Irma Keilhack

(© DBT/unbekannt)
Die Sozialdemokratin Irma Keilhack engagiert sich nach den Erfahrungen der nationalsozialistischen Diktatur insbesondere dafür, die Jugend für die Demokratie zu gewinnen – und wird in Hamburg später Jugendsenatorin.
1945 ist die junge Mutter müde und erschöpft wie viele Frauen. Wie absurd ihr damals der Gedanke erschien, sich wieder politisch zu engagieren, und was sie motivierte, es dennoch zu tun, erzählt Irma Keilhack Jahrzehnte später in einem Interview: „Ich muss ganz ehrlich bekennen, dass ich mir nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches geschworen habe, nie wieder in die Politik zu gehen, weil mir der Rückblick auf die Weimarer Republik und das, was wir hinter uns hatten, als so aufreibend, so nervenzersetzend erschien, dass ich das nicht erneut mitmachen wollte. Aber als die Jüngsten einspringen mussten und ich aufgefordert wurde, wieder mitzumachen, hab ich mich doch besonnen und gemeint, dass nach dieser furchtbaren Episode jeder, der noch konnte, am Neuaufbau mit seinen Erfahrungen helfen müsste. (…) Eine andere ganz wesentliche Aufgabe sahen wir in der Erziehung zur Demokratie, zur Menschlichkeit. Es war schon immer meine Meinung, dass man nur durch eine bessere Erziehung – angefangen bei den Kindern – zu einer wirklich reformierten Gesellschaft kommen kann.“
Bereits in ihrem Elternhaus hatte sie die Erfahrung einer freiheitlichen Erziehung machen können: In der Hoffnung auf Arbeit waren ihre Eltern aus dem armen Mecklenburg nach Hamburg gezogen, wo Irma Schweder am 25. Januar 1908 zur Welt kam. Ihr Vater war Hafenarbeiter, gewerkschaftlich organisiert und aktiver Sozialdemokrat, ihre Mutter Köchin und ebenfalls SPD-Mitglied. In den sozialistischen Kinder- und Jugendorganisationen erfuhr Irma Schweder die Bildung und Erziehung, die ihr weiteres Leben prägten: „Im Grunde genommen war die sozialistische Bewegung eine ganz große Bildungsbewegung“, erinnert sie sich als 74-Jährige in einem Interview. Mit 14 Jahren musste sie die Schule verlassen und eine kaufmännische Lehre beginnen, weil das Geld der Familie für die erhoffte Ausbildung zur Lehrerin nicht ausreichte. Als SPD-Parteimitglied nutzte sie deren Bildungsangebote; der Besuch eines Lehrgangs an der angesehenen Heimvolkshochschule Tinz bei Gera war für sie zugleich der Beginn ihrer professionellen Parteiarbeit, wie sie sich noch 1982 gerne erinnert: „Als ich nach Beendigung des Kurses in Tinz gefragt wurde, ob ich Mitarbeiterin im Hamburger Parteibüro und später Sekretärin des damaligen Parteivorsitzenden Karl Meitmann werden wollte, hab ich einen Luftsprung gemacht. (…) Ich fand das so toll, dass ich gedacht habe, ich bin der glücklichste Mensch auf der Welt.“

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Sie war als Sekretärin allein in der SPD-Parteizentrale in Hamburg, als im Mai 1933 die Büroräume von der Polizei durchsucht wurden. Einen Monat später wurden bei einem Treffen der Parteileitung im Redaktionsgebäude des „Hamburger Echo“, in das man nun ausgewichen war, alle Teilnehmenden von der Gestapo verhaftet – auch die Parteiangestellten Adolf Keilhack und Irma Schweder. Kurz darauf wurde die SPD im gesamten Reich verboten. Die verhafteten Frauen wurden nach einigen Tagen entlassen, die Männer länger in Haft gehalten, schikaniert und gefoltert. Für die nun arbeitslose Sozialdemokratin war es schwer, wieder eine Arbeit zu finden; im Haustürgeschäft verkaufte sie Haushaltswaren und mutig nutzte sie die Gespräche an der Wohnungstür für die Übermittlung von Nachrichten und Unterstützungsgeldern an Parteifreunde.
