Fatoş İrwen

(© Fatoş İrwen)
BEGINNING
Mit BEGINNING versammelt Fatos Irwen Arbeiten, die aus persönlichen Erfahrungen und der Geschichte ihres Herkunftsortes hervorgegangen sind. Ihre Arbeiten folgen den Rissen, durch die Licht eindringt, und lassen Orte, Körper und Materialien, die Spuren von Gewalt tragen, von Beharrlichkeit, Freiheit und dem stetigen Fluss des Lebens erzählen.
Fatos Irwens Heimatstadt Diyarbakir – mehrheitlich kurdisch bewohnt, eine der ältesten Kulturlandschaften Mesopotamiens und 2023 erneut vom Erdbeben schwer getroffen – bildet den Hintergrund ihrer Präsentation. Die Stadt, besonders das historische Viertel Sûr, trägt Jahrtausende menschlicher Geschichte ebenso wie die Narben politischer Konflikte und Zerstörung. Erde, die in Diyarbakir Friedhöfe, Häuser und Gärten überdauert, ist bei Irwen ein Material, das Vergangenes bewahrt, selbst wenn Orte verschwinden. Diese Verbindung von Boden, Körper und Erinnerung prägt Fatos Irwens Blick auf die berühmten Hevsel-Gärten, die zwischen den Stadtmauern Diyarbakirs und dem Tigris liegen. Hinter ihrer fruchtbaren Weite steht eine belastete Geschichte von Gewalt, ungeklärten Morden und politischen Konflikten. In Irwens Arbeiten erscheinen die Gärten als flüchtige Spiegelungen im Fluss.
In ihrem Video Ritual kehrt die Künstlerin in das Haus ihres Großvaters im Viertel Sûr zurück. Während sie ihr langes Haar kämmt, legt sich der Klang des zikr, eines rhythmischen Gebetsgesangs, über den Raum. Die Geste markiert die Rückeroberung eines Ortes, der lange patriarchal geprägt war. Haar zeigt den
Lauf der Zeit und speichert Erinnerung; in Irwens Arbeiten wird es zu einem Material, das persönliche Erfahrungen mit denen anderer Frauen verbindet.
In Safety Net (Safety Net for Women), entstanden während ihrer dreijährigen Inhaftierung in Diyarbakir (2017–2020), verknüpft Irwen das Haar ihrer Mit-gefangenen zu Seilen und schließlich zu einem Netz. Dieses Netz trägt Spuren von Fürsorge und Überleben und bildet einen gemeinsamen Körper, in dem sich Gesten gegenseitiger Unterstützung einschreiben. In ihrer Arbeit Nehirler Akarken (While the Rivers Are Flowing) folgt Irwen dem Fluss des Wassers und den Erinnerungen, die selbst in unruhigen Zeiten weitergehen und Vergangenes mit Kommendem verbinden.
Mit BEGINNING knüpft Fatos Irwen an ihren Beitrag zu Artikel 15 des Grundgesetzes an, in dem Fragen zu Eigentum, Boden und dem Verhältnis zum Gemeinwohl verhandelt werden. Indem Irwen sammelt, schichtet, löst, verwebt oder in Bewegung setzt, legt sie verborgene Schichten von gelebter Erfahrung frei. So werden einfache Materialien zu Trägern von Erinnerungen, die Vergangenes sichtbar machen und Prozesse von Veränderung und Neubeginn anstoßen. BEGINNING zeigt, wie Fragilität und Beharrlichkeit, Verlust und Neubeginn nebeneinanderstehen – und wie Irwens künstlerische Praxis Wege öffnet, trotz allem weiterzugehen.