Margot Kalinke

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Margot Kalinke gehört dem Bundestag über 20 Jahre an – und zählt, zunächst als Abgeordnete der Deutschen Partei (DP), dann der CDU, zu den Vielrednerinnen im Parlament.
Margot Kalinke ist eine begabte Rednerin – und schlagfertige Zwischenruferin. In der Wehrdebatte des Bundestages gerät sie 1966 mit dem späteren Bundeskanzler Helmut Schmidt aneinander. Nach mehreren Zwischenrufen von Kalinke ruft Schmidt: „Ich weiß zwar, dass die Kollegin weiblichen Geschlechts ist, aber man vergisst das manchmal, wenn man ihr zuhört.“ Schmidt handelt sich nicht nur einen Tadel des damaligen amtierenden Parlamentspräsidenten Carlo Schmid ein, sondern auch einen direkten Konter von Kalinke: „Wenn Frauen sich nicht um derartige Dinge wie die Bundeswehr kümmern, müssen sie eines Tages auch die Zeche bezahlen.“
Der Schlagabtausch hat ein Nachspiel, so berichtet der Spiegel 1966: Margot Kalinke bekommt zahlreiche Postkarten, in welchen sie aufgefordert wird, sich um „Frauenprobleme zu kümmern und Helmut Schmidt nicht zu behelligen“. Kalinke lässt sich nicht beirren. „Das war sicher eine gelenkte Aktion, denn die Texte auf den Karten waren praktisch alle gleich. So was werfe ich gleich in den Papierkorb“, zitiert sie der „Spiegel“.
Margot Kalinke, am 23. April 1909 in Bartschin im Landkreis Posen in Westpreußen geboren, ging auf ein Jungengymnasium in Bromberg. Nur vereinzelt waren Mädchen in den Klassen zu finden, und so lernte sie früh, sich in männlich dominierten Kreisen durchzusetzen. Nachdem die Stadt nach dem Ersten Weltkrieg an Polen gefallen war, wurden Kalinkes Eltern 1925 endgültig ausgewiesen. Die Familie siedelte nach Niedersachsen über. Der Verlust ihrer Heimat im Alter von 16 Jahren prägte Margot Kalinke tief – in ihrer politischen Karriere setzte sie sich kontinuierlich für die Interessen von Heimatvertriebenen ein.
Nach der Schule arbeitete Margot Kalinke von 1926 bis 1927 als kaufmännische Angestellte in einer Textilfabrik in Goslar. Danach begann sie nach ihren eigenen Angaben eine für damalige Verhältnisse steile Karriere, die sie auch während der nationalsozialistischen Diktatur fortsetzte: Von 1929 bis 1937 leitete sie die Zweigstelle einer Fabrik, deren Name allerdings nicht bekannt ist. Danach wurde sie Bezirksgeschäftsführerin einer großen Krankenkasse für Angestellte. Kalinke gab selbst an, nie Mitglied der NSDAP gewesen zu sein. Belegt ist jedoch, dass Kalinke bereits im März 1933 Mitglied der NS-Frauenschaft wurde, die in der Diktatur der Gleichschaltung der Frauenorganisationen diente. Über ihr Leben vor ihrer Karriere als Berufspolitikerin ist ansonsten wenig bekannt. Die Angaben, die sich finden lassen, hat Margot Kalinke zu offiziellen Zwecken meist selbst getätigt.
Nach dem Krieg schließt sich Margot Kalinke der Deutschen Partei (DP) an, die sich als konservative Heimatpartei versteht, der sich auch viele aus den ehemals deutschen Ostgebieten Vertriebene anschließen. Für ihre Partei gehört sie zunächst dem Zonenbeirat in der britisch besetzten Zone und später dem ersten gewählten Landtag in Niedersachsen an. In den ersten Bundestag zieht Margot Kalinke als einzige Frau unter 17 Fraktionskollegen ein. Ihre Partei und die CDU ähneln sich damals im politischen Profil zu großen Teilen. Als es in der Deutschen Partei zunehmend zu Konflikten über den künftigen Kurs in der Zusammenarbeit mit der CDU kommt, wechselt Kalinke 1960 zu den Christdemokraten – gemeinsam mit mehreren weiteren Abgeordneten, darunter auch zwei Minister. Es ist ein ziemlicher Skandal, weil Kalinke und die anderen Parteiwechsler ihren eigenen Parteivorsitzenden nicht über ihren Schritt informieren.

