Parlament

Else Brökelschen

Porträtfoto von Else Brökelschen (CDU/CSU), 1890 bis 1976

(© DBT/unbekannt)

Else Brökelschen ist promovierte Historikerin aus Niedersachsen. Im Deutschen Bundestag nimmt sie sich aus der Erfahrung, die sie in Goslar mit der Versorgung unzähliger Flüchtlinge macht, besonders der Herausforderungen im sog. „Zonenrandgebiet“ an. 

Es war ein langer Weg, den die promovierte Historikerin zurückgelegt hat, bis sie mit 59 Jahren im August 1949 in den ersten Deutschen Bundestag gewählt wird. 1952 ein Jahr vor der nächsten Bundestagswahl zieht die umtriebige Abgeordnete Bilanz und fordert die jungen Politikerinnen auf, „dass die Abgeordnetinnen (sic!) in allen Parlamenten sich nicht auf die Gebiete abdrängen lassen oder sie bevorzugen zu müssen glauben, die mit Sozialpolitik oder Jugendfürsorge zusammenhängen. Wir müssen uns daran gewöhnen, in alle Gebiete der gesetzgeberischen Arbeit hineinzugehen, und müssen dabei bereit sein, uns auch in Gebiete einzuarbeiten, die unseren natürlichen Neigungen ferner liegen.“ Zudem sollten Frauen ihre Teilhabe auch einfordern: „Wir müssen aber auf der andern Seite auch von den Männer verlangen, dass sie etwa noch vorhandene Reservatansprüche rein ‚männlicher‘ Politik aufgeben.“ 

Ihr selbst hatten als junger Frau Beratung und Unterstützung für den planvollen Aufbau einer politischen Karriere gefehlt; gesellschaftliche Hürden hatten sie – geboren am 25. Juni 1890 in Barmen hingegen weniger behindert. Offensichtlich waren ihre Eltern nicht nur wohlhabend, sondern auch der Frauenbildung gegenüber aufgeschlossen, denn sie ermöglichten ihrer Tochter das Abitur an einer privaten Bildungseinrichtung und später ein Hochschulstudium. Noch während des Ersten Weltkrieges promovierte sie nach einem Studium von Geschichte, Deutsch und Englisch 1916 in Heidelberg. Ein Jahr später legte sie zusätzlich das Staatsexamen für den Schuldienst ab und wurde Studienrätin an einem Lyzeum in Barmen. Die so hoffnungsvoll begonnene berufliche Karriere endete, als sie 1923 mit der Heirat des Lehrers Werner Brökelschen wegen des sogenannten Lehrerinnenzölibats ihren Beruf aufgeben musste.

Ihre politische Karriere hingegen blieb davon zunächst unberührt: seit 1921 vertrat Else Brökelschen als Abgeordnete der Deutschen Volkspartei (DVP) den Wahlkreis Düsseldorf im Preußischen Landtag. Die politisch unerfahrene junge Frau war von der DVP gebeten worden zu kandidieren, weil sie als Historikerin mit öffentlichen Vorträgen der französischen Kulturpropaganda im besetzten Rheinland begegnen sollte. Selbstkritisch erinnert sie sich 1952: „Ich weiß heute noch nicht, ob nicht meine Jugend und manches sonst im menschlichen Bereich damals viel mehr den Ausschlag für meine Nominierung gegeben hat als ernsthafte Überlegungen über sachliche Eignung.“ Deshalb forderte sie schon damals, „dass Frauen in den Parteien über diejenigen Frauen entscheiden müssten, die Mandatsträgerinnen werden sollen; sie urteilen kritisch über das eigene Geschlecht und verlangen sachliche Voraussetzungen.“ 

Als eine der jüngsten Abgeordneten im Preußischen Landtag von 1921 forderte sie später, „dass Frauen – und nicht nur sie – nicht zu jung in die politische Verantwortung hineingehen sollten, nicht ohne klare Vorstellung für ihre Aufgabe und auch nicht ohne ehrenamtliche oder berufliche Erfahrungen im öffentlichen Leben und endlich nicht ohne wirkliche Sachkunde auf wenigstens einem Gebiet der gesetzgeberischen Arbeit. Ich halte es für notwendig, dass sich jeder Politiker erst in der Arbeit auf der Kreis- oder Kommunalebene die Sporen verdienen sollte für den Aufstieg in die Landes- und Bundesvertretung.“ Tatsächlich verließ sie nach einer Wahlperiode den Landtag, brachte ihre Tochter zur Welt und begann Ende der 1920er Jahre auf kommunaler Ebene als Stadtverordnete in Emden, wo ihr Ehemann als Lehrer tätig war. Als ihrem Mann eine Stelle an einem Gymnasium in Goslar angeboten wurde, zog die Familie dorthin, und sie verlor ihr Amt als Stadtverordnete. Ihre weiteren politischen Ambitionen scheiterten: 1928 kandidierte sie erfolglos für den Reichstag, 1932 und 1933 verpasst sie ebenfalls den Einzug in den Preußischen Landtag. 

