Liesel Kipp-Kaule

(© DBT/unbekannt)
Liesel Kipp-Kaule gelingt der Einstieg in die Politik über ihr jahrelanges Engagement in der Gewerkschaftsarbeit. Im Deutschen Bundestag vertritt sie vier Wahlperioden vor allem die Interessen der arbeitenden Frauen.
Gleich zu Beginn der ersten Wahlperiode des Deutschen Bundestages macht die Abgeordnete der Opposition Liesel Kipp-Kaule deutlich, dass sie angetreten ist, um die „Sicherung des Einkommens aller arbeitenden Menschen gewährleistet zu sehen, um sie vor Willkür und einseitigen Maßnahmen zu schützen“. Und die langjährige Betriebsrätin macht keinen Hehl daraus, dass sie es als ihre Lebensaufgabe ansieht, besonders für den Schutz der in Fabriken und in Heimarbeit tätigen Frauen zu sorgen.
Die Frau, die so selbstbewusst die Interessen der Arbeitenden vertritt, wurde am 13. Februar 1906 in Bielefeld als Kind der „unverehelichten Arbeiterin Friederike Maria Kipp“ geboren, wie es in der Geburtsurkunde heißt. Sie wuchs bei Pflegeeltern im nahegelegenen Herford auf. Das Verhältnis war so innig, dass sie zeitlebens deren Familiennamen als Namenszusatz führte, ebenso wie die Koseform ihres Vornamens aus dieser Zeit: aus Luise Kipp wurde Liesel Kipp-Kaule.
Wie ihre Pflegemutter machte sie eine Ausbildung zur Schneiderin; zugleich besuchte sie die gerade eröffnete Volkshochschule, um sich weiterzubilden. Entsprechend dem damaligen Frauenbild schickten ihre Pflegeeltern sie aber zunächst als Dienstmädchen in einen Privathaushalt, um sie auch auf das Leben als Hausfrau vorzubereiten. Doch sie heiratete nicht; sie ging 1927 – gerade volljährig geworden – nach Bielefeld, das neben der Metallindustrie geprägt war von Textilfabriken mit einem hohen Frauenanteil. Die Frauen dort arbeiteten in der Regel nur bis zu ihrer Heirat als einfache Näherinnen, danach allenfalls noch als Heimarbeiterinnen.
Liesel Kipp-Kaule wurde Mitglied im „Deutschen Textilarbeiter-Verband“ (DTAV) und Betriebsrätin. Die Gewerkschaft förderte ihre Karriere 1932 durch den Besuch der damals bekannten Heimvolkshochschule Tinz bei Gera. Doch bereits 1933 wurden mit dem Verbot der Gewerkschaften weitere Pläne zunichte gemacht. Während ihr Arbeitgeber 1937 „für vorbildliche Berufserziehung“ im Sinne des Nationalsozialismus ausgezeichnet wurde, geriet Liesel Kipp-Kaule ins Visier der Gestapo. Im Frühjahr 1940 wurde sie vorgeladen. Obwohl es „nur“ eine Verwarnung gab, verließ sie Bielefeld, bevor es weitere Vorladungen gab. Nach eigenen Angaben fand sie andernorts Arbeit als kaufmännische Angestellte. Erst im Sommer 1944 kehrte sie erkrankt zu ihren Pflegeeltern nach Herford zurück; bis zum Tod der Pflegemutter 1952 blieb sie dort wohnen.

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Im August 1945 genehmigen die britischen Besatzungsbehörden die Gründung von Gewerkschaften, und bereits im März 1946 organisiert Liesel Kipp-Kaule in Bielefeld – bereits hauptamtliche Sekretärin der Industriegewerkschaft Bekleidung – die erste Frauenarbeitstagung auf Zonenebene mit den Forderungen nach gleichem Lohn für gleiche Arbeit und der Qualifizierung von Frauen. Sowohl thematisch wie organisatorisch werden hier die wesentlichen Grundlagen für die Neuorganisation gewerkschaftlicher Frauenarbeit gelegt. Frauenausschüsse entstehen, im neugegründeten Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) wie auch in der SPD. Immer gehört Liesel Kipp-Kaule zu den dort führenden Frauen: 1947 werden mit ihr und Frieda Nadig zum ersten Mal zwei Frauen in den SPD-Bezirksvorstand gewählt, im selben Jahr auf dem Gründungskongress des DGB für die britische Zone wird sie als einzige Frau Vorstandsmitglied. Im April 1949 kommt sie rückt sie in den Geschäftsführenden Vorstand der Gewerkschaft Textil Bekleidung Leder (GTB) auf – wieder als einzige Frau - und wird dort Sekretärin für Frauen und Jugend.
Offenbar ist es der SPD-Parteivorsitzende Kurt Schumacher selbst, der sie als Kandidatin für die Bundestagswahl 1949 vorschlägt. Ihr Einzug in den ersten Deutschen Bundestag über die Landesliste ist für sie zwar der Höhepunkt ihrer politischen Karriere, doch zugleich wird ihr Mandat als Argument genutzt, um ihre Wahl in den Bundesvorstand des DGB zu verhindern: auf seinem Gründungskongress im Oktober 1949 spricht sich der Vorsitzende Hans Böckler gegen ihre Wahl aus, weil er dort gerade für die Frauenfragen „eine 100-prozentige Kraft“ benötige. Während ihrer gesamten Abgeordnetenzeit gehört sie dem Ausschuss für Arbeit an sowie zeitweise den Ausschüssen für Finanz- und Steuerfragen, für Sozialpolitik und für Familien-und Jugendfragen.
Es bleibt ihr großes Anliegen, die Rechte erwerbstätiger Frauen zu stärken. Dabei schaut sie nicht nur auf die Lebens- und Arbeitsverhältnisse der Industriearbeiterinnen, sondern auch der Heimarbeiterinnen, Hausangestellten und den in der Landwirtschaft Tätigen. In der Fraktion bereitet sie unter anderem das neue Mutterschutzgesetz vor, im dem sie in ihrem Entwurf bereits 1950 Kindertagesstätten fordert. Auch während ihrer Abgeordnetentätigkeit bleibt sie im Vorstand der GTB und organisiert Frauenkonferenzen des DGB. Nach jahrzehntelanger Tätigkeit zieht sie sich zu Beginn der 1960er Jahre aus der Gewerkschaftsarbeit zurück und kandidiert 1965 nach sechzehn Jahren Abgeordnetentätigkeit nicht noch einmal für den Bundestag.
Mit 86 Jahren stirbt sie am 10. Juli 1992 in ihrem Geburtsort Bielefeld. Nur symbolisch war zwei Jahre später am Internationalen Frauentag die Umbenennung des zentral gelegenen Jahn-Platzes zum „Liesel-Kipp-Kaule-Platz“. Heute trägt eine kleine Straße außerhalb der Altstadt ihren Namen.
(he)
Der Text ist entnommen aus dem Buch „Der nächste Redner ist eine Dame“, herausgegeben vom Deutschen Bundestag, erschienen im Ch. Links Verlag, 2024.
Zum Weiterlesen:
Johanna Pointke: „Mit klarem Verstand und heißem Herzen“: Die Gewerkschafterin Liesel Kipp-Kaule (1906 – 1992). In: Bärbel Sunderbrink (Hg.), Frauen in der Bielefelder Geschichte, Bielefeld 2010, S. 301 – 309.