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Mit einer zweijährigen Pause von 1953 bis 1955 gehört sie insgesamt 21 Jahre dem Deutschen Bundestag an und gilt als eines der bekanntesten Gesichter des Parlaments. Beobachter zählen, dass sie insgesamt 460-mal ans Rednerpult tritt. Ehrenamtlich gehört sie zahlreichen Verbänden an und leitet seit 1949 den Verband Weiblicher Angestellter (VWA). Bei der CDU etabliert sie sich weiter als Sozialpolitikerin. Ihre Erfahrungen in der Wirtschaft und in der Versicherungsbranche helfen ihr, die Folgen der Gesetzesarbeit im Bundestag für den Alltag der Menschen gut einschätzen zu können, außerdem arbeitet sie sich gerne bis ins kleinste Detail in politische Fragen ein. Ihre Positionen sind konservativ: Sie sieht staatliche Unterstützung nur als großen Ausnahmefall. In ihrer Vorstellung ist jeder seines Glückes Schmied. Progressiv ist dafür ihr Kurs in Frauenfragen. Die Gleichberechtigung der Frau und die Rechte von berufstätigen Frauen gehören zu ihren wichtigsten Themen.
Dabei scheut sie sich nicht, von der Parteilinie abzuweichen: Bei den Debatten um das neue Familienrecht spricht sie sich gegen den so genannten Stichentscheid des Ehemannes aus, mit dem der Mann bei Streitfällen in allen die Ehegatten betreffenden Angelegenheiten seine Ansicht hätte durchsetzen können. Im Rechtsausschuss des Bundestages stimmt sie als DP-Abgeordnete gemeinsam mit der CDU-Abgeordneten Elisabeth Schwarzhaupt für einen Änderungsantrag und sorgt damit für eine Niederlage der Regierungsfraktionen. Auch das Bundesverfassungsgericht kippt diese Klausel wieder. Ihr Fachgebiet ist jedoch die Sozialpolitik, die sie in allen wesentlichen Aspekten der Nachkriegszeit mitgestaltet. Vor allem meistert sie das Spiel der Politik: Sie überzeugt nicht nur inhaltlich, sondern bringt sich auch bei Fragen der Geschäftsordnung und des Abstimmungsmodus‘ mit ein. Sie gilt als selbstbewusste, leidenschaftliche und vor allem sachkundige Rednerin.
Beruflich wie privat lebt Margot Kalinke ihr Leben lieber unangepasst: Sie bleibt zeitlebens unverheiratet und fährt, zumindest in den 50er-Jahren, in ihrer Freizeit Autorennen. 1972 zieht sie sich aus der Politik zurück. Am Ende ihres Berufslebens resümiert sie: „Man hat mich nicht als Frau, sondern als sachverständige und kämpferische, stets gut informierte und einsatzbereite Parlamentarierin respektiert.“ Eine Einschätzung, die auch Beobachter des damaligen Geschehens teilen. Der als Bonner „Hofchronist“ bezeichnete Journalist Walter Henkel berichtet über sie: „Sie gehört mit Abstand zu den bedeutendsten Sozialpolitikern des Bundestags. (…) Niemals hat ein politischer Gegner sie außer Gefecht gesetzt.“ 1974 erhält sie das Bundesverdienstkreuz mit Stern. Am 25. November 1981 stirbt sie in München an den Folgen eines Herzinfarkts.
(tp)
Der Text ist entnommen aus dem Buch „Der nächste Redner ist eine Dame“, herausgegeben vom Deutschen Bundestag, erschienen im Ch. Links Verlag, 2024.
Zum Weiterlesen:
Renate Hellwig (Hrsg.): Unterwegs zur Partnerschaft: die Christdemokratinnen. Stuttgart, 1984. S. 204-211
Regine Marquardt: Das Ja zur Politik: Frauen im Deutschen Bundestag (1949 - 1961). Opladen 1999. S. 253-281.