Parlament

Maria Dietz

Porträtfoto von Maria Dietz (CDU/CSU), 1894 bis 1980

(© DBT/unbekannt)

Maria Dietz zählt zu den Mitbegründerinnen der CDU und engagiert sich als Abgeordnete auch für die Wiedergutmachung und Aussöhnung mit Frankreich.

Was für Maria Dietz ihre Tätigkeit als Parlamentarierin ausmacht, beschreibt sie in einem Text mit dem Titel „Die Mappe der Abgeordneten“: „Immer, wenn ich montags zur Arbeitswoche nach Bonn fahre, ist meine Arbeitsmappe schwer, schwer von Menschenschicksalen. (…) Wanda Bolewska – eine Polin und nun in Paris lebend – gehört zu den Unglücklichen, die im Dritten Reich im KZ waren und die in gewissenloser Weise zu medizinischen Versuchsoperationen missbraucht worden sind und an den Folgen noch heute tragen. Nun hat sie meinen Namen gelesen unter dem Initiativantrag, der eine Hilfe und Wiedergutmachung für diese Ärmsten verlangt. Als Frau wendet sie sich an mich, die Frau. Was hat zu geschehen? Ärztliches Gutachten anfordern, lange Verhandlungen mit dem zuständigen Ministerium, Besprechung mit der Bittstellerin, die eigens aus Frankreich herüberkommt. Es konnte ihr geholfen werden. Nun sitzt sie mir gegenüber, blass und schwach, aber glücklich, (…). Gibt es einen schöneren Lohn?“ 

Not und Leid begegneten Maria Dietz erst spät in ihrem Leben. Bis zur Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933 führte sie ein privilegiertes Dasein. Ihre Kindheit in einer großbürgerlichen Kaufmannsfamilie in Düsseldorf beschreibt sie als anregend und geborgen, mit ungewöhnlich vielen interessanten Familienmitgliedern aus aller Welt: „Da war Onkel Anton, der eine Engländerin als Frau hatte und mit Vorliebe englisch sprach, Onkel Johann, der eine Tätigkeit beim Vatikan gefunden hatte und sieben Sprachen beherrschte (…). Da war Onkel Fritz, der in Amerika sein Glück gesucht und gefunden hatte (…). Manchmal erschien der Onkel aus Belgien, ein gepflegter alter Herr mit goldenem Kneifer, der sich berufen fühlte, unsere französischen Sprachkenntnisse zu examinieren.“ Maria lernte englisch und französisch, verbrachte ihre Ferien häufig im Ausland. Sie wurde Lehrerin und unterrichtete während des Ersten Weltkrieges zunächst am St. Ursula Lyzeum in Düsseldorf, später am städtischen Oberlyzeum in Siegburg bei Bonn Deutsch und Französisch. Sie heiratete mit 28 Jahren, spät für damalige Verhältnisse. 

Die Heirat bedeutete, den geliebten Beruf aufgeben zu müssen: „Am 22. Dezember 1922 vereheligte ich mich mit Herrn Heinrich Dietz in Mainz und musste, damaligen Gesetzen entsprechend, aus dem Lehramt ausscheiden.“ Ihr Mann hatte eine Stelle als Sparkassendirektor in Mainz und so zog sie zu ihm, bekam 1924 eine Tochter und 1928 einen Sohn. Als Hausfrau und Mutter fehlte ihr intellektuelle Anregung, und so schloss sie sich dem Katholischen Deutschen Frauenbund an, wo sie gelegentlich Vorträge „religiöser, weltanschaulicher und erzieherischer Art“ hielt. 1932 gehörte sie zu den Mitgründerinnen der Mainzer Gruppe des „Weltfriedensbundes der Mütter und Erzieherinnen“. Im Juli 1932 hielt sie auf einer internationalen Tagung des Bundes in Köln eine Rede. Mehr und mehr positionierte sie sich, bekannte sich öffentlich zu ihren politischen Auffassungen. „Bei den Veranstaltungen unserer Vereinigung sprach ich mehrmals öffentlich gegen Krieg und Militarismus.“ 

Zitat: Aber wir wehren uns dagegen, dass der Begriff des Heldentums, der Begriff des Mannestums ständig verquickt wird nur mit dem Begriff des Militarismus und mit dem der Uniform.

