Parlament

Dr. Margarete Gröwel

Porträtfoto von Dr. Margarete Gröwel (CDU/CSU), 1899 bis 1979

(© DBT/unbekannt)

Margarete Gröwel, promovierte Lehrerin, verankert in der katholischen Zentrumsbewegung und 1944 kurzzeitig inhaftiert, gründet nach dem Krieg in Hamburg die Christliche Demokratie mit. Nach Ende der parlamentarischen Karriere wird sie als erste deutsche Frau zur Konsulin ernannt.

Wie viele weibliche Abgeordnete im ersten Deutschen Bundestag hatte Margarete Gröwel als Kind in ihrem Vater ein Vorbild und als junge Erwachsene eine erfahrene Mentorin an ihrer Seite. Am 14. August 1899 als Tochter eines Lehrers in Hamburg geboren wurde Margarete Gröwel nach ihrer Schulzeit an katholischen Mädchenschulen in Hamburg und Erfurt zunächst selbst Lehrerin. Gleich zu Beginn ihrer Berufstätigkeit lernte sie die 35 Jahre ältere Hedwig Fuchs kennen, eine der profiliertesten Hamburger Zentrumspolitikerinnen und bekannte bürgerliche Frauenrechtlerin. Fuchs ermutigte die junge Lehrerin und Studentin, sich politisch zu engagieren und führte sie in die entsprechenden Kreise ein. 1921 trat Margarete Gröwel der Zentrumspartei bei und engagierte sich zudem in der bürgerlichen Jugendorganisation Windthorstbund. 1924 wurde sie Mitglied im Verein der katholischen deutschen Lehrerinnen (VkdL), der damals vielen politisch ambitionierten, bürgerlichen Frauen ein umfangreiches Netzwerk bot. Schon bald wurde Margarete Gröwel Hamburger Vorsitzende des Vereins. 1931 begann sie – parallel zu ihrem Schuldienst – an der Hamburger Universität ein Studium der Völkerkunde, austronesischen Sprachen, Germanistik und Anglistik. 1937 promovierte sie mit einer ethnologischen Arbeit über „Haltung und Erziehung des Kindes bei den nordamerikanischen Indianern“. 

Die Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933 und ihre darauf folgende Gleichschaltungspolitik führten dazu, dass der VkdL unter Druck geriet: bald war die Mitgliedschaft im nationalsozialistischen Lehrerbund (NSLB) obligatorisch. 1935/36 beschloss der NSLB eine Unvereinbarkeitsklausel, was bedeutete, dass es keine Doppelmitgliedschaften mehr geben durfte. Dreiviertel der katholischen Lehrerinnen im VdkL beschlossen dennoch, ihrem Verein treu zu bleiben und nicht mehr dem NSLB anzugehören, auch wenn dies berufliche Nachteile, Schikanen und gar Verfolgung nach sich ziehen konnte. Nicht so Margarete Gröwel: Sie hoffte nach ihrer Promotion auf eine Stelle im höheren staatlichen Schuldienst und entschied sich für den NSLB. Tatsächlich bekam sie die Stelle. Doch vor Verfolgung schützte sie dies nicht. Da sie weiter Kontakt zu den Menschen im Umfeld der Zentrumspartei hielt, wurde sie nach dem Attentat auf Adolf Hitler des Widerstandes verdächtigt, im Rahmen der „Aktion Gewitter“ am 22. August 1944 verhaftet und in das Konzentrationslager Fuhlsbüttel gebracht. Margarete Gröwel hatte Glück im Unglück: Wohl aufgrund der Überfüllung des Lagers kam sie bereits nach fünf Tagen wieder frei. 

Zitat: Frieden ist mühselige Arbeit, ist Kompromiss zwischen tausend Unzulänglichkeiten.

(© DBT)

1945 ist sie Mitgründerin der (bis 1946 noch so genannten) Christlich Demokratischen Partei (CDP) und gehört bis 1953 dem Hamburger Landesvorstand der CDU an. Als einzige Hamburger CDU-Frau zieht sie 1949 für den Wahlkreis Eppendorf in den ersten Deutschen Bundestag ein. Sie steigt schnell auf in der Partei und wird 1950 in den Bundesvorstand gewählt, wo sie insbesondere frauenpolitische Themen einbringt. Sie wird Vorsitzende des Frauenarbeitskreises der CDU. Im Deutschen Bundestag übernimmt sie den Vorsitz des Ausschusses für Bücherei, der den Grundstein legt für die Bibliothek des Deutschen Bundestages. Im Krieg waren große Teile der Reichstagsbibliothek zerstört worden und so muss die für den Parlamentsbetrieb so wichtige Bibliothek von Grund auf neu aufgebaut werden. 

