Parlament

Dr. Elinor Hubert

Porträtfoto von Dr. Elinor Hubert (SPD), 1900 bis 1973

(© DBT/unbekannt)

Ihre Herkunft ist untypisch für eine sozialdemokratische Karriere, doch desillusioniert durch das Versagen der bürgerlichen Parteien 1933 zieht die Ärztin Elinor Hubert nach ihrer Flucht aus der sowjetischen Besatzungszone für die SPD in den ersten Deutschen Bundestag ein. 

Die preußische Beamtentochter und Ärztin mit dem für Sozialdemokratinnen dieser Zeit so untypischen Lebenslauf ist eine Ausnahmeerscheinung in der SPD-Fraktion der Nachkriegsjahre. Doch gerade ihre persönlichen Erfahrungen vom Scheitern der bürgerlichen Parteien und dem Grauen des Zweiten Weltkrieges führten Elinor Hubert zu dem Moment, in dem sie sich bewusst für die Sozialdemokratie entschied: „Nie ist mir (…) die Sinnlosigkeit alles ärztlichen Tuns gegenüber der allgemeinen Vernichtung so bewusst geworden. Zuckerkranke starben, weil es kein Insulin mehr gab, und die Herzkranken, weil das Strophantin ausging (…) Das Schlimmste aber war das Sterben der Kinder. (…) Damals reifte in mir der Gedanke, dass, wenn wir überleben sollten und je wieder in Deutschland eine politische Betätigung möglich sein würde, ich mich einer politischen Partei anschließen müsste, von der man hoffen konnte, dass sie ähnlichen Wahnsinn in Zukunft zu verhindern suchen würde. Die sogenannten bürgerlichen Parteien hatten, wie mich meine eignen Erfahrungen gelehrt hatten, (…) völlig versagt.“

Man spürt in diesen Sätzen aus dem Jahr 1958 noch immer die tiefe Enttäuschung über die bürgerliche Welt, in der sie aufgewachsen war. Ihre Kindheit und frühe Jugend verbrachte Elinor Höhnen zwischen Breslau, der Heimat ihrer Mutter, und dem ostpreußischen Allenstein, dem damaligen Arbeitsort ihres Vaters. Der Vater wurde hier Regierungspräsident, später in Stralsund, Stettin, und schließlich 1927 in Hildesheim, und jedes Mal wechselte die Familie ihren Wohnort. Stets war ihr tolerantes Elternhaus ein Treffpunkt für Künstler und Politiker verschiedener Parteien. Der Vater war ihr Vorbild – auch in seinem politischen Engagement. In Allenstein gehörte er zu den Mitgründern der Deutschen Volkspartei (DVP) und wurde zuerst Abgeordneter des Provinziallandtags in Ostpreußen, später in Pommern. Sein Einfluss mag entscheidend dafür gewesen sein, dass Elinor und ihr Ehemann Rudolf Hubert 1930 ebenfalls Mitglieder der DVP wurden und sich in ihrem damaligen Wohnort Greifswald in einer „Arbeitsgemeinschaft junger Volksparteiler“ engagierten.

Die Hinwendung weiter Teile der Partei zur NSDAP und am Ende ihre Selbstauflösung waren für sie unfassbar – zurück blieb ein Gefühl der Ohnmacht. Noch 1933 wurde ihr Vater in den einstweiligen Ruhestand versetzt. Im Jahr darauf wurde ihr Ehemann entlassen, konnte sich jedoch in Kassel als Arzt niederlassen. Bei Kriegsbeginn wurde er als Soldat eingezogen, doch bereits 1940 zum „Heimatheer“ in Brandenburg an der Havel versetzt. Dort übernahm er die Leitung der Frauenklinik, und die Familie mit mittlerweile zwei Töchtern fand dort ihren neuen Wohnsitz. Er starb 1942 an einem Herzinfarkt. Elinor Hubert musste nun allein die Familie versorgen. 

Die Facharztausbildung, die sie 1927 wegen ihrer Heirat nicht begonnen hatte, schien ihr jetzt wegen der Betreuung ihrer Kinder nicht möglich. Stattdessen machte sie ihre Promotion in Göttingen, wo ihre Mutter nach dem Tod des Vaters im Oktober 1941 wohnte, und konnte nun in ihrem Haus in Brandenburg eine eigene Praxis einrichten. Die Familie war größer geworden,  denn sie hatte nun nicht nur ihre Mutter, sondern auch die Kinder von Freunden aus Berlin bei sich aufgenommen. Der erste große Fliegerangriff in Brandenburg zu Ostern 1945 zerstörte ihr Zuhause. Die letzten Monate des Krieges verbrachte die Familie im Krankenhausbunker, in dem Elinor Hubert arbeitete. Ihre Mutter starb dort in den letzten Kriegstagen. 

