15.04.2026 Sport und Ehrenamt — Ausschuss — hib 305/2026

Stärkung des freiwilligen Engagements in ländlichen Räumen

Berlin: (hib/HAU) Freiwilligem Engagement in ländlichen Räumen kommt eine zentrale Bedeutung zu. Es stärkt den sozialen Zusammenhalt, unterstützt die Daseinsvorsorge und trägt maßgeblich zur Lebensqualität vor Ort bei. In dieser Einschätzung waren sich die zu einer öffentlichen Sitzung des Ausschusses für Sport und Ehrenamt am Mittwoch geladenen Sachverständigen einig. Um das freiwillige Engagement in ländlichen Räumen zu sichern, braucht es aus ihrer Sicht bessere Rahmenbedingungen. Angesprochen wurde unter anderem eine bessere Anerkennungskultur, der Abbau von Zugangsbarrieren, der Ausbau hauptamtlicher Unterstützungsstrukturen und weniger Bürokratie.

„Ehrenamt bei den Landfrauen ist kein Hobbyehrenamt“, sagte Heidrun Diekmann, Präsidiumsmitglied beim Deutschen Landfrauenverband. Es sei strukturbildend und zugleich auch Daseinsvorsorge. Ortsvereine organisierten Bildung, Integration, Kultur und soziale Unterstützung. „Sie sind also quasi Bildungsanbieter, Nachbarschaftsnetzwerk und sehr häufig erste Anlaufstelle in Krisen“, sagte Dieckmann. Solle das so bleiben, brauche es „verlässliche, geschlechtersensible Rahmenbedingungen“, weniger Bürokratie, eine bessere Vereinbarkeit von Care-Arbeit und Beruf sowie mehr Anerkennung, so die Landfrauen-Vertreterin.

Begegnungsorte müssten zudem gesichert und ausgebaut werden, da sie die Grundvoraussetzung für Engagement seien. „Wer das Ehrenamt stärkt, stärkt das Land“, sagte Diekmann und plädierte für die Einführung von bundesweit möglichem Bildungsurlaub für Verbandsarbeit und ein Anrecht auf Freistellung für Ehrenamtsaufgaben in Leitungsgremien.

Ehrenamtliches Engagement sei kein Randthema, „sondern eine tragende Säule für gesellschaftlichen Zusammenhalt“, sagte Lars Ruschmeyer, Bundesvorsitzender des Bundes der Deutschen Landjugend. Damit das Ehrenamt stark bleibt, braucht es aus seiner Sicht Anerkennung, Zeit, Räume, verlässliche Finanzierung und hauptamtliche Unterstützung. „Und es braucht eine Politik, die ländliche Räume nicht dem Rückzug, der Frustration oder antidemokratischen Kräften überlässt, sondern sie als demokratische Gestaltungsräume ernst nimmt.“ Nur so könnten junge Menschen auch künftig das Gemeinwesen vor Ort mitgestalten - in der Landjugend, im Sportverein, in der Feuerwehr und in vielen anderen Orten gelebter Demokratie.

Susann Seifert, Geschäftsführerin der „Erlebe was geht gGmbH“ in Altenburg (Thüringen), konstatierte eine durchaus vorhandene Engagementbereitschaft. „Die Menschen sind da, die Ideen sind da - doch das Ehrenamt ist auf zu wenigen Schultern verteilt“, befand sie. Das habe auch damit zu tun, dass der Landkreis Altenburger Land der zweitälteste Landkreis in ganz Deutschland sei, mit die niedrigsten Bruttolöhne Deutschlands habe und mit der Abwanderung junger Menschen kämpfe. Gleichzeitig sei die soziale Infrastruktur über die Jahre sehr ausgedünnt worden, wodurch es für viele Menschen an Möglichkeiten fehle, miteinander in Kontakt zu kommen. Zu erleben sei außerdem, dass Ehrenamt vielerorts Aufgaben übernimmt, die früher Teil öffentlicher Infrastruktur gewesen seien. „Das alles zeigt: Ehrenamt im ländlichen Raum steht unter doppeltem Druck“, so Seifert.

Zahlreiche Rahmenbedingungen sorgten noch für zusätzliche Reibung, die Engagement hemmt und letztlich bremst. Sie nannte komplizierte Genehmigungen, zeitraubende Berichtspflichten und ausufernd komplexe Regelwerke. Das alles koste in der Summe viel Zeit und sorge für eine spürbare zusätzliche Belastung. „Auf der Strecke bleiben Energie und Motivation, also genau jene Ressourcen, die im Engagement ohnehin knapp sind“, sagte Seifert.

Die Soziologin Tuuli-Marja Kleiner vom Thünen-Institut für Lebensverhältnisse in ländlichen Räumen machte deutlich, dass zivilgesellschaftliches Engagement in ländlichen Räumen ein wichtiger Bestandteil gesellschaftlichen Zusammenhalts sei, seine Wirkungen jedoch weder selbstverständlich noch gleich verteilt seien. Engagement entfalte seine Potenziale nur unter bestimmten sozialen und institutionellen Bedingungen - und bleibe ohne entsprechende Unterstützung in seinen Möglichkeiten begrenzt. Engagement sollte daher nicht als selbstverständlich verfügbare Ressource betrachtet werden, die staatliche Leistungen ersetzen kann. Vielmehr müsse anerkannt werden, dass Engagement selbst auf unterstützende Infrastrukturen, verlässliche Förderstrukturen und institutionelle Einbettung angewiesen ist.

Eine zukunftsorientierte Engagementpolitik erfordert Kleiner zufolge auch eine aktive Auseinandersetzung mit sozialer Ungleichheit. Ziel müsse es sein, Zugänge zu Engagement breiter zu öffnen, exkludierende Strukturen abzubauen und die Beteiligung bislang unterrepräsentierter Gruppen gezielt zu stärken. Die Soziologin plädierte zudem für eine stärkere Förderung der Engagementforschung. Dies sei unerlässlich, um besser zu verstehen, unter welchen Umständen und Bedingungen die Selbstorganisation von Bürgerinnen und Bürgern tatsächlich soziale, integrierende und demokratische Wirkungen entfaltet - „und wo ihre Grenzen liegen“.