Parlament

Elise (Lisa) Korspeter

Porträtfoto von Elise (Lisa) Korspeter, 1900 bis 1992

(© DBT/unbekannt)

Lisa Korspeter zieht 1949 als eine der wenigen Frauen mit einem Direktmandat in den ersten Deutschen Bundestag ein, dem sie fünf Wahlperioden angehören wird. 

Als der SPD-Parteivorstand sie 1958 um einen Beitrag zum Thema „Frauen machen Politik“  für seine „Schriftenreihe für Frauenfragen“ bittet, stellt die ausgebildete Jugend- und Wohlfahrtspflegerin Lisa Korspeter nach neun Jahren im Bundestag selbstkritisch fest, „dass die Frauen im Parlament vor allem den Ausschüssen angehören und dort gute Arbeit leisten, in denen die sozialen Fragen des Alltags behandelt werden“. Doch angesichts der aktuellen politischen Lage sollten sich die Frauen in allen Politikfeldern, besonders der Deutschlandpolitik, engagieren; gerade die Frauen dürften es nicht zulassen, „dass hier auf unserer Seite ein zweiter ‚Eiserner Vorhang‘ aufgebaut wird, der aus Gleichgültigkeit, Lässigkeit, Sattheit, aus Kühle, ja oft aus kaltem Herzen gegenüber den Flüchtlingen aus der Zone (…) besteht“. 

Die „Opposition gegen bürgerliche Sattheit“, die sie hier einfordert, hat von früher Jugend an ihr eigenes Leben bestimmt. Elise Zwanzig wurde am 31. Januar 1900 in Großörner bei Mansfeld geboren, wo Bergwerke das wirtschaftliche und soziale Leben bestimmten. Sie wuchs behütet mit drei älteren Geschwistern in einer wohlhabenden Familie auf. Doch statt nach dem Lyzeum und der Ausbildung zur Kindergärtnerin zu heiraten und Mann und Kinder zu versorgen, wählte sie einen anderen Weg: sie verließ ihr Elternhaus und absolvierte an der Sozialakademie in Düsseldorf eine Ausbildung zur Wohlfahrtspflegerin. Das Geld für ihr Studium verdiente sie sich in verschiedenen Textilbetrieben. Hatte sie hier bereits harte Arbeitsbedingungen kennengelernt, war sie von den elenden Lebensbedingungen in der kleinen Industriestadt, in der sie ihre erste Anstellung als Wohlfahrtspflegerin gefunden hatte, zutiefst ergriffen. Bald stand für sie fest, dass sie sich politisch engagieren wollte, um die sozialen Verhältnisse zu ändern.

Ende der 1920er Jahre wurde sie Mitglied der SPD und des Deutschen Textilarbeiterverbandes und heiratete 1929 den Journalisten und damaligen Bielefelder SPD-Stadtverordneten Wilhelm Korspeter. Mit der Eheschließung gab Lisa Korspeter ihre Berufstätigkeit auf, nicht jedoch ihr politisches Engagement. Doch schon 1933 endete mit dem Verbot der SPD ihre ehrenamtliche Tätigkeit in der Jugendfürsorge der SPD, und ebenso verlor ihr Ehemann sein Mandat im Stadtrat sowie seine Arbeit bei der Zeitung. Mehrfach wurde er von der Gestapo verhaftet und verhört; währenddessen verdiente Lisa Korspeter das Geld für das tägliche Überleben.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges lebt das Ehepaar in Lisa Korspeters Heimat Sachsen-Anhalt und beginnt sofort, sich wieder politisch zu engagieren: Wilhelm Korspeter wird im Juni 1945 ernannter Stadtrat in Magdeburg, Lisa Korspeter wird Mitglied im Bezirksausschuss der SPD in Sachsen-Anhalt und beteiligt sich am Aufbau der SPD-Frauenorganisation in Magdeburg. Beide lehnen die Zwangsvereinigung von KPD und SPD zur SED ab. Als der Druck der sowjetischen Militäradministration bedrohlich wird, flüchten sie im Februar 1946 nach Niedersachsen. In der Landeshauptstadt Hannover starten beide Eheleute eine Karriere in der Politik: Wilhelm Korspeter, nun einer der beiden Chefredakteure der von sozialdemokratischen Gesellschaftern geführten „Hannoverschen Presse“, wird im April 1947 Abgeordneter im Landtag von Niedersachsen. Lisa Korspeter wird für die SPD Mitglied im Zonenbeirat für die Britische Besatzungszone, ein Jahr später in den Stadtrat von Hannover gewählt und in den Wirtschaftsrat für das Vereinigte Wirtschaftsgebiet entsandt. 

