Parlament

Clara Döhring

Porträtfoto von Clara Döhring (SPD), 1899 bis 1987

(© DBT/unbekannt)

Clara Döhring gehörte zu den wenigen Frauen des ersten Deutschen Bundestages, die über ein gewonnenes Direktmandat in das Parlament einziehen. Dort setzt sie sich in vier Wahlperioden besonders für Frauen und ärmere Bevölkerungsschichten ein. 

Die gelernte Sekretärin, Sachbearbeiterin und Personalreferentin Clara Döhring erringt bei den Bundestagswahlen 1949 im Wahlkreis Stuttgart I die meisten Erststimmen und gehört damit zu den zwölf Frauen, die ein Direktmandat für den ersten Bundestag erringen. Zudem schlägt sie einen prominenten Konkurrenten aus dem Feld: den damals bereits bundesweit bekannten, späteren Bundespräsidenten Theodor Heuss (FDP). In der Wahlkreisgeschichte von 1949 bis heute gelingt es einer Frau nur zweimal, den Wahlkreis Stuttgart I direkt zu gewinnen, beide Male ist es Clara Döhring. 

Unermüdlich hat sie um den Einzug in den ersten Bundestag gekämpft, an sieben Tagen in der Woche ist sie auf Veranstaltungen in ihrem Wahlkreis aufgetreten. „Für Clara Döhring stehen sowohl die Interessen der berufstätigen Frau als auch der Hausfrau im Vordergrund. Die Sicherung der Rechte der Mutter im Rahmen der Arbeitsschutzgesetzgebung, die Erringung des gleichen Lohnes bei gleicher Leistung und des bezahlten Hausarbeitstags sowie die Gleichbewertung der Hausarbeit liegen ihr besonders am Herzen“, heißt es in einer Wahlwerbung der SPD. 

Clara Wohlfarth wurde am 13. März 1899 im thüringischen Saalfeld geboren. Nach der Handelsschule wurde sie in einer Fabrik im Thüringer Wald zur „Kontoristin“ ausgebildet, damals ein typischer Frauenberuf, der einfache Büro- und Verwaltungsaufgaben umfasste. In der Fabrik erlebte sie die widrigen Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen und Arbeiter sowie der einfachen Angestellten und begann sich gewerkschaftlich zu engagieren. 1917 wurde sie Mitglied der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD), einer links-sozialistischen Abspaltung der SPD. Außerdem trat sie dem Zentralverband der Angestellten bei. Sie lernte einen Gewerkschaftssekretär aus Stuttgart kennen, heiratete ihn mit 21 Jahren und zog mit ihm in seine Heimat. Hier arbeitete sie als Chefsekretärin beim Hauptvorstand des Deutschen Metallarbeiterverbandes und engagierte sich in vielen ehrenamtlichen Funktionen, darunter auch in der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit (IFFF). Früh erkannte sie die Gefahr, die von der nationalsozialistischen Bewegung ausging. Kurz nach der Machtübernahme begann das Regime im Mai 1933 mit der Zerschlagung der freien Gewerkschaften und der Verfolgung der hauptamtlichen Mitarbeiter. 

Clara Döhring war bereits seit 1931 Hausfrau. Über die Umstände dieser Entscheidung zum Rückzug ins Private nach rund 15 Jahren Berufstätigkeit ist nichts bekannt. Doch nach fünf Jahren änderte sich ihr Leben erneut: ihr Mann starb 1936, und sie nahm wieder eine Stelle als Sachbearbeiterin bei der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK) in Stuttgart an, wo sie 1945 zur Personalreferentin aufstieg. Der nationalsozialistischen Staatsmacht blieb sie suspekt: Im Februar 1945 wurde sie von der Gestapo verhaftet, nach ein paar Tagen freigelassen und unter Kontrolle gestellt. Bereits zuvor hatte sie durch Bombenangriffe ihre Wohnung verloren. 

