Parlament

Margarete Hütter

Porträtfoto von Margarete Hütter (FDP), 1909 bis 2003

(© DBT/unbekannt)

Margarete Hütter rückt für Theodor Heuss in den Bundestag nach – und wird später in El Salvador als erste Frau Botschafterin der Bundesrepublik in einem außereuropäischen Land. 

Margarete Hütters erster Tag im Deutschen Bundestag ist ein historischer Moment, denn am Donnerstag, den 15. September 1949 wird der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik gewählt. Da sie erst drei Tage zuvor telegrafisch darüber unterrichtet worden war, dass sie als Nachrückerin für den zum Bundespräsidenten gewählten Theodor Heuss ins Parlament einziehen werde, fehlt ihr Name wohl noch auf den einschlägigen Listen. Denn nachdem die Abgeordneten für die Wahl des Bundeskanzlers einzeln an die Stimmurnen gerufen worden waren, antwortet Margarete Hütter auf die Frage des Bundestagspräsidenten Erich Köhler, ob alle Abgeordneten ihr Stimmrecht ausgeübt hätten, mit einem lauten „Nein!“. Sie darf als letzte Abgeordnete ihre Stimme abgeben. Konrad Adenauer wird schließlich mit nur einer Stimme Mehrheit zum Bundeskanzler gewählt. Zeitungen schreiben daraufhin, dass es Margarete Hütters Stimme war, der er dies zu verdanken habe. 

Margarete Hütter, am 26. März 1909 als Margarete Jahn in Berlin geboren, stammte aus „kleinbürgerlichen Verhältnissen“, wie sich ihr Sohn Joachim erinnert. Ihr Vater Adolf sei Handelsvertreter gewesen, ihre Mutter Charlotte Hausfrau. Sie verließ die Schule nach der mittleren Reife, besuchte ein Jahr die „Frauenschule mit kaufmännischen Fächern“ und drei Monate die höhere Handelsschule. Ihre erste Anstellung fand sie als Stenotypistin bei einem Schriftsteller, danach bei einem Musikverlag. Sie habe Sprachen lernen wollen, so der Sohn, und so arbeitete sie laut Lebenslauf zwischen 1929 und 1933 in London und Paris als Au-Pair-Mädchen, Deutschlehrerin, Fremdsprachenkorrespondentin und Sekretärin. 

In London lernte sie den Franzosen Jean Paul Hütter kennen, einen Historiker und aufstrebenden Wissenschaftler mit deutschen Vorfahren. Die beiden heirateten 1933, wodurch Margarete Hütter die französische Staatsbürgerschaft erhielt. Ihr Mann bekam die Gelegenheit, zwei Jahre in den USA zu forschen, und so wurde im Juli 1935 ihre Tochter Barbara im amerikanischen Madison/Wisconsin geboren. 1936 kehrte die Familie zurück nach Straßburg, das ab Juni 1940 von deutschen Truppen besetzt wurde. Jean Hütter geriet zunächst als französischer Soldat in Kriegsgefangenschaft und meldete sich dann zum Dienst in der Wehrmacht, wodurch das Ehepaar Hütter die deutsche Staatsbürgerschaft erhielt. 1942 beantragten sie die Mitgliedschaft in der NSDAP. In ihrem Antrag schrieb Margarete Hütter, sie sei bereits seit November 1940 Helferin bei der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV). Zu ihrer Mitgliedschaft in der NSDAP nimmt sie später nie öffentlich Stellung. Auch in der Familie war dies kein Thema, so ihr Sohn. 

Zitat: Hand in Hand mit der übrigen Welt soll das politische Gleichgewicht wiederhergestellt werden, das uns den Frieden gewährt …

(© DBT)

Berufstätig war Margarete Hütter während ihrer Ehe nicht; im März 1943 wurde ihr Sohn Joachim geboren. Im Herbst 1944 bekam sie die Nachricht, ihr Ehemann, der sich seit seiner Einbürgerung Johann nannte, gelte als vermisst. Erst fünf Jahre später wird er gerichtlich für tot erklärt. 

