Anni Krahnstöver

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Das Leid und Elend, das sie nach dem Zweiten Weltkrieg in ihrer Heimat erlebt, wird Anni Krahnstöver zum Antrieb, in die Politik zu gehen. Zuerst im Landtag und dann im Bundestag setzt sie sich besonders für Geflüchtete ein.
Es ist bitterkalt im Januar 1947 – besonders, wenn man kein Zuhause mehr hat. In Schleswig-Holstein ist nahezu jede zweite Person geflüchtet, vertrieben, evakuiert oder ist eine sogenannte Displaced Person und lebt in provisorischen Unterkünften. Das Land mit dem höchsten Anteil entwurzelter Menschen steht vor einer Zerreißprobe: auf der einen Seite die Einheimischen, die den Krieg relativ unbeschadet überstanden haben, auf der anderen Seite die Menschen, die alles verloren haben. In der vierten Sitzung des zweiten ernannten Schleswig-Holsteinischen Landtages drängt die SPD-Abgeordnete Anni Krahnstöver die Fraktionen angesichts des Elends zur Eile und appelliert – wie später auch als Abgeordnete im Deutschen Bundestag – an beide Hälften der Gesellschaft: „Wir sind eine Not- und Schicksalsgemeinschaft.“ Sich selbst bezeichnet sie dabei als „Kuriosum“; denn das Leben hat sie zu einem „schleswig-holsteinischen Flüchtling“ gemacht.
Anni Leffler wurde am 4. Juni 1904 in Kiel geboren, besuchte die Mittelschule und wurde nach dem Ersten Weltkrieg kaufmännische Angestellte. Mehrere Jahre arbeitete sie in verschiedenen Betrieben. Gerade erst war sie im Jahr 1924 Mitglied der SPD geworden, da engagierte der Bezirksvorstand der SPD Schleswig-Holstein die tüchtige junge Frau sogleich als Assistentin der Reichstagsabgeordneten Louise Schroeder. Diese war schon damals bekannt dafür, junge Frauen zu einer aktiven Parteiarbeit zu ermuntern und zu fördern. Anni Leffler zog 1928 – nur ein halbes Jahr nach der Geburt ihrer Tochter – von Kiel nach Berlin, um dort beim SPD-Parteivorstand ein Volontariat zu machen. Im Jahr darauf zog sie nach Oppeln in Oberschlesien um; nach ihrer Heirat folgte ihr Ehemann Ernst Krahnstöver an den neuen Wohnort. Dort wurde sie mit fünfundzwanzig Jahren eine der jüngsten SPD-Bezirkssekretärinnen. Im Jahr darauf bekam sie ihr zweites Kind. Die hoffnungsvoll begonnene Karriere endete abrupt, als sie 1933 mit dem Verbot der SPD ihren Arbeitsplatz verlor. Kurzzeitig inhaftiert, stand sie nach der Haftentlassung unter Polizeiaufsicht und war als Handelsvertreterin tätig. 1943 floh sie mit ihrer Familie nach Königsberg, doch ein Bombenangriff zerstörte ihr neues Zuhause und sie kehrte mit ihrer Familie nach Oppeln zurück.
Im Januar 1945 zieht Anni Krahnstöver mit ihrer Familie in einem der großen Flüchtlingstrecks nach Mecklenburg und erreicht schließlich ein Flüchtlingslager in der Lüneburger Heide. Wiederum ist es Louise Schroeder, mittlerweile Bürgermeisterin in Berlin, die ihrem Leben den entscheidenden Impuls gibt: Anni Krahnstöver kehrt nach Schleswig-Holstein zurück und wird innerhalb eines halben Jahres Bezirkssekretärin, Zweite Bezirksvorsitzende, Landesfrauensekretärin der SPD und im Dezember 1946 Mitglied des zweiten ernannten Landtages. Von den drei weiblichen Abgeordneten übernehmen zwei den Vorsitz eines Ausschusses; Anni Krahnstöver wird Vorsitzende des Ausschusses für das Flüchtlingswesen.
