Parlament

Luise Albertz

Porträt von Luise Albertz (SPD), 1901 bis 1979

(© DBT/unbekannt)

Luise Albertz, als Oberhausens Oberbürgermeisterin einzige Frau in einem solchen kommunalen Amt in den westlichen Besatzungszonen, trägt im Bundestag den Beinamen „Mutter der Bedrängten“: Sie engagiert sich leidenschaftlich für die Belange der Bürgerinnen und Bürger im Petitionsausschuss.

Geboren wurde Luise Albertz 1901 in Duisburg, doch die Familie zog bald nach Oberhausen. Bergbau, Stahlindustrie und Chemiewerke prägten das Bild der Stadt im Ruhrgebiet. Nach dem Ersten Weltkrieg machte sie eine Ausbildung bei der Stadtverwaltung, und wurde – nachdem sie anschließend zunächst bei Privatunternehmen als Buchhalterin tätig gewesen war – 1939 hierhin „dienstverpflichtet“. Nach Kriegsende arbeitet sie als Sekretärin des ernannten Oberbürgermeisters. Oberhausen ist ihre Heimat; „die ganze Stadt – das ist meine Familie“, wie sie später selbst sagt. 

Über ihre eigentliche Familie hingegen gibt sie wenig preis. Den Melderegistern zufolge starb die Mutter früh – da war Luise noch keine acht Jahre alt, ihre Schwester Bernhardine, genannt „Dine“, noch keine drei Jahre. Der Vater heiratete 1913 ein zweites Mal, doch im April 1940 starb auch sie. Da lebte ihre Schwester Dine schon lange im Exil: bereits seit Juni 1933 in Dänemark, vom März 1937 an in Schweden. Erst 1967 erzählt Luise Albertz in einem Gespräch mit der „Zeit“, dass sie einen Verlobten hatte, der vor den Nationalsozialisten ins Exil flüchtete. Nach Kriegsende kehrt er zwar nach Deutschland zurück, stirbt jedoch schon kurze Zeit später. Luise Albertz bleibt ledig. 

Der Vater ist das einzige Familienmitglied, von dem mehr bekannt ist – er war ihr großes Vorbild: Hermann Albertz war Schreiner, arbeitete später als Journalist und betrieb einen Buchladen. Von 1919 bis 1933 war er Stadtverordneter der SPD in Oberhausen und von 1930 bis 1932 Mitglied des Preußischen Landtages. Seine Tochter Luise engagierte sich zunächst in der „Sozialistischen Arbeiterjugend“, später dann als Mitglied der SPD. Der Vater wurde nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten mehrmals verhaftet. Im August 1944 deportierte man ihn im Rahmen der „Aktion Gewitter“ in das KZ Sachsenhausen. Jahrelang suchte Luise Albertz vergebens nach ihrem Vater, bis sie erfuhr, dass er 1945 im KZ Bergen-Belsen gestorben war. Sein genaues Todesdatum ist bis heute unbekannt. Zum Kriegsende ist Luise allein; ihre Schwester Dine kehrt erst später zurück nach Oberhausen.

Zitat: Das festgemauerte Gehäuse des Regierungsapparats, das in seinem Innern dem harmlosen Bürger ein Irrgarten von Zuständigkeiten scheint, sollte zu einem Glashaus werden, durchsichtig, überschaubar und damit auch begreifbar für den, der sich nur die Mühe des ernsthaften Betrachtens macht.

(© DBT)

Luise Albertz startet hier binnen kurzem eine beachtliche politische Karriere, bei der sie zunächst vom hohen Ansehen ihres Vaters profitiert. Bereits am 5. November 1946 wird sie „Oberbürgermeister“ der Stadt – es gibt noch kein weibliches Äquivalent, sie ist die erste Frau in diesem Amt – und die einzige in den Westzonen. In ihrer Antrittsrede verbindet sie die Erinnerung an ihren Vater mit dem eigenen politischen Programm, das sie zeitlebens leiten wird: „Mein Vater hat mich erzogen, das Wohl aller Schaffenden immer im Auge zu haben und mich dafür einzusetzen (…) Er hat mir durch sein Vorbild gezeigt, demokratisch und tolerant zu sein, und wies mich an, dass der Ärmste zuerst Hilfe zu erhalten hat.“ Schon ein Jahr später vertritt sie ihren Wahlkreis Oberhausen im ersten nordrhein-westfälischen Landtag. Die Versorgungslage ist überaus schlecht. Im Frühjahr 1947 gibt es im Ruhrgebiet „Hungerdemonstrationen“. Selbst Kartoffeln sind kontingentiert und gelangen oft nur zu den Arbeitern in die Werksküchen, nicht aber zu ihren Familien. 

