Anne Marie Heiler

(© DBT/Foto-Rudolff)
Anne Marie Heilers Mann empfiehlt sie an seiner Stelle für die Politik – und ebnet ihr so den Weg in den Deutschen Bundestag, wo Heiler energisch für das Öffnen von Türen eintritt, die Frauen bisher verschlossen waren.
Im ersten Deutschen Bundestag ist es keine Selbstverständlichkeit, wenn eine Frau ans Rednerpult tritt. Die Ankündigung von Anne Marie Heilers erster Rede als Parlamentarierin beginnt daher etwas holprig. „Der nächste Redner ist eine Dame“, verkündet Bundestagspräsident Erich Köhler am 12. Mai 1950. „Frau Abgeordnete Heiler, bitte! Durch die langen Reden Ihrer Fraktionsfreunde sind Ihnen nur drei Minuten geblieben. Sie werden mich aber loyal genug finden, Ihnen noch eine Minute zuzugeben, also vier Minuten.“ Die 61-jährige Abgeordnete aus der hessischen Universitätsstadt Marburg lässt sich davon nicht aus dem Tritt bringen. Ungerührt beginnt sie ihre Rede zur künftigen Gestaltung von Geldmünzen, Scheinen und Briefmarken. Bereits nach dem ersten Satz kassiert sie einen Zwischenruf: „Lieber Gott!“, schallt es von links. Sie hält dagegen: „Was bisher von diesen Ministerien gebracht worden ist, das genügt einfach nicht den Anforderungen, die wir an diese Dinge stellen müssen, um sie als eine Visitenkarte unseres Volkes – das sind sie doch – der Öffentlichkeit vorlegen zu können.“
Die Szene lässt erahnen, welchen Widrigkeiten Anne Marie Heiler in ihrer Zeit als Parlamentarierin begegnet. Die am 21. März 1889 als Älteste von sieben Geschwistern in eine Pastorenfamilie aus Brackwede bei Bielefeld geborene Anne Marie Ostermann hat jedoch einen starken inneren Kompass und einen langen Atem. Zudem ist die Politik beileibe nicht ihre einzige Leidenschaft. Bereits als junge Frau wünschte sie sich sehnlichst Theologie zu studieren. Doch die Eltern gaben den drei studierenden Brüdern zunächst den Vorrang, und für ein viertes studierendes Kind fehlte das Geld. So wurde sie zunächst Lehrerin, was damals auch ohne Studium möglich war. Überraschend erhielt sie jedoch von ihrer Patentante eine Erbschaft und konnte mit 26 Jahren schließlich ein Studium der Germanistik, Philosophie und Theologie beginnen.
An der Marburger Universität und insbesondere in der jungen „Michelchen-Gemeinde“ lernte sie den jungen und bereits über Marburg hinaus bekannten Theologieprofessor Friedrich Heiler kennen. Am Tag ihres Staatsexamens, dem 18. Februar 1921, bittet er sie um ihre Hand. Kurz nach der Hochzeit schrieb der Bräutigam seinen Eltern: „Meine Braut und ich verstehen uns ganz gut. Dass sie Theologie studierte und rechte theologische Kenntnisse besitzt, kommt mir sehr zu statten. Sie kann mir bei meinen Arbeiten behilflich sein, und es ist doch sehr schön, wenn man mit der Braut auch über die schwersten theologischen Dinge sich unterhalten kann.“ Die nüchterne Beschreibung täuschte. Anne Marie und ihr Mann führten eine für die Zeit sowohl klassische als auch ungewöhnliche Ehe. Denn so sehr sie ihren Mann bei seinen theologischen Forschungen unterstützte, so sehr ermutigte er sie umgekehrt zu eigenständigen theologischen Arbeiten. Tatsächlich fand sie Zeit und Raum dafür, selbst nach der Geburt der drei Töchter.