Zitat: Es geht darum, Berlin, das durch den Flüchtlingsstrom aus der Sowjetzone in außerordentliche Schwierigkeiten geraten ist, zu entlasten. (In der Debatte zur Notaufnahmesituation in Berlin 1953)

(© DBT)

Im September 1949 gewinnt sie als eine der wenigen weiblichen Abgeordneten die Mehrheit der Erststimmen in ihrem Wahlkreis Celle und zieht in den ersten Deutschen Bundestag ein. Von nun an pendelt sie zwischen der Bundeshauptstadt Bonn, Celle und Hannover, wo ihr Ehemann lebt und arbeitet. Als Mitglied der Ausschüsse für gesamtdeutsche Fragen, für Sozialpolitik und für Fragen der öffentlichen Fürsorge, deren Obfrau sie in der ersten Wahlperiode wird, profitiert sie nicht nur von ihren Erfahrungen als Wohlfahrtspflegerin, sondern auch von ihrer Tätigkeit im Wirtschaftsrat, der bereits die ersten Vorarbeiten für das spätere „Lastenausgleichsgesetz“ geleistet hatte. Wenn sie 1958 die Frauen in ihrem Beitrag in der „Schriftenreihe für Frauenfragen“ auffordert, sie sollten sich für die Belange der Flüchtlinge aus der sogenannten Sowjetzone einsetzen, formuliert sie quasi ihre Tätigkeitsbeschreibung als Abgeordnete. Geprägt von den eigenen Erfahrungen bestimmt sie in den kommenden Jahren die Arbeit der SPD-Fraktion auf dem Gebiet der Vertriebenenpolitik. Auch in den Vertriebenenverbänden genießt sie hohes Ansehen, selbst wenn ihre Bemühungen um eine Gleichstellung von Vertriebenen und politischen Flüchtlingen aus der DDR – im damaligen Sprachgebrauch Sowjetzonenflüchtlingen – nicht von allen geteilt werden. 

Als Antragstellerin entsprechender Gesetzentwürfe versteht sie es nicht nur im Plenum des Bundestages, sondern auch in zahlreichen Veröffentlichungen in der Presse die Öffentlichkeit über die aktuelle Arbeit der SPD-Fraktion zu informieren. Zwanzig Jahre lang gehört Lisa Korspeter dem Deutschen Bundestag an. Und auch nach ihrem Ausscheiden setzt sie ihre Tätigkeit in der Flüchtlingspolitik in der Partei und in Verbänden fort: noch immer Mitglied des SPD-Parteivorstandes setzt sie sich in seinem Expertenkomitee des Vertriebenen-und Flüchtlingsbeirates weiterhin für eine Verbesserung des Lastenausgleichsgesetzes ein, und bei den Vertriebenenverbänden engagiert sie sich von 1969 an besonders im neugegründeten Bund der Mitteldeutschen (BMD).

Bereits zwei Jahre zuvor ist sie nach dem Tod ihres Mannes nach Celle umgezogen. In ihrem ehemaligen Wahlkreis wird sie nun in den Stadtrat gewählt und ist dort und in verschiedenen Ehrenämtern abermals für soziale Belange aktiv. Sie ist bereits 76 Jahre alt, als sie ihr Mandat im Stadtrat aufgibt; aus den herzlichen Glückwünschen der Bundestagsfraktion zu ihrem 85. Geburtstag ist die große Wertschätzung herauszuhören, die sie noch immer genießt. Am 7. Oktober 1992 stirbt Lisa Korspeter im Alter von zweiundneunzig Jahren in Celle.

(he)

Der Text ist entnommen aus dem Buch „Der nächste Redner ist eine Dame“, herausgegeben vom Deutschen Bundestag, erschienen im Ch. Links Verlag, 2024.

Zum Weiterlesen:

Gisela Notz: Frauen in der Mannschaft: Sozialdemokratinnen im Parlamentarischen Rat und im Deutschen Bundestag 1948/49 bis 1957 mit 26 Biographien, Bonn 2003, S. 304 – 323.