1935 heiratete sie Adolf Keilhack, und beide arbeiteten bis zur Reichspogromnacht 1938 in verschiedenen Firmen jüdischer Eigentümer. Ihr Mann hatte sich mit einer Grundstücksverwaltung selbständig gemacht, die Irma Keilhack alleine weiterleitete, als er 1940 als Soldat eingezogen wurde. Viele Freundschaften aus der aktiven Parteiarbeit unterhielt sie weiter, getarnt als Wandergruppe oder Schrebergartengemeinschaft. Im Juli 1943 verlor sie als schwangere Frau bei den schweren Bombenangriffen auf Hamburg und den verheerenden Feuerstürmen ihre Wohnung und die Grundlagen ihrer beruflichen Existenz. Kurz darauf brachte sie ihren Sohn zur Welt und erhielt nach langer Zeit wieder Nachricht von ihrem Mann. Das Kriegsende erlebte die Familie in ihrem Schrebergarten in Hamburg, der auch noch in den kommenden Jahren ihr Zuhause sein wird.
Schnell lässt sich Irma Keilhack von ihren alten politischen Freunden überzeugen, wieder politisch aktiv zu werden. Zugleich will sie doch noch Lehrerin werden, um „den Staatsbürger von morgen – den Träger einer neuen Demokratie – heranzubilden“, wie sie sich 1958 erinnert. Doch als ihre Mutter schwer erkrankt, die bisher ihren kleinen Sohn versorgt hatte, hat für sie die Betreuung ihrer Familie Vorrang; sie bricht kurz vor dem Abschluss ihre Ausbildung ab und tritt als Mitglied des SPD-Landesvorstandes zurück. Trotz dieser „Familienpause“ kann sie die skeptische Delegiertenversammlung überzeugen und wird nach einer Kampfabstimmung für die erste Bundestagswahl nominiert.
1949 und bei den drei darauffolgenden Bundestagswahlen erringt sie ein Bundestagsmandat. Der Schwerpunkt ihrer Tätigkeit ist die Jugendpolitik. Sie engagiert sich als ordentliches Mitglied in zwei Ausschüssen zugleich: im Ausschuss für Familien- und Jugendfragen und dem Ausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten. Zeitweilig ist sie auch stellvertretendes Mitglied im Gesundheitsausschuss, dem Haushaltsausschuss und dem Vermittlungsausschuss. 1953 gehört sie als einzige Frau dem Ältestenrat des Bundestages an, von 1956 an dem Fraktionsvorstand und seit 1958 auch dem Parteivorstand der SPD. In ihrer Heimatstadt Hamburg bleibt sie gut vernetzt: SPD-Mitglieder, die gemeinsam mit ihr 1933 verhaftet wurden, sind nun Senatoren oder Mitglieder der Bürgerschaft. Kenntnisreich bemüht sie sich als Oppositionspolitikerin, nicht nur bundeseinheitliche Maßnahmen der Fürsorge und Unterstützung für alle Jugendlichen zu erreichen, sondern auch die Jugendpolitik als Bestandteil der kommunalen Selbstverwaltung zu etablieren.
Gerade ist sie zum vierten Mal in den Bundestag gewählt worden, als die Hamburger SPD sie nach der gewonnenen Bürgerschaftswahl als Senatorin der Jugendbehörde benennt. Im Januar 1962 legt sie ihr Bundestagsmandat nieder und wird Landesministerin. 1970 beendet sie ihre politische Karriere, bleibt aber noch lange eine gefragte Zeitzeugin der Kriegs- und Nachkriegszeit.
Am 3. Juni 2001 stirbt Irma Keilhack in Hamburg.
(he)
Der Text ist entnommen aus dem Buch „Der nächste Redner ist eine Dame“, herausgegeben vom Deutschen Bundestag, erschienen im Ch. Links Verlag, 2024.
Zum Weiterlesen:
Charles Schüddekopf (Hg.): Der alltägliche Faschismus: Frauen im Dritten Reich, Berlin 1982, S. 117 – 141. Gespräch mit Irma Keilhack, aufgezeichnet von Ingrid Fischer.