(© DBT)

Wenige Monate nachdem die Nationalsozialisten an die Macht gekommen waren, verlor ihr Mann seinen Posten, da er sich weigerte, der NSDAP beizutreten. Er fasste in den kommenden Jahren beruflich nur schwer wieder Fuß. Die Familie musste aus der großen Wohnung ausziehen und stand unter Beobachtung. „Ich selbst zog mich, da ‚politisch nicht zuverlässig‘, von jeder öffentlichen Tätigkeit zurück und versuchte, im Verein mit meinem Mann, wenigstens unseren Kindern klare Wegweiser in dieser dämonischen Zeit zu sein.“ Zweimal wurde die Familie ausgebombt. Als sie mit den Kindern in einem der Bombennächte im Keller kauerte, so schreibt sie, habe sie gelobt: „Gott, wenn Du mich diesen Wahnsinn überleben lässest, dann werde ich mitarbeiten, dass nicht noch einmal ein totalitäres System über unser Volk kommt.“

1945 löst sie ihr Gelübde ein, wird zur Mitgründerin der CDU und in den Parteivorstand Rheinhessens berufen. Als einzige CDU-Frau wird sie in den Kreistag und später ins Stadtparlament von Mainz gewählt. Nach ihrer Wahl in den ersten Deutschen Bundestag 1949 wird sie Mitglied im Kulturausschuss, im Ausschuss für Presse, Rundfunk und Film sowie im Petitionsausschuss. Zugleich gehört sie dem Büchereibeirat des Bundestages an, der die Bundestagsbibliothek wieder aufbaut, und wird in das Kuratorium der Bundeszentrale für Heimatdienst gewählt, einem Vorläufer der Bundeszentrale für politische Bildung. 

Schon bald gehört sie zu den fleißigsten Abgeordneten der CDU/CSU-Fraktion, wie es Bundeskanzler Konrad Adenauer in einem Brief an einen Fraktionskollegen bemerkt. Aus ihrem Terminkalender geht hervor, dass sie auch außerhalb der Sitzungswochen in Bonn fast täglich Reden in ihrem Wahlkreis in Rheinhessen hält. Sie gilt als eine talentierte Rednerin, geht offen auf die Menschen zu und hat eine gewinnende Art. 1949 ist sie Berichterstatterin für einen Antrag im Bundestag zum Schutz der „sittlich gefährdeten Jugend“ in Baumholder, Kaiserslautern, Bitburg und Worms, wo im Umkreis der dort errichteten Kasernen die Prostitution zunimmt. Tatsächlich erreicht sie, dass zehn Millionen Mark für ein soziales Hilfsprogramm zur Verfügung gestellt werden. Innenpolitisch befasst sie sich mit sozialen Themen wie der Neuordnung des Rentenrechts oder dem Familienlastenausgleich, außenpolitisch engagiert sie sich besonders für die Aussöhnung mit Frankreich. Sie wird Mitglied des Deutschen Rates der Europäischen Bewegung und eine der beiden deutschen Vertreterinnen im internationalen Rat des „Mouvement Mondial des Mères“. Tief beeindruckt kehrt sie von einer Studienreise aus den USA zurück, wo sie sich von den modernen, demokratischen Erziehungsidealen ein Bild machen konnte. 

Als Abgeordnete ist Maria Dietz ganz in ihrem Element und zieht auch nach den Wahlen 1953 wieder in den Deutschen Bundestag ein. Sie rechnet fest mit einer erneuten Aufstellung für den dritten Deutschen Bundestag. Doch es kommt anders. Da es – wie damals üblich – auf der Landesliste nur einen aussichtsreichen „Frauenplatz“ gibt und sie ihrer Konkurrentin Mathilde Gantenberg knapp unterliegt, muss sie Abschied nehmen. Tief enttäuscht zieht sie sich mit 61 Jahren aus der Politik zurück. Ganz untätig bleibt sie jedoch nicht. Sie engagiert sich weiter für den Katholischen Frauenbund und gibt ausländischen Kindern Deutschunterricht. Mit 86 Jahren stirbt sie nach längerer Krankheit in Mainz. 

(nw)

Der Text ist entnommen aus dem Buch „Der nächste Redner ist eine Dame“, herausgegeben vom Deutschen Bundestag, erschienen im Ch. Links Verlag, 2024.

Zum Weiterlesen: 

Hedwig Brüchert( Hrsg.): Maria Dietz (1894-1980). In: Rheinland-Pfälzerinnen. Mainz, 2001, S. 95-99.