Das Kriegsende bedeutet für die 46-jährige Clara Döhring auch einen beruflichen Neuanfang: Als Sekretärin arbeitet sie nun für die Alliierten und nimmt ihr vielfältiges ehrenamtliches Engagement wieder auf: Sie wird Mitglied der SPD und schließt sich der SPD-Frauengruppe in Stuttgart an. Zahlreiche weitere Partei- und Gewerkschaftsämter kommen hinzu. Die Biografin Gisela Notz schreibt: „Die Vielzahl ihrer Ämter ist fast nicht zu überblicken.“ Sie bemerkt auch: „Aus den Quellen ist wenig darüber zu erfahren, wie sie lebte.“ 

Den Einzug in den ersten Deutschen Bundestag betrachtet Clara Döhring als Auftrag, sich besonders für die ärmeren Schichten der Bevölkerung und für die Frauen einzusetzen. Kämpferisch als Parteipolitikerin schreibt sie in einem Brief an die SPD-Frauensekretärin Herta Gotthelf zwei Wochen vor ihrer ersten Sitzung im Parlament: „Wenn ich mir jetzt allerdings den Besitzbürgerblock (CDU/CSU, FDP, DP usw.) vorstelle, dann kann ich nur sagen: armes Deutschland. Was wird das nur werden?“ Sie bedauert, dass die Anwältin, SPD-Politikerin und Fürsprecherin des Gleichheitsgrundsatzes im Parlamentarischen Rat, Elisabeth Selbert, kein Mitglied des Bundestages sein wird: „Wir hätten sie doch so notwendig zur Reform des BGB (Bürgerliches Gesetzbuch) gebraucht.“ Man solle sie bei nächster Gelegenheit als Kandidatin aufstellen, so Döhring. 

Daraus wird nichts. Stattdessen wird Clara Döhring in den nächsten 16 Jahren im Parlament dafür einsetzen, um die sozialpolitische und arbeitsrechtliche Gesetzgebung mitzugestalten. In einem selbst geschriebenen Lebenslauf für das Handbuch des Bundestages zählt sie weitere politische Projekte auf, die die sozialpolitische Grundlage der frühen Bundesrepublik entscheidend prägten: „Ganz besonders konnte ich bei der Gestaltung der neuen Rentengesetze (Rentenreform von 1957) meine Sachkenntnisse mit-entscheidend verwerten. So gelang es u.a. endlich, dass verwitwete Frauen neben der Rente ihres Mannes auch die eigene Rente wieder voll erhalten. Meine Hauptarbeit galt der Durchsetzung des auf meine Initiative im Bundestag eingebrachten Antrags der SPD-Fraktion auf Einführung der ‚vorgezogenen Altersrente für Frauen‘ vom 60. Lebensjahr an. Diese wohl wichtigste Neuerung in der Rentenreform von 1957 war einer der großen sozialdemokratischen Erfolge der SPD-Bundestagsfraktion. Bei der Schaffung und den nachfolgenden Verbesserungen der Kindergeldgesetze habe ich seit 1949 mitgewirkt und war in wichtigen Fragen dieses familienpolitischen Bereichs die verantwortliche Sprecherin meiner Fraktion. Ich setzte mich von Anfang an dafür ein, dass Kindergeld für alle Kinder gewährt wird (auch für die unehelichen Kinder, Anm. d.Verf.), da jedes Kind das gleiche Lebensrecht hat.“

Clara Döhring geht selbst nicht mit 60 Jahren in Rente, sondern gewinnt 1961 nochmals ein Direktmandat in Stuttgart und bleibt bis zu ihrem 66. Lebensjahr Parlamentarierin. Auch danach engagiert sie sich in ihrer Heimatstadt Stuttgart weiter als Kreisdelegierte in ihrer Partei. Nach langer Krankheit verstirbt sie 1987 mit 88 Jahren. 

(nw)

Der Text ist entnommen aus dem Buch „Der nächste Redner ist eine Dame“, herausgegeben vom Deutschen Bundestag, erschienen im Ch. Links Verlag, 2024.

Zum Weiterlesen:

Gisela Notz: Clara Döhring. In: Frauen in der Mannschaft. Sozialdemokratinnen im Parlamentarischen Rat und im Deutschen Bundestag 1948/49 bis 1957. Bonn, 2003. S. 190-204.