Lisa Albrecht

(© DBT/unbekannt)
Lisa Albrecht, als Sozialdemokratin im Nationalsozialismus verfolgt und verhaftet, engagierte sich nach dem Zweiten Weltkrieg für den Wiederaufbau der SPD und wird stellvertretende Landesvorsitzende in Bayern. Im Bundestag tritt sie vehement für die Gleichstellung männlicher und weiblicher Beamter ein.
Lisa Albrecht und ihr bei alliierten Luftangriffen auf die Hauptstadt schwerverletzter Mann flüchten 1944 von Berlin in den bayerischen Ort Mittenwald. Außer einigen Büchern besitzen die beiden Sozialdemokraten kaum noch etwas. Doch bereits einige Monate später, kurz nach Kriegsende, hat Lisa Albrecht an ihrem Fluchtort Fuß gefasst, vertritt die SPD im örtlichen Gemeinderat und wird 1946 stellvertretende Landesvorsitzende. Wer war diese ungewöhnlich tatkräftige und überzeugende Frau?
Lisa Hartjen wurde am 27. Mai 1896 als Älteste in eine kinderreiche Hamburger Beamtenfamilie geboren. Nach dem Besuch der Handelsschule arbeitete sie als Angestellte einer Konsumgenossenschaft und begann ihr politisches Engagement in der Sozialistischen Arbeiterjugend. 1914 wurde sie Mitglied der SPD und der Angestelltengewerkschaft. Der Arbeiterwohlfahrt trat sie noch in deren Gründungsjahr bei. Während bei den meisten ihrer Parteigenossinen das Elternhaus prägend war für das eigene politische Interesse, engagierte sich Lisa Albrecht gegen den ausgesprochenen Willen der Eltern – sie hatte eben ihren eigenen Kopf.
Den bewies sie auch mit der Heirat des Arbeiters August Albrecht heiratete, dem damals ersten Geschäftsführer des Verbandes der Deutschen Arbeiterjugendvereine. Als er 1919 Jugendsekretär beim Parteivorstand der SPD wurde, siedelte das Paar nach Berlin über. Hier brachte Lisa Albrecht ihre Tochter zur Welt und war zugleich berufstätig, zunächst als Sportlehrerin, ab 1928 hauptamtlich als Frauensekretärin der SPD für die Provinz Brandenburg. An der frisch gegründeten „Wohlfahrtsschule der Arbeiterwohlfahrt“ war sie zudem eine beliebte Kursleiterin. In ihren Erinnerungen beschreibt die spätere Bundestagspräsidentin Annemarie Renger, wie sehr Lisa Albrecht sie damals beeindruckt hat: „ In der Lindenstraße 3, dem Sitz des Parteivorstandes in Berlin SW, hatte mein Vater oft zu tun. Er nahm mich auch häufig zu dem von August Albrecht geleiteten Bücherkreis mit. Seine Frau Lisa, Sportlehrerin von Beruf und eine der Parteisekretärinnen im Bezirk Berlin-Brandenburg der SPD, war mein Idol. Sie war es auch, die meinen Berufswunsch ausgelöst hatte.“

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Das Jahr 1933 bedeutete für Lisa Albrecht und ihren Ehemann eine Zäsur: Alles, was sie bisher getan hatten, war von nun an illegal. Die Nationalsozialisten verboten die SPD, auch der Bücherkreis - eine sozialdemokratische Buchgemeinschaft - und der Buchladen der Albrechts wurden geschlossen. Mehrfach wurde Lisa Albrecht verhört, verhaftet, wieder freigelassen, überwacht. Von den schweren Misshandlungen während ihrer Haft konnte sie sich 1934 in einem Heim der christlichen Quäkergemeinde erholen; ihre Tochter brachte sie bis zur deutschen Invasion in einer Quäkerschule in den Niederlanden unter. Später wird sie selbst Mitglied der Quäkergemeinschaft. Trotz drohender Verhaftungen betrieben die Eheleute heimlich weiter einen Buchladen als Treffpunkt für Gleichgesinnte, bis 1944 ein Bombenangriff den Laden und ihre Wohnung zerstörte. Es folgte die Flucht nach Bayern.
