auch die Reserve ernst nehmen. Dazu gehören klare politische Prioritäten, verlässliche Rahmenbedingungen und die Bereitschaft, notwendige Investitionen vorzunehmen. Unsere Frauen und Männer der Reserve leisten einen wichtigen Dienst für unser Land. Sie verdienen nicht nur Dank, sondern auch die Bedingungen, die sie benötigen, um ihren Auftrag erfüllen zu können.
Eine starke Bundeswehr braucht eine starke Reserve. Und eine starke Reserve braucht die Unterstützung von Politik, Arbeitgebern und Gesellschaft gleichermaßen. Sie braucht aber auch die Bereitschaft zur regelmäßigen Übung und zur Übernahme konkreter Verpflichtungen. Das alles muss im neuen Reservestärkungsgesetz abgebildet werden – das im Sommer als Kabinettsvorlage kommt und dann in die parlamentarische Beratung geht.
Doch Einsatzbereitschaft entsteht nicht auf dem Papier, sondern durch Ausbildung, Übung und Verbindlichkeit. Nur so wird die Reserve ihrer entscheidenden Rolle für die Verteidigungsfähigkeit unseres Landes gerecht werden können.
Gemeinsam stark.
Ihr Henning Otte,
Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestages