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Presse

EY-Vertreter: „Betrug ist nicht immer zu erkennen“

3. Untersuchungsausschuss/Ausschuss - 22.03.2021 (hib 362/2021)

Berlin: (hib/LL) Man wisse noch nicht genau, was passiert sei - so lautete am vergangenen Freitag der Tenor des scheidenden Vorsitzenden der Geschäftsführung der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young Deutschland (EY), Hubert Barth, vor dem 3. Untersuchungsausschuss („Wirecard“) des Bundestages. Er und seine Mitarbeiter seien jedoch fest entschlossen, zur Aufklärung des bislang größten und „einmaligen“ Betrugsskandals der bundesrepublikanischen Wirtschaftsgeschichte beizutragen.

Nach einem Urteil des Bundesgerichtshofs vom Februar 2021 von ihrer Schweigepflicht als Wirtschaftsprüfer entbunden, durften Mitarbeiter von EY nun dem parlamentarischen Gremium Rede und Antwort stehen, nachdem sie bislang ihr Aussageverweigerungsrecht geltend gemacht hatten.

Seine Prüfer hätten sich keine Formfehler zu Schulden kommen lassen, sondern die Prüfung der Wirecard-Bilanzen im Untersuchungszeitraum „nach bestem Wissen und Gewissen durchgeführt“, erklärte Barth. Bei einem Fall wie dem von Wirecard gelange sein Berufsstand an seine Grenzen. „Für die Prüfer ist es unglaublich schwer zu erkennen, ob ein Geschäft existiert oder nicht. Und vorsätzlicher Betrug ist nicht immer zu erkennen.“ Wirtschaftsprüfer seien keine Kriminologen.

Obwohl man Unregelmäßigkeiten wie beispielsweise die um den Wirecard-Geschäftszweig in Singapur festgestellt habe, habe man die Bilanz der Wirecard AG im Jahr 2018 noch testiert, „weil die Unregelmäßigkeiten nicht unmittelbar die Rechnungslegung betrafen.“

Warum aber hat man den Betrug dieser unvorstellbaren Größenordnung nicht früher aufdecken können, wollte der Ausschuss wissen. Das Zahlenwerk, dem man schließlich 2019 sein Testat verweigert habe, sei sicher auch bereits 2018 nicht in Ordnung gewesen. Hätten die Prüfer „nicht viel früher viel tiefer graben müssen?“

„Wir haben die Täuschung in Betracht gezogen und über das normale Maß hinaus nachgeforscht. Aber es haben sich keine Anhaltspunkte ergeben“, erklärte Barth. Sehr lange habe zudem alle Welt Wirecard positiv gegenüber gestanden. Dennoch „haben wir es im Juni 2020 geschafft, den Betrug nachzuweisen und keine Sekunde gezögert Alarm zu schlagen“, sagte Barth.

„Alle bei EY wünschen sich, dass wir die Taten bei Wirecard früher entdeckt hätten.“ Nun unterstütze sein Haus den Deutschen Bundestag, indem man dem 3. Untersuchungsausschuss alle möglichen relevanten Materialien zur Verfügung gestellt habe, damit das Gremium seinen Auftrag erfüllen könne.

Von der Interpretation der rechtlichen Rahmenbedingungen, ihrem Berufsverständnis als Wirtschaftsprüfer und den Strukturen und Arbeitsabläufen bei EY, über die Vorhaltung und Bewertung von Beweismitteln wie E-Mails und Telefonate bis hin zu der Fachdebatte über den richtigen Umgang mit Treuhandkonten bei der Bilanzprüfung: Die Abgeordneten komplettierten am Freitagnachmittag ihr Bild von den Vorgängen bei Wirecard und der Rolle der Wirtschaftsprüfer.

„Wir sind mit der Prüfung fertig, wenn wir fertig sind“, sei die Devise in seinem Haus 2019 gewesen, unterstrich Barth. Nach der kritischen Berichterstattung durch die Financial Times und einem „Whistleblower-Paket an mich“ habe er seinen Prüfern gesagt: „Dreht jeden Stein um.“ Die Prüfer-Teams seien personell aufgestockt, das Wirecard-Mandat auf „high risk hochgestuft“ worden.

Und auch parallel zu den Untersuchungen der Wirtschaftsprüfer von KPMG und darüber hinaus arbeite man den Fall Wirecard intern weiter auf. Dabei tauchten immer noch neue Dokumente auf.

Erst heute sei dem Ausschuss ein neues noch als geheim eingestuftes Papier zugekommen, das neue „Fragen aufwerfe“, aber vermutlich auch entscheidende fehlende Antworten geben, ja der Schlüssel zur Aufarbeitung des Falls sein könne, sagte der Ausschussvorsitzende Kay Gottschalk (AfD): EY-Prüfungsunterlagen vom März 2016. Demnach hätten die EY-Prüfer bereits damals aus irgendeinem Grund Zweifel gehegt, ob das vielbejubelte Geschäftsmodell von Wirecard überhaupt funktionieren könne.

Bis 2019 sei man den betrügerischen Luftbuchungen aufgesessen. Aber in dem Dokument von 2016 „ist, abstrakt formuliert, alles erkannt“, was man sich in den letzten Monaten im Ausschuss erarbeitet habe. „2016 sind Sie falsch abgebogen“, so Gottschalk zum Zeugen. Das sei „grob fahrlässig“ und „das Dramatische“ am Fall Wirecard und mit ein Grund dafür, dass die Betrüger noch so lange ungestört weiter ihr Unwesen hätten treiben können.