Fokusausstellung

Hans Haacke

Hans Haacke steht vor dem Kunstwerk Der Bevölkerung im Reichstagsgebäude.

(© DBT/Jens Liebchen)

DER BEVÖLKERUNG

Dokumentationsausstellung zu 25 Jahren Partizipation DER BEVÖLKERUNG 

Als Hans Haacke 1998 vom Kunstbeirat des Deutschen Bundestages gebeten wurde, einen Entwurf für die künstlerische Gestaltung des nördlichen Lichthofs des Reichstagsgebäudes einzureichen, war nicht zu erwarten, dass das Ergebnis ohne Widerspruch durchgehen würde. Hans Haacke ist ein politischer Künstler, ein unbequemer Provokateur. Wiederholt luden Museen ihn aus, füllte er die Feuilletons mit Debatten zu seinen Werken und sah sich mit dem Vorwurf konfrontiert, nicht Kunst, sondern Politik zu machen. Haacke hatte für den Lichthof eine zweiteilige Installation vorgeschlagen: In einem mit Holzbohlen eingefassten Kiesbett sollten Leuchtbuchstaben liegen, die die Inschrift „Der Bevölkerung“ formen. Die Fläche sollte von Abgeordneten des Deutschen Bundestages und ihren Wählerinnen und Wählern mit Erde gefüllt werden: ein Zentner aus jedem Wahlkreis. Auf diese Weise würde eine einmalige Bodenzusammensetzung entstehen, und die eingebrachten Samen würden im Laufe der Zeit ein eigenes Ökosystem bilden. 

Der Stein des Anstoßes lag in den Details. Zum einen reagierte Haacke mit seiner Widmung unmittelbar auf die Inschrift am Giebel des Westportals des Reichstagsgebäudes. „Dem Deutschen Volke“ steht da in einer unverwechselbaren, nur für diesen Zweck entwickelten Schrifttype, die Haacke nun auch für das Beet verwendete. Er begründete dies mit einem Zitat Bertolt Brechts, der im Jahr 1934 postuliert hatte: „Wer in unserer Zeit statt Volk Bevölkerung und statt Boden Landbesitz sagt, unterstützt schon viele Lügen nicht. Er nimmt den Wörtern ihre faule Mystik.“ Haacke problematisierte damit den mit der Idee der homogenen Nation verbundenen Begriff „Volk“, der im Gegensatz zur heterogenen Lebensrealität einer aus vielen Herkunftsländern stammenden Bevölkerung steht. Bei der Plenardebatte am 5. April 2000 wurde auch die aus den Wahlkreisen mitzubringende Erde problematisch gesehen, zu stark war für einige Abgeordnete die Erinnerung an die Blut- und Bodenpolitik der Nationalsozialisten. Die Debatte, deren Ausgang schließlich denkbar knapp mit zwei Stimmen für das Kunstwerk endete, ist ausführlich dokumentiert. Seit der Eröffnung der Installation am 12. September 2000 haben sich etwa 500 Abgeordnete des Deutschen Bundestages (Stand: Juli 2025) am Projekt beteiligt. Eine Webcam dokumentiert zudem die Veränderung des Werkes, das in diesem Jahr sein 25. Jubiläum feiert.

Aus Anlass des 25. Jahrestages der Einweihung der Installation gründete Oliver Schwarz, der Projektpartner von Hans Haacke für das Projekt im Reichstagsgebäude, die „Werkstatt der Bevölkerung“ – eine Initiative, bei der Haackes Idee durch Ausstellungen, Workshops und anderen Formaten als „zivilgesellschaftliche Initiative für eine lebendige Demokratie und offene Gesellschaft“ Kooperationen zwischen Kunst und Politik in ganz Deutschland initiiert.

Konzept: Oliver Schwarz