Anna Maria Bieganowski

(© gemeinfrei)
Die Münchnerin Maria Bieganowski ist als Nachrückerin die Abgeordnete mit der kürzesten Mandatszeit im ersten Deutschen Bundestag.
Als Anna Maria Bieganowski am 21. März 1952 in den Bundestag einzieht, gehört sie zu den despektierlich „Sarghüpfern“ genannten Nachrückerinnen und nimmt den Platz des verstorbenen Abgeordneten Stephan Weickert ein. Aber auch wenn Bieganowski ihr kurzzeitiges Mandat dem Tod eines Kollegen verdankt: Zufällig kommt sie nicht in die Bundespolitik, vielmehr engagiert sie sich bereits seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs politisch. 1949 kandidiert sie auf der bayerischen Landesliste der Wirtschaftlichen Aufbau-Vereinigung (WAV) für den Bundestag. Die WAV wird für ihre populistische Politik insbesondere von Flüchtlingsverbänden unterstützt. Da Bieganowski aber – wie viele Frauen in anderen Parteien – keinen der oberen Listenplätze erhält, verpasst sie zunächst den Einzug ins Parlament. Noch bevor sie nachrückt, gehört sie als Delegierte des Bayerischen Landtages der Bundesversammlung an, die am 12. September 1949 Theodor Heuss zum Bundespräsidenten wählt.
Anna Maria Bieganowski wurde am 22. April 1906 in München geboren. Über ihre Familie und ihre Kindheit sind nicht viel bekannt, auch nicht, ob sie einen Beruf erlernte. Sie besuchte zunächst die Volksschule, dann eine Fachschule. Nach eigenen Angaben arbeitete sie als Angestellte, verwaltete zeitweise den Familienbesitz und wurde mit der Betreuung von Großküchen betraut. Anna Maria Bieganowski war nicht verheiratet und hatte keine Kinder.
Eine politische Heimat findet Bieganowski nach 1945 in der Wirtschaftlichen Aufbau-Vereinigung (WAV). Die engagiert sich – überaus kritisch gegenüber der Großindustrie – vor allem für die Anliegen des Mittelstands. Außenpolitisch wirbt die Partei für die Westanbindung der Bundesrepublik, ohne darüber allerdings die Wiedervereinigung Deutschlands infrage zu stellen. Die WAV prägen dauernde interne Machtkämpfe – und ihr umstrittener Parteigründer Alfred Loritz. Der ist eine überaus schillernde und widersprüchliche Persönlichkeit in der bayerischen Politik, der sich bereits in der Weimarer Republik politisch engagierte und im Nationalsozialismus verfolgt wurde. Später gerät er wiederholt in Konflikt mit dem Gesetz und erfährt durch seine Erzählungen über unbelegte und undurchsichtige Widerstandshandlungen im Nationalsozialismus öffentliche Aufmerksamkeit. Anstelle der parlamentarischen Demokratie strebt Loritz eine „wahre Volksdemokratie“ durch Plebiszite an. Unter seiner Führung erweist sich die WAV als Sammelbecken für Nationalisten, Vertriebene und Flüchtlinge, Kleinbauern und politische Einzelkämpfer. So schafft die Partei 1946 den Einzug in die bayerische Verfassungsgebende Landesversammlung, in den Bayerischen Landtag und 1949 – die 5-Prozent-Hürde gilt nur auf Landesebene – mit immerhin zwölf Mandaten sogar in den ersten Deutschen Bundestag.
Die Heterogenität von Partei und Fraktion sorgt für Sprengstoff, und Flügelkämpfe sind an der Tagesordnung. Mehrere Abgeordnete suchen schnell Anschluss an andere Fraktionen – offenbar auch, um ihr Mandat über die Legislaturperiode hinaus zu retten. Die Wähler wenden sich rasch von der populistischen Oppositionsarbeit der WAV ab, der es über harsche Kritik hinaus an eigenen Lösungsansätzen für die multiplen Herausforderungen in der Nachkriegsgesellschaft der jungen Bundesrepublik fehlt. Schon während der ersten Wahlperiode beginnt ein Zersetzungsprozess. Die Fraktion löst sich Ende 1951 zwischenzeitlich auf, und die WAV tritt, obwohl sie in einer Liaison mit Vertretern der Sozialistische Reichspartei (SRP) als Deutsche Aufbau-Vereinigung (DAV) auf Landesebene durchaus nochmal Erfolg erzielt, zur nächsten Bundestagswahl nicht mehr an.
Anna Maria Bieganowski, die ihr Mandat krankheitsbedingt erst Ende April 1952 wahrnimmt, schließt sich im Bundestag unmittelbar der Fraktion der Deutschen Partei (DP) an, verlässt diese aber nach nur wenigen Monaten wieder. Die Motive dazu bleiben im Unklaren, ganz ungewöhnlich ist es jedoch nicht, dass Abgeordnete ihre Fraktionszugehörigkeit wechseln. Gerade in der ersten Wahlperiode herrscht ständige Bewegung, besonders unter den Abgeordneten der noch ungefestigten Kleinstparteien.
Bieganowski wird ordentliches Mitglied im Ausschuss für Wiederaufbau und Wohnungswesen. Außerdem ist sie stellvertretendes Mitglied in den Ausschüssen für Sozialpolitik und für Fragen des Gesundheitswesens. Was ihre politischen Kernthemen waren und welche Standpunkte sie in den wichtigsten Zeitfragen vertrat, lässt sich nicht rekonstruieren, da es an Dokumenten aus ihrer Mandatszeit fehlt. Im Plenum hat sie nie gesprochen.
Zum Ende der Wahlperiode wird Anna Maria Bieganowski als fraktionslose Abgeordnete geführt. Sie ist die Abgeordnete mit der kürzesten Mandatszeit und wird nicht wiedergewählt. Nach Ende ihres Mandats lebt Anna Maria Bieganowski fernab der Öffentlichkeit. Am 16. März 1986 stirbt sie kurz vor ihrem 80. Geburtstag in ihrer Heimatstadt München.
(cm/hs)
Der Text ist entnommen aus dem Buch „Der nächste Redner ist eine Dame“, herausgegeben vom Deutschen Bundestag, erschienen im Ch. Links Verlag, 2024.
Zum Weiterlesen:
Rudolf Vierhaus (Hrsg.): Biographisches Handbuch der Mitglieder des Deutschen Bundestages 1949 – 2002. München 2002. Bd. 1, S. 65.
Hans Woller: Die Loritz-Partei. Geschichte, Struktur und Politik der Wirtschaftlichen Aufbau-Vereinigung (WAV) 1945-1955. Stuttgart 1982.