Eine ihrer wichtigsten Reden hält Margarete Gröwel in der Plenardebatte am 5. Dezember 1952, in der es um den Europäischen Verteidigungsvertrag (EVG) geht. Das Vorhaben der Bundesregierung, sieben Jahre nach dem Ende des Krieges im Rahmen einer europäischen Armee wieder Soldaten unter Waffen zu nehmen, ist hoch umstritten. Das Protokoll verzeichnet 44 Redner und drei Rednerinnen, die erste davon ist Margarete Gröwel. Sie kommt sogleich auf ihre Perspektive als Frau zu sprechen: „Fast mag es scheinen, dass nach dem Verlauf der Auseinandersetzungen und nach dem streitbaren Männergespräch Ton und Sprache einer Frau sich nicht recht einzufügen vermögen in diese Debatte.“

Der Ton in der Debatte ist scharf. Margarete Gröwel befürwortet die Wiederbewaffnung, aber versucht, eine nachdenklichere, differenzierte Sichtweise einzubringen. Mit ihrer klaren Stimme und dem geübten Redestil einer Lehrerin vermag sie ihr Publikum zu fesseln. Anders als bei vielen anderen Reden von Frauen ist es still im Plenarsaal. Sie verweist darauf, dass es bei den Auseinandersetzungen um eine Wiederbewaffnung der Bundesrepublik auch auf die Zwischentöne zu hören gilt, auf die Unsicheren, gerade unter den Frauen: „Wenn ich als Frau in der Debatte das Wort nehme, so möchte ich mich in dieser Stunde in diesem Hause neben den Wagenden zum Sprecher all der Zagenden hier und da draußen machen. Denn auch sie müssen in dieser Debatte heute gehört werden.“ Gröwel weiß, dass viele westdeutsche Bürgerinnen einer Wiederbewaffnung skeptisch gegenüber stehen und es begrüßen würden, wenn die Bundesrepublik außenpolitisch eine neutrale Stellung wie die Schweiz einnehmen würde. Gröwel betont in ihrer Rede mehrmals ihre Perspektive als Frau und geht auf die Einwände ein: „Aus der Tatsache, dass ein kleines Land wie die Schweiz zu den Beispielen erfolgreicher Neutralität gehört, ziehen wir Frauen leicht den verhängnisvollen Schluss, dass die Neutralität für uns Frauen, für die Mütter, für unsere Söhne so sehnlich zu wünschen wäre.“ 

Der Europäische Verteidigungsvertrag (EVG) wird später wegen eines Vetos Frankreichs nie in Kraft treten. Doch es gelingt der Bundesregierung, die mit dem EVG verknüpften Verhandlungen mit den Alliierten um die volle Souveränität der Bundesrepublik erfolgreich abzuschließen. 

Margarete Gröwel bleibt der Außenpolitik treu und schlägt mit 54 Jahren einen neuen Weg ein: Nach ihrer Hochzeit mit dem österreichischen Ingenieur Maximilian Sztollar 1953 verzichtet sie auf eine erneute Kandidatur für den Bundestag und bemüht sich um einen Posten im deutschen Konsulardienst, der bis dahin ausschließlich aus Männern besteht. Noch im Jahr ihrer Hochzeit hat sie Erfolg: Im US-Bundesstaat Texas wird sie als erste deutsche Frau zur Konsulin ernannt und kümmert sich fortan um die Handelsbeziehungen zwischen Westdeutschland und dem amerikanischen Südwesten. Später setzt sie den Dienst im belgischen Lüttich fort. 1979 stirbt sie in Salzburg. 

(nw)

Der Text ist entnommen aus dem Buch „Der nächste Redner ist eine Dame“, herausgegeben vom Deutschen Bundestag, erschienen im Ch. Links Verlag, 2024.

Zum Weiterlesen: 

Helmut Stubbe da Luz: Margareta (sic!) Gröwel. In: Günther Buchstab (Hrsg.): Christdemokraten gegen Hitler. Aus Verfolgung und Widerstand zur Union. Freiburg 2004. S. 227-331.