Thea Arnold

(© DBT/unbekannt)
Thea Arnold fand spät zur Politik, im Deutschen Bundestag setzte sich stark für soziale Belange ein und trat als leidenschaftliche Gegnerin der Wiederbewaffnung in Erscheinung.
Die pensionierte Schulrektorin Thea Arnold wollte eigentlich immer nur Lehrerin sein. Doch nach dem Elend, das sie in beiden Weltkriegen gesehen hatte, fühlt sie sich 1945 zum ersten Mal in ihrem langen Leben zum politischen Engagement herausgefordert. Als Bundestagsabgeordnete der ersten Stunde macht sie schon in der ersten Beratung zum Bundesversorgungsgesetz am 13. September 1950 ihr politisches Anliegen deutlich: „Ehe der Staat einen Pfennig für eine Remilitarisierung Deutschlands bewilligt, müssen die Gelder für eine ausreichende Versorgung der Kriegsversehrten und deren Hinterbliebenen aus beiden Weltkriegen — 1914 und 1939 — bereitliegen.“
Theresia Elisabeth Mathilde – genannt Thea – Arnold, wurde am 11. Dezember 1882 in Fulda geboren. Der Vater war Bürogehilfe, über den Beruf der Mutter ist nichts bekannt. Für junge Frauen, die aus einfachen Verhältnissen kamen, endete die schulische Ausbildung meist ohne Abitur, das heißt ohne Zugang zur universitären Ausbildung. So folgten ihrem Besuch der Mädchenschule das Lehrerinnenseminar und die Prüfung für das Lehramt an Volksschulen. Doch die junge Thea Arnold war ehrgeizig: nach wenigen Jahren als Lehrerin an einer Volksschule legte sie nicht nur die Prüfung für das Lehramt an mittleren und höheren Schulen ab, sondern erhielt auch kurze Zeit später die Berechtigung, als Rektorin für alle Schulformen tätig sein zu können.
Neben der beruflichen Karriere war Thea Arnold nach eigenen Angaben auch immer die ehrenamtliche Tätigkeit für das Deutsche Rote Kreuz wichtig, besonders während der beiden Weltkriege. Bereits nach dem Ersten Weltkrieg beanspruchten heimkehrende Männer die nun von Frauen besetzten Arbeitsstellen. In Preußen forderte ein sogenanntes Unterbringungsgesetz, dass die Hälfte aller Schulstellen für diesen Personenkreis freigemacht werden sollte. Thea Arnold konnte sich dennoch durchsetzen: 1919 wurde sie Rektorin an einer Volksschule im damals preußischen Düsseldorf. Wie die meisten Lehrerinnen blieb sie zeitlebens ledig, denn während des Kaiserreichs galt das sogenannte Lehrerinnen-Zölibat, das – in der Weimarer Republik 1919 nur kurzzeitig aufgehoben – bis in die 1950er-Jahre hinein bestehen blieb.
Während der Zeit des Nationalsozialismus blieb sie 1935 Schulrektorin. Ihr außerschulisches Engagement entsprach der Erwartung der nationalsozialistischen Machthaber an die Lehrerinnen: sie wurde Mitglied in der NS-Frauenschaft, dem Luftschutz und dem Winterhilfswerk. Ihr Engagement für das Deutsche Rote Kreuz wurde gern gesehen, und so verstärkte sie ihren Einsatz – besonders während des Zweiten Weltkrieges – als Leiterin einer Bereitschaftsgruppe des DRK im Kreis Düsseldorf.
Bei Kriegsende ist sie eigentlich schon im Rentenalter, doch als 1946 die Schulen wieder geöffnet werden, darf sie für die nächsten drei Jahre die Rektorinnenstelle an einer katholischen Grundschule übernehmen. Zum ersten Mal in ihrem Leben wird sie nun politisch aktiv: als Mitglied der neugegründeten Zentrumspartei wird sie 1948 in den Düsseldorfer Stadtrat gewählt. Ihr Mandat legt sie ein Jahr später nieder, weil sie zur Abgeordneten des ersten Deutschen Bundestages gewählt wird.

