Klöckner: Die Mauer hat in Deutschland
Spuren gezogen

Bundestagspräsident Julia Klöckner während ihrer Rede zum 65. Jahrestag des Baus der Berliner Mauer (© picture alliance / epd-bild | Christian Ditsch)
„Die Mauer hat in Deutschland Spuren gezogen, die unsere Wege heute noch beeinflussen“, sagte Bundestagspräsidentin Julia Klöckner am 65. Jahrestag des Baus der Berliner Mauer. Klöckner hielt am Donnerstag, 13. August 2026, die Rede in der Gedenkveranstaltung der Stiftung Berliner Mauer in der Kapelle der Versöhnung an der Bernauer Straße. „Ost und West spielen in unserem Selbstverständnis weiterhin eine Rolle“, stellte die Bundestagspräsidentin fest.
Politische Fragen würden auf beiden Seiten manchmal sehr unterschiedlich beantwortet. Klöckner nannte als Beispiele Migration, Corona, den Umgang mit Russland. „Große Streitthemen werden zu neuen, unsichtbaren Mauern. Junge Menschen sagen, sie fühlen sich gemeinsam ostdeutsch, nur weil sie auf einer bestimmten Seite des Landes geboren wurden.“
Die ersten Maueropfer

Bundestagspräsidentin Julia Klöckner nach der Kranzniederlegung am Denkmal für die Maueropfer an der Ackerstraße in Berlin (© Deutscher Bundestag/Henning Schacht)
Die Bundestagspräsidentin erinnerte daran, dass in der Nacht auf den 13. August 1961 in Berlin Truppen auffuhren, um die Sektorengrenzen abzuriegeln. Bis dahin hatten fast drei Millionen Menschen, vor allem junge, gut ausgebildete, der DDR den Rücken gekehrt: „Wer konnte, ging in den Westen, in das freie Deutschland.“ Die ersten, die nach dem Mauerbau alles riskierten und dies mit dem Leben bezahlten, waren Ida Siekmann und Günter Litfin.
An der Bernauer Straße verlief die Grenze zwischen dem sowjetischen Sektor (Stadtbezirk Mitte in Ost-Berlin) und dem französischen Sektor (Stadtbezirk Wedding in West-Berlin). Am 22. August, einen Tag vor ihrem 59. Geburtstag, sprang Ida Siekmann aus dem dritten Stock ihrer Wohnung in der Bernauer Straße auf den schon zum Wedding gehörenden Bürgersteig. Sie starb noch am selben Tag an ihren schweren Verletzungen.
Der 24-jährige Günter Litfin wurde zwei Tage später, am 24. August 1961, beim Versuch, durch den Humboldthafen nach West-Berlin zu schwimmen, von der DDR-Transportpolizei erschossen. „Günter Liftfin war das erste Opfer des Schießbefehls in Berlin“, sagte die Bundestagspräsidentin.
„Ein Akt politischer Gewalt“
„Am 13. August entschied der Wohnort, das Stadtviertel oder gar die Straßenseite über Freiheit und Unfreiheit. Die Mauer teilte nicht nur die Bernauer Straße, nicht nur Berlin. Sie teilte Deutschland, sie teilte Europa, sie teilte die Welt.“ Eine Mauer durch eine Stadt zu ziehen, sei ein „Akt politischer Gewalt“, sagte Klöckner: „Die DDR war kein Friedensstaat – sie kämpfte gegen diejenigen, die eine eigene Meinung vertraten, die ihre Freiheit leben und sich nicht unterordnen wollten.“
Tausende Menschen wurden in den ersten drei Wochen nach dem Mauerbau wegen „staatsfeindlicher Hetze“ oder „Staatsverleumdung“ verhaftet. Nach den Worten Klöckners wurde der staatliche Terror immer effizienter und menschenfeindlicher. „In Haftanstalten wie Hohenschönhausen wurden Menschen gequält, gefoltert, erniedrigt. Misstrauen wurde zur Staatsdoktrin, die Zersetzung politischer Gegner zum Herrschaftsinstrument. Die Stasi war die Lebensversicherung des Regimes.“
Getrennte Erfahrungen beiderseits der Mauer
Diese Teilung habe nicht nur zu zwei Staaten einer Nation, sondern auch zu zwei Identitäten geführt, so die Bundestagspräsidentin. Die Bürger der Bundesrepublik und der DDR hätten die Welt in den nächsten Jahrzehnten aus sehr verschiedenen Blickwinkeln gesehen, hätten mit den Deutschen auf ihrer Seite Erfahrungen geteilt, die die Deutschen auf der anderen Seite nicht teilten. Klöckner nannte den Prager Frühling, den RAF-Terror, die Solidarność-Bewegung, die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Darüber sei diesseits und jenseits der Mauer anders informiert und anders diskutiert worden.