Bei Kriegsende ist Lisa Albrecht allein, der schwerste Verlust: Ihre Tochter ist an den Folgen von „Kriegseinwirkungen“ gestorben, wie sie später in einem Fragebogen schreibt. Ihr Ehemann übernimmt beim SPD-Parteivorstand in Hannover eine Tätigkeit als Verleger und kehrt erst viele Jahre später nach Oberbayern zurück.
Lisa Albrecht engagiert sich beim Wiederaufbau der Sozialdemokratie – auf kommunaler und auf Landesebene. Sie wird Vorsitzende der Landesfrauenarbeitsgemeinschaft und sogar stellvertretende SPD-Landesvorsitzende. Über die Landesliste wird sie 1949 in den ersten Deutschen Bundestag gewählt. Die Verbesserung der Lebens- und Arbeitssituation der Frauen bleibt auch als Bundestagsabgeordnete ihr großes Anliegen. Als Mitglied des Ausschusses für Beamtenrecht fordert sie nachdrücklich die Überarbeitung von Gesetzen aus der Zeit des Nationalsozialismus, um die Gleichstellung männlicher und weiblicher Beamter zu erreichen. Es gelingt ihr, die Zustimmung der CDU für ihren Vorschlag zu bekommen, die Altersgrenze für den Eintritt in das Beamtenverhältnis für Frauen auf 27 Jahre herabzusetzen und somit dem der Männer anzugleichen: „Aber wenn Sie der Frau nicht die Möglichkeit geben, genauso mit dem vollendeten 27. Lebensjahr in das Beamtenverhältnis hineinzugehen, dann beschneiden Sie ihr eine ganze Menge Arbeitsjahre, und in der heutigen Zeit der so kolossalen gesellschaftlichen Umwandlung … (Abg. Dr. Wuermeling: Wir stimmen ja zu!) – Sie stimmen zu? Dann erübrigt es sich, dass ich weiterspreche (…). Ich danke Ihnen für ihre moderne Haltung. (Lebhafter Beifall bei der SPD und bei der KPD. – Bravorufe rechts und in der Mitte.)“
Die Journalistin Nora von Kapp schreibt damals begeistert: „Man wird sie sich merken müssen, denn sie verkörpert heute wohl d e n Typ der Politikerin, den wir am nötigsten brauchen.“ Mitunter erntet sie aber auch heftigen Widerspruch – besonders von ihren männlichen Kollegen – wenn sie in der Debatte über das Beamtenrecht feststellt: „Die Frauen waren die Hauptleidtragenden der beiden verlorenen Kriege.“ Die Belange der Beamtinnen bringt Lisa Albrecht auch in der Debatte zum Mutterschutzgesetz zur Sprache. Diese lebhafte Debatte wird zum sachorientierten Austausch zwischen Parlamentarierinnen aller Fraktionen. Die Erfahrungen zweier Weltkriege haben Lisa Albrecht zu einer Verfechterin der Gewaltfreiheit gemacht. Als im Bundestag 1956 die Wehrverfassung debattiert wird, mit der das Grundgesetz um Artikel 87a ergänzt wird, stimmt sie entgegen der Meinung ihrer Fraktion mit „Nein“. Im neu gegründeten „Ausschuss für Atomfragen“ setzt sie sich in der zweiten Wahlperiode dafür ein, dass die Bundeswehr nicht mit atomaren Waffen ausgerüstet wird.
In ihrem Landesverband bleibt sie unangefochten. 1957 wird sie ein drittes Mal in den Bundestag gewählt. An Plenardebatten beteiligt sie sich allerdings nicht mehr; sie ist bereits zu schwer erkrankt. Lisa Albrecht stirbt am 16. Mai 1958 in ihrer bayerischen Wahlheimat.
(he)
Der Text ist entnommen aus dem Buch „Der nächste Redner ist eine Dame“, herausgegeben vom Deutschen Bundestag, erschienen im Ch. Links Verlag, 2024.
Zum Weiterlesen:
Lisa Albrecht, Frauen als Vorbilder! In: Lisa Albrecht u. Hanna Simon (Hrsg.), Frauenbuch, München 1947, S. 26 - 32.
Nora von Kapp, Lisa Albrecht, in: Die Freiheit, v. 19.04.1950.