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Als 1933 die Nationalsozialisten an die Macht kamen, positionierten sich Anne Marie und Friedrich Heiler eindeutig gegen die neuen Machthaber. Dennoch überstanden sie die kommenden zwölf Jahre trotz einer Strafversetzung Heilers verhältnismäßig unbeschadet. 1946 soll in Marburg die CDU neu gegründet werden, man tritt an Friedrich Heiler heran, um ihn zur Mitarbeit zu bewegen. Er lehnt dankend ab – und empfiehlt stattdessen seine Frau Anne Marie. So wird sie zur Mitgründerin der CDU in Marburg und beginnt mit 57 Jahren ihre politische Karriere.
Überzeugt, dass politische Mitarbeit „unbedingt notwendig sei“, um „weiteren Schrecknissen vorzubeugen“, engagiert sie sich nach Kriegsende zunächst bei der „Christlichen Nothilfe“ und später im „Überparteilichen Frauenverband im Deutschen Frauenring Marburg“, deren Vorsitzende sie von 1955 bis 1959 wird. Von 1946 bis 1951 leitet sie als Stadträtin das Dezernat für Wohlfahrtswesen, ist Mitglied im Wohnungs- und Rückführungsausschuss und Dezernentin für Jugendpflege und Jugendfürsorge. 1949 zieht sie für die CDU in den ersten Deutschen Bundestag ein.
Dort stellt sie schnell fest, wie eng die Spielräume für Frauen in der Politik sind. Auch mit der Einigkeit der Frauen untereinander ist selbst in der eigenen Fraktion nicht immer zu rechnen. In einem privaten Brief findet Friedrich Heiler drastische Worte: „Anne Marie hat in der CDU schwere Kämpfe, da unter dem Druck der katholischen Bischöfe die katholischen CDU-Leute nun stark für das patriarchalische Entscheidungsrecht des Mannes in der Ehe eintreten und die evangelischen CDU-Frauen zu vergewaltigen suchen. Ich bin ja gespannt, wie das weitergehen wird. Helene Weber, die eine fanatische Vorkämpferin dieses männlichen Entscheidungsrechts ist, (während sie in Berufsfragen eine Vorkämpferin für das Frauenrecht ist – charakteristisch für eine unverheiratete Frau) suchte überhaupt zu verhindern, dass Anne Marie in der Fraktion und im Bundestag zu dieser Frage spräche, obwohl Anne Marie am besten von allen Frauen in die Materie eingearbeitet ist.“
Trotz aller Widrigkeiten kandidiert sie für den zweiten Deutschen Bundestag und erhält zunächst den dritten Platz auf der hessischen Landesliste. Doch sechs Wochen vor der Wahl wird sie auf Platz dreizehn zurückgedrängt. Die zwölf Kandidaten vor ihr ziehen ins Parlament ein. Anne Marie Heiler wartet die nächsten vier Jahre vergeblich darauf nachzurücken.
Die Erfahrung schmerzt. Doch es hält sie nicht davon ab, sich weiter zu engagieren und auch ihre theologische Arbeit wieder aufzunehmen. Nach dem Tod ihres Mannes gibt sie unter anderen das Standardwerk „Die Frau in den Religionen der Menschheit“ heraus, eine Sammlung von Vorlesungen Friedrich Heilers. In den letzten Jahren ihres Lebens erlebt sie viel Wertschätzung, so erhält sie 1973 die Medaille der Stadt Marburg und zwei Jahre später das Bundesverdienstkreuz. Am dritten Advent 1979 hört sie mit der Familie eine Aufführung des Weihnachtsoratoriums. In der Nacht darauf stirbt sie 90jährig und wird kurz darauf im Grab ihres Mannes beigesetzt.
(nw)
Der Text ist entnommen aus dem Buch „Der nächste Redner ist eine Dame“, herausgegeben vom Deutschen Bundestag, erschienen im Ch. Links Verlag, 2024.
Zum Weiterlesen:
Petra Holz: Anne Marie Heiler – eine CDU-Politikerin aus Marburg. In: Benno Hafeneger (Hrsg.) Marburg in den Nachkriegsjahren. Marburg, 2006, S. 21-46.
Antje Gaedt: Anne Marie Heiler. 21. März 1889 – 17. Dezember 1979. In: Esther Röhr (Hrsg.): Ich bin was ich bin. Frauen neben großen Theologen und Religionsphilosophen des 20. Jahrhunderts. Gütersloh, 1997.