Zitat: Ich glaube, es ist die Aufgabe gerade von uns Frauen, in immer stärkerem Maße in unseren Kreisen darauf hinzuwirken, dass eine geschichtliche Wirklichkeit beachtet werden sollte, und dass wir nicht jenseits einer geschichtlichen Wirklichkeit auf Wunschbilder hereinfallen, die ja ganz anders aussehen, je nachdem ob man sie östlich oder westlich formuliert, …

(© DBT)

Während der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur übernahm sie keine politischen Ämter. Die Historikerin begab sich vielmehr in die Archive und beteiligte sich mit einem Aufsatz an einer Festschrift zum 750-jährigen Bestehen des örtlichen Klosters Neuwerk. Erst als der Zweite Weltkrieg begann, durfte sie wieder als Lehrerin arbeiten.

Im Krieg kaum zerstört, war Goslar bereits während des Krieges für viele Flüchtlinge die erste Zuflucht und ist es nach dem Krieg für die Flüchtlinge aus der sowjetisch besetzten Zone. Else Brökelschen wird zur CDU-Stadtverordneten gewählt. Die Unterbringung und Versorgung der Flüchtlinge gehören zu ihren vordringlichsten Aufgaben. Doch die Mittel und Möglichkeiten einer Kommunalpolitikerin sind sehr begrenzt, und deshalb kandidiert sie für den ersten Deutschen Bundestag. Kurz vor der Bundestagswahl stirbt im Juni 1949 ihre Tochter. Trotz ihrer Trauer zieht sie im September als einzige Frau der niedersächsischen CDU über die Landesliste in den Deutschen Bundestag ein.

Auch hier setzt sie sich unermüdlich für das „Zonenrandgebiet“ und die Millionen Flüchtlinge ein, die in der jungen Bundesrepublik ein neues, dauerhaftes Zuhause bekommen sollen. Sie kennt die Wohnsituation der Geflüchteten und ihre Lebensgeschichten aus vielen Gesprächen: „So bin ich wohl eine der ersten unter den Bundestagsabgeordneten gewesen, der eine regelmäßige Sprechstunde in seinem Heimatort eingerichtet hat – gerade weil ich über die niedersächsische Landesliste gewählt worden bin und so die Verpflichtung fühlte, soweit es an mir lag, eine Arbeit im leeren Raum zu vermeiden.“ Sie folgt ihrem eigenen Rat und beschäftigt sich auch mit Gesetzesthemen wie Renten, Wohnungsbau, Häftlingsgesetz oder der Wehrpflicht, auch um besondere Regelungen für Personen zu schaffen, die aus politischen Gründen in der DDR verhaftet waren. Die erfahrene Parlamentarierin versteht es als Vorsitzende von Untergremien verschiedener Ausschüsse, diese Themen im Bundestag voranzubringen. 

„Abschied vom Parlament heißt nicht Abschied von der Politik“, kommentiert sie ihre Entscheidung, nach drei Wahlperioden nicht noch einmal für den Bundestag zu kandidieren und bleibt weiterhin noch mehrere Jahre Vorsitzende des CDU-Frauenverbandes. Am 23. Oktober 1976 stirbt Dr. Else Brökelschen im Alter von 86 Jahren in Goslar.

(he)

Der Text ist entnommen aus dem Buch „Der nächste Redner ist eine Dame“, herausgegeben vom Deutschen Bundestag, erschienen im Ch. Links Verlag, 2024.

Zum Weiterlesen:

Else Brökelschen, Parlamentarische Erinnerungen und Erfahrungen, in: Der Wähler, 1952, H 3 (Juni 1952), S. 110–112.

Christa Kurkofka, Dr. Else Brökelschen, 1890-1976, in: Starke Frauen in Goslar, hrsg.v. Stadt Goslar, Goslar 2007, S. 43-63.