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Ihr Engagement für soziale Belange setzt sie im Bundestag fort: ihre Reden in den Plenardebatten zum Mutterschutzgesetz, zu Leistungen für Kriegsopfer und Kriegsheimkehrer, Lastenausgleich oder Bundesversorgungsgesetz vermitteln den Eindruck einer nimmermüden Kämpferin für die Bedürftigen. Noch immer ist sie gut vernetzt im Deutschen Roten Kreuz und gibt auch gerne Ratschläge für Verhandlungen mit der Sowjetunion, wenn es darum geht, Nachrichten über deutsche Kriegsgefangene, Verschleppte und Vermisste zu erlangen.
Ebenso leidenschaftlich beteiligt sie sich an Debatten im Bundestag, wenn es um die Sicherung des Friedens in Europa geht. Nicht ein deutscher Verteidigungsbeitrag, glaubt sie, sondern allein die Verhinderung der Wiederbewaffnung und Gespräche zwischen beiden deutschen Staaten könnten die deutsche Wiedervereinigung ermöglichen und einen neuerlichen Krieg verhindern. Als sie im März 1953 ihre Ablehnung der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft begründet, hat sie – unbeirrbar an ihrer Auffassung festhaltend – die Zentrumspartei bereits verlassen. Nur kurze Zeit gehört sie der Fraktion der Föderalistischen Union aus Abgeordneten von Bayernpartei und Zentrumspartei an. Als nunmehr fraktionslose Abgeordnete mahnt sie ein letztes Mal im Bundestag: „Seit 1914 ist unser Volk nicht mehr zur Ruhe gekommen, und eine Angst nach der anderen wurde unserem Volk und wird ihm noch heute in unverantwortlicher, propagandistischer Weise suggeriert, um es für eine Wiederaufrüstung gefügig zu machen. (…) Ich glaube, wenn die Abgeordneten einmal persönlich in diese Elendslager hineingeschaut hätten, hätten sie es nicht fertiggebracht, 13 Milliarden für die Aufrüstung zu bewilligen. (…) Schlagen Sie das Buch der Geschichte auf; kam nicht jedesmal bei einem Wettrüsten, wie wir es heute wieder haben, mit absoluter Folge der Krieg? (…) Ich möchte Sie in der letzten Minute warnen. Entscheiden Sie sich für den Frieden und ratifizieren Sie nicht! Suchen Sie zuerst (Zuruf von der Mitte: das Reich Gottes?) sich mit Russland zu verständigen. (…) Ich bitte, (…) Verhandlungen mit der Deutschen Demokratischen Republik — (Ah-Rufe rechts) Deutsche unter Deutschen — und den drei Westmächten aufzunehmen, um schnellstens zu einer Viererkonferenz zu gelangen, die uns endlich den längst fälligen Friedensvertrag gibt, der die Einheit Deutschlands wiederherstellt, die Unantastbarkeit seines Territoriums garantiert, eine sichere politische und wirtschaftliche Stellung zwischen Ost und West und Deutschlands Teilnahme als gleichberechtigte Nation in der Gemeinschaft aller Völker Europas sichert. (…) Deutschland muss wieder frei und unabhängig werden, (Zuruf von rechts: Wie denn?!) wie es unsere Väter einst waren, und in Frieden mit allen Völkern leben können.“
Bei der Bundestagswahl 1953 kandidiert sie für die Gesamtdeutsche Partei und 1957 für den Bund der Deutschen, ohne noch einmal ein Bundestagsmandat zu erringen. Thea Arnold stirbt mit 83 Jahren am 26. Januar 1966 in Düsseldorf.
(he)
Zum Weiterlesen:
Rudolf Vierhaus (hrsg.): Biographisches Handbuch der Mitglieder des Deutschen Bundestages 1949 – 2002. München, 2002, S. 22-23.
Arnold, Thea (undatiert): Handschriftlicher Lebenslauf, Parlamentsarchiv Deutscher Bundestag, ohne Signatur.