Als die Oberbürgermeisterin und Landtagsabgeordnete im Herbst erfährt, dass ein beträchtlicher Teil der Kartoffelernte die Menschen im Ruhrgebiet gar nicht erreichen soll, verhandelt sie kurzerhand mit dem niedersächsischen Landwirtschaftsministerium und den Landwirtschaftsverbänden über Kartoffellieferungen – erfolglos. Doch sie gibt nicht auf, und vermittelt schließlich ein „Kompensationsgeschäft“: das Hüttenwerk Oberhausen tauscht ein Abfallprodukt aus der Stahlproduktion, das sich für Agrardünger eignet, gegen Kartoffeln von einem Großverteiler in Westfalen. Noch Jahrzehnte später wird diese Aktion, die eigentlich eine Straftat war, als Husarenstück der „Mutter Courage des Ruhrgebiets“ kolportiert. Erwähnt wird allerdings nicht, dass Luise Albertz zugleich ein Netz von Korruption aufdeckt, in das auch das niedersächsische Landwirtschaftsministerium verstrickt ist. Als sich mit der Kommunalwahl 1948 die Mehrheitsverhältnisse in Oberhausen ändern, verliert sie ihr Amt als Oberbürgermeisterin, bleibt aber weiterhin Stadtverordnete. 

1949 wird sie über die Landesliste in den ersten Deutschen Bundestag gewählt. Einige Monate später legt sie ihr Landtagsmandat nieder. Dem Bundestag wird sie bis 1969 angehören. Bereits in der ersten Wahlperiode wird sie Vorsitzende des Petitionsausschusses und bleibt das die nächsten zehn Jahre. Als Rednerin im Plenum tritt Luise Albertz in ihrer gesamten Abgeordnetenzeit nur dann in Erscheinung, wenn sie der Öffentlichkeit den Bericht des Petitionsausschusses und dessen Arbeitsweise vorstellt. Schon in ihrer ersten Bundestagsrede verwahrt sie sich gegen die Bezeichnung „Hinterbänklerin“ und betont selbstbewusst die Bedeutung des Petitionsrechts für die junge Demokratie. Die Botschaft erreicht die Bürgerinnen und Bürger, die Zahl der Eingaben steigt während der Legislaturperiode rasant an. Ihr Einsatz für die Belange der Bürgerinnen und Bürger, die sich auch in den Folgejahren in zahlreichen Petitionen an den Deutschen Bundestag wenden, bringt der kinderlosen Abgeordneten den Beinamen „Mutter der Bedrängten“ ein.

Auch als Oberbürgermeisterin – ein Amt, das sie von 1956 an erneut bis zu ihrem Tod ausübt – wird sie diesem Beinamen gerecht. Die späten 1960er Jahre sind die Zeit tiefgreifender wirtschaftlicher Krisen im Ruhrgebiet; es drohen Zechenstilllegungen, die Tausende von Arbeitern auf die Straße treiben. Die Oberbürgermeisterin von Oberhausen und ihre Amtskollegen im Ruhrgebiet können nicht jede Werksstilllegung verhindern, doch Luise Albertz gelingt es, die aufgebrachte Stimmung auf öffentlichen Versammlungen zu glätten und Akzeptanz für die Planungen der SPD-geführten Landesregierung zu erreichen. 

Die kommunalen Aufgaben fordern ihre ganze Aufmerksamkeit und kosten sie viel Kraft; 1969 tritt Luise Albertz nicht noch einmal für den Deutschen Bundestag an. Am 1. Februar 1979 stirbt Luise Albertz in ihrem Heimatort – noch immer im Amt und in Verantwortung für die Menschen.

(he)

Der Text ist entnommen aus dem Buch „Der nächste Redner ist eine Dame“, herausgegeben vom Deutschen Bundestag, erschienen im Ch. Links Verlag, 2024.

Zum Weiterlesen:

Fraktion des Rates der Stadt Oberhausen (Hrsg.): Politik für den Menschen: Eine Dokumentation zur Erinnerung an Luise Albertz, 1979.