Mehr als 28 Jahr lang stand die Mauer, ehe sie sich am 9. November 1989 öffnete. Heute sei die frühere Grenze fast unsichtbar, Orte wie die Bernauer Straße seien zu touristischen Sehenswürdigkeiten geworden, sagte Klöckner.
„DDR so weit entfernt wie das Römische Reich“
Die Mauer wirke in den Köpfen selbst der Generationen nach, die nach dem Mauerfall geboren wurden. Zugleich rücke die DDR für viele Menschen immer weiter in die Geschichte: Für viele Jugendliche sei die DDR heute so weit entfernt wie das Römische Reich, zitierte Klöckner den anwesenden Mario Röllig, der als junger Mann im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen inhaftiert war.
Die Bundestagspräsidentin rief in ihrer Rede dazu auf, sich nicht in der Geschichte zu verlieren, sondern aus ihr zu lernen. Für Ostdeutsche habe sich mit der Einheit alles geändert, für Westdeutsche hingegen nicht viel. Manche Erfahrungen des Übergangs wirkten bis heute nach. Wer sie verstehen wolle, müsse bereit sein, zuzuhören. Für alle Deutschen gelte: „Wir müssen verstehen wollen. Auch dafür gedenken wir, auch dafür blicken wir zurück.“
„Die Freiheitsideen von 1989 sind in Gefahr“
Klöckner erinnerte an den Mut, der 1989 die Mauer zum Einsturz brachte. Dieser Mut, aufeinander zuzugehen, sei heute gefragt. Um die Hindernisse zu überwinden, „die manchmal immer noch zwischen uns sind“, müssten eingetretene Wege verlassen werden. Die Freiheitsideen von 1989 seien erneut in Gefahr – nicht durch Stacheldraht, sondern durch Gleichgültigkeit und Desinteresse, durch hohe Erwartungen und die Versuchung, immer mehr Verantwortung an den Staat zu delegieren. Und durch die Illusion, einfach Antworten lösten komplexe Fragen.
Ein freies Land braucht nach den Worten Klöckners keinen „Schutzwall“, sondern die Unantastbarkeit der Menschenwürde als „Schutzschild gegen jede Form der Unmenschlichkeit“. Eine Lehre von 1989 sei, „dass wir diesen hart errungenen Frieden in einem freien Europa nicht riskieren dürfen. Wir müssen für ihn kämpfen“.
„Freiheit muss verteidigt werden“
Im Zweifel müsse Freiheit verteidigt werden gegen Gleichgültigkeit, Desinteresse, Relativierungen und Freiheitsfeinde im Innern und nach außen. Denn: „Für die Freiheit entscheidet man sich, für die Unfreiheit nicht. Lassen wir also nicht andere über unsere Freiheit entscheiden.“
Vor der Rede Klöckners hatte der Regierende Bürgermeister von Berlin, Kai Wegner (CDU), unter anderem darauf hingewiesen, dass mehr als 140 Menschen an der Mauer ermordet wurden. An der Veranstaltung nahmen auch die SED-Opferbeauftragte beim Deutschen Bundestag, Evelyn Zupke, der Staatsminister für Kultur und Medien, Dr. Wolfram Weimer, und der Vizepräsident des Berliner Abgeordnetenhauses, Dennis Buchner (SPD), teil. (vom/13.08.2026)