Bei Kriegsende steht Margarete Hütter wie viele Frauen in Deutschland mit einem Klein- und einem Schulkind alleine da. Beruflich beginnt sie ein neues Leben. Sie nutzt ihre Sprachkenntnisse und findet ab Sommer 1945 Arbeit als „Privatsekretärin und Chefdolmetscherin des Gouverneurs und späteren Direktors der Amerikanischen Militärregierung für Baden-Württemberg in Stuttgart, Dr. William W. Dawson“, schreibt sie in einem Lebenslauf. In den fast zwei Jahren dieser Tätigkeit lernt sie viele bedeutende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens kennen, darunter Reinhold Maier, Gründer der wirtschaftsliberalen Demokratischen Volkspartei (DVP) und erster Ministerpräsident Baden-Württembergs. Als ihre frühere Mitgliedschaft in der NSDAP bekannt wird, muss sie jedoch ihren Posten bei der Amerikanischen Militärregierung räumen. Sie findet eine Stelle als Referentin im „Deutschen Büro für Friedensfragen“ in Stuttgart. 

1948 wird Margarete Hütter Mitglied der DVP, später der FDP, für die sie 1949 bei der Wahl zum ersten Bundestag antritt. Ihr Platz auf der Liste reicht nicht für einen Einzug ins Parlament, doch als Theodor Heuss zum Bundespräsidenten gewählt wird, rückt sie nach. Sie wird Mitglied im Ausschuss für Auswärtige Angelegenheiten, im Unterausschuss für Kriegsgefangenenfragen und im Ausschuss für Kriegsopfer- und Heimkehrerfragen. Mehrmals ergreift sie zu diesen Themen das Wort im Plenum und schildert dabei auch persönliche Erfahrungen aus ihrer Zeit im Ausland. Doch bei der Wahl zum zweiten Bundestag reicht ihr Listenplatz erneut nicht für einen Einzug. Da ihre Tochter im Internat wohnt, der Sohn von einer Haushälterin betreut wird und sie alleine für das finanzielle Auskommen der Familie sorgt, bemüht sie sich um eine Stelle im höheren Dienst des Auswärtigen Amtes. Ohne Abitur und Studium ist dies nicht leicht, dennoch gelingt es ihr, mit Verweis auf Ihre beruflichen und politischen Erfahrungen eine Stelle als „Hilfsreferentin“ im UNESCO-Referat des Auswärtigen Amt zu ergattern. Kurze Zeit später wird sie an die deutsche Botschaft in Washington und nach New Orleans gesandt. 

Mitten in der zweiten Legislaturperiode des Deutschen Bundestags kann sie erneut für einen ausscheidenden Abgeordneten nachrücken und kommt für zwei Jahre zurück nach Bonn, um im Ausschuss für Kriegsopfer- und Heimkehrerfragen mitzuarbeiten. Danach kehrt sie nicht wieder in den Bundestag zurück: Sie tritt in den Auswärtigen Dienst ein und klettert die diplomatische Karriereleiter hinauf, 1959 wird sie zur Legationsrätin ernannt. 1963 schreibt sie ihren Vorgesetzten, nachdem ihr Sohn nunmehr das Abitur absolviert habe, sei sie bereit für eine Verwendung im Ausland. Anfang 1968 wird sie als stellvertretende Leiterin in das Generalkonsulat San Francisco berufen. Im Januar 1972 wird sie schließlich als erste Frau Botschafterin der Bundesrepublik Deutschland im außereuropäischen Ausland: Sie tritt in El Salvador ihr Amt an, das sie bis zum Erreichen der Altersgrenze 1978 behält. Zurück in Bonn bleibt sie als Pensionärin in Kontakt zum Bundestag und nimmt an Treffen der „Vereinigung ehemaliger Mitglieder des Deutschen Bundestages und des Europäischen Parlaments e. V.“ teil. Mit 94 Jahren stirbt sie in einem Pflegeheim in Bonn. 

(nw)

Der Text ist entnommen aus dem Buch „Der nächste Redner ist eine Dame“, herausgegeben vom Deutschen Bundestag, erschienen im Ch. Links Verlag, 2024.

Zum Weiterlesen:

Ina Hochreuther: Margarete Hütter. In: Frauen im Parlament. Südwestdeutsche Abgeordnete seit 1919. Stuttgart 1992. S. 196-198.

Eintrag „Hütter, Margarete“ in Munzinger Online/Personen – Internationales Biographisches Archiv.