Zitat: Meine Herren und Damen! Diese Menschen dort leben in einem Zustand völliger Rechtslosigkeit, der schlimmer ist als der von sonstigen Staatenlosen, ein Zustand, der unseres Erachtens nicht länger mehr anhalten kann. (In der Debatte über das Referat für Polen und in der Tschechoslowakei lebende Deutsche 1950)

(© DBT)

Ihrem Willen, sich wieder politisch zu engagieren, steht die unsichere Zukunft demokratischer Parteien in der sowjetisch besetzten Zone entgegen. Sie entschließt sich zur Flucht. Im Oktober 1945 erreicht Elinor Hubert mit ihren Kindern dank eines britischen Flüchtlingstransports Niedersachsen. Nach kurzer Zeit im Flüchtlingslager kann sie in Göttingen nicht nur die alte Wohnung ihrer Mutter beziehen, sondern darf sich dort auch als Ärztin niederlassen. Hier wird sie Mitglied der SPD.

Bereits im Frühjahr 1946 gehört die Ärztin dem zunächst ernannten, später dann gewählten Stadtrat an, ist Vorsitzende des Wohlfahrts- und Gesundheitsausschusses und beginnt ein immer wieder zurückgestelltes Jurastudium. Bald wird sie stellvertretendes Mitglied im Zonenbeirat der britischen Besatzungszone mit Sitz in Hamburg. Die anstrengenden Fahrten zum Tagungsort, die gut laufende Praxis und nicht zuletzt die nun um einige Pflegekinder angewachsene Familie sind eine Herausforderung, der sie sich auf Dauer nicht mehr gewachsen fühlt. Sie gibt das Jurastudium wieder auf, entscheidet sich aber, für den ersten Deutschen Bundestag zu kandidieren. Als sie als eine der wenigen weiblichen Wahlkreisabgeordneten gewählt wird, beginnt ein neuer Lebensabschnitt: sie schließt ihre Praxis und wird Politikerin.

Zielgerichtet entscheidet sie über ihr Engagement in den jeweiligen Ausschüssen nicht allein nach persönlichen Vorlieben, sondern auch nach deren gesetzgeberischen Kompetenzen. Zehn Jahre später schreibt sie dazu: „Mein Wunsch, im ersten Bundestag dem Ausschuss für Kriegsopfer und Kriegsgefangenenfragen anzugehören, hatte eine seiner Ursachen darin, dass Göttingen bei Friedland lag. Im Göttinger Frauenring, zu dessen Mitgründern ich gehörte, hatten uns die Probleme der Heimkehrer und besonders der Heimkehrerinnen stark beschäftigt. Hier schienen mir vordringliche Aufgaben der Gesetzgebung zu liegen. Für Gesundheitspolitik sind die Möglichkeiten des Bundes sehr beschränkt. Sie fällt größtenteils in die Kompetenz der Länder.“ Doch ihre Erfahrungen als promovierte Ärztin sind in ihrer Fraktion sehr gefragt, und über die Fraktionsgrenzen hinweg erwirbt sie sich ein hohes Ansehen. In der fünften Wahlperiode wird sie schließlich Vorsitzende des Gesundheitsausschusses. Wenige Wochen zuvor, im Juni 1965, hatte die deutsche Ärzteschaft sie wegen ihrer Verdienste im Gesundheitswesen und der Sozialpolitik mit der Paracelsus-Medaille geehrt. 

Vier Jahre, nachdem sie den Bundestag nach zwei Jahrzehnten als Wahlkreis-Abgeordnete verlassen hat, stirbt Elinor Hubert am 25. Januar 1973 nach kurzer schwerer Erkrankung.

(he)

Der Text ist entnommen aus dem Buch „Der nächste Redner ist eine Dame“, herausgegeben vom Deutschen Bundestag, erschienen im Ch. Links Verlag, 2024.

Zum Weiterlesen:

Elinor Hubert, Preußische Beamtentochter und Ärztin, in: Vorstand der SPD (Hg.), Frauen machen Politik, Schriftenreihe für Frauenfragen, Nr. 4, Bonn 1958, S. 14 – 19.

Rudolf Vierhaus u. Ludolf Herbst, Biographisches Handbuch der Mitglieder des Deutschen Bundestages 1949 – 2002, München 2002.