1947 zieht sie als eine von sechs weiblichen Abgeordneten in den ersten gewählten schleswig-holsteinischen Landtag ein, und im Juni desselben Jahres gehört sie zu den Delegierten des Landtages für den britischen Zonenbeirat. Als im Februar 1948 die Mitgliederzahl im Wirtschaftsrat für das Vereinigte Wirtschaftsgebiet erhöht wird, zählt sie zu den neuen Mitgliedern und muss deshalb ihr Landtagsmandat aufgeben. Die Belange der Frauen und Flüchtlinge vertritt sie auch in diesem Gremium als stellvertretende Vorsitzende des Flüchtlingsausschusses.
Auf dem SPD-Parteitag in Düsseldorf im September 1948 wird sie erstmalig in den Parteivorstand gewählt, dem sie bis 1954 angehört. Sie hat sich in der SPD den Ruf als Expertin für Flüchtlingsfragen erarbeitet, und kandidiert bei der ersten Bundestagswahl im August 1949 auf Platz 1 der Landesliste der SPD in Schleswig-Holstein und zugleich als einzige Frau in einem der 14 Wahlkreise des Landes, den kurz zuvor Willy Brandt zugunsten des Berliner Abgeordnetenhauses aufgegeben hatte.

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Sie gewinnt diesen Wahlkreis und wird im September 1949 als einzige Frau aus Schleswig-Holstein Abgeordnete des ersten Deutschen Bundestages. Das Elend der Flüchtlinge zu beseitigen und gesetzliche Grundlagen für eine gerechte Verteilung der Kriegslasten auf die Gesamtbevölkerung zu schaffen, bleiben auch im Bundestag ihre wichtigsten Themen. Als Mitglied des Wirtschaftsrates hat sie bereits 1948 an einem ersten Lastenausgleichsgesetz mitgewirkt, das wegen Einwänden der Alliierten erst im August 1949 als „Soforthilfegesetz“ in Kraft tritt. Nun im Bundestag setzt sich Anni Krahnstöver für die Verbesserung der sogenannten Soforthilfe ein und ist maßgeblich daran beteiligt, dass das Lastenausgleichsgesetz im Mai 1952 vom Bundestag verabschiedet wird. Ihre unermüdlichen Bemühungen gelten den Flüchtlingen – gleichgültig, ob es um die Erfolgskontrolle ihrer Eingliederung auf Bundesebene geht oder um die Rückkehr der Helgoländer auf ihre Heimatinsel nach der Freigabe der britischen Besatzungsbehörden. Als Mitglied in den entsprechenden Fachausschüssen und anderen Gremien kontrolliert sie die Durchführung entsprechender Maßnahmen und auch die weitere Entwicklung.
1953 wird Anni Krahnstöver dazu gedrängt, nicht noch einmal für den Bundestag zu kandidieren. Weil sie nach ihrer Scheidung 1950 ihren Fraktionskollegen Wilhelm Mellies geheiratet hat, der in der Fraktion Parlamentarischer Geschäftsführer und in der Partei stellvertretender Vorsitzender ist, legt ihr die Fraktionsführung nahe, auf eine weitere Kandidatur zu verzichten. Die Zeitzeugin und spätere Bundestagspräsidentin Annemarie Renger bedauert 1993 in ihren Erinnerungen, dass sich damals keine Kollegin – auch nicht die Betroffene selbst – darüber empört hat.
Doch Anni Mellies, wie sie jetzt heißt, bleibt auch nach ihrem Ausscheiden aus dem Bundestag eine bundesweit gefragte Rednerin. Als ihr Mann im Mai 1958 stirbt, zieht sie ihre Kandidatur für den Landtag von Nordrhein-Westfalen zurück; sie wird kein neues Amt mehr übernehmen.
Am 27. Juli 1961 stirbt Anni Mellies mit 57 Jahren in ihrer Wohnung in Bonn.
Der Text ist entnommen aus dem Buch „Der nächste Redner ist eine Dame“, herausgegeben vom Deutschen Bundestag, erschienen im Ch. Links Verlag, 2024.
Zum Weiterlesen:
Sabine Jebens-Ibs: Frauen in der schleswig-holsteinischen Politik. In: Rüdiger Wenzel (Hsg.), „Alle Mann an Deck!“ – „und die Frauen in die Kombüse?“: Frauen in der schleswig-holsteinischen Politik 1945 - 1958, Kiel 1993, S. 47 – 148.