Gertrud Lockmann

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Gertrud Lockmann gehört zu den sozialdemokratischen Mitgliedern des Bundestages, die noch im Kaiserreich der Partei beigetreten war. Im Parlament profiliert sie sich als Finanz- und Steuerexpertin.
Schon früh in ihrem Leben hat die Steuerexpertin die Erfahrung gemacht, dass Gleichberechtigung auch etwas damit zu tun hat, als Frau finanziell auf eigenen Beinen stehen zu können. Mit leichter Ironie kaschiert Gertrud Lockmann ihre Unzufriedenheit darüber, dass die Bundesregierung das im Grundgesetz geforderte Gleichberechtigungsgesetz zum Ende der ersten Wahlperiode noch immer nicht in Angriff genommen hat. In der Plenardebatte über eine Gesetzesänderung steuerlicher Vorschriften im Mai 1953 mahnt sie deshalb: „Man sollte weiter bedenken, dass die Gleichberechtigung der Frau doch vor der Tür steht. Es kann sich doch nur noch um eine kurze Zeit handeln, bis wir auch die steuerliche Gleichberechtigung der Frau bekommen, mit der wir alle diese Probleme zu lösen verpflichtet sind, um dann in einer großen Steuerreform ein großes Aufwaschen zu machen und nicht immer an all diesen Dingen herumzuflicken.“
Gertrud Buschow wurde am 29. April 1895 in Hamburg geboren. Zeitlebens bleibt sie mit ihren Selbstauskünften sparsam, und so erfahren wir wenig über ihr privates Leben. Beide Eltern verstarben, als sie noch ein Teenager war. Wegen ihrer guten Leistungen erhielt sie einen Freiplatz für ein schulgeldfreies 9. Schuljahr, das ihr eine kaufmännische Lehre ermöglichte. Von nun an sorgte sie selbst für ihren Lebensunterhalt. Mit 17 Jahren trat sie der SPD bei und lernte dort Heinrich Lockmann kennen, den sie 1916 heiratete. Wie viele Menschen, denen wegen ihrer Herkunft eine höhere Schulbildung versagt blieb, bildete sich auch Gertrud Lockmann nach dem Ersten Weltkrieg in Arbeiterbildungsvereinen und der Volkshochschule weiter. Zugleich war sie ein aktives Parteimitglied und leitete von 1926 an den SPD-Distrikt in Hamburg-Uhlenhorst. Als die Hamburger Betriebskrankenkasse für staatliche Angestellte in Goslar ein Genesungsheim errichtete, zogen Gertrud und Heinrich Lockmann 1930 in den Harz, um dort die Heimleitung zu übernehmen. Noch im selben Jahr wurde sie in Goslar zweite SPD-Vorsitzende. Doch im Streit um die Bekämpfung des erstarkenden Nationalsozialismus schloss sie sich Ende 1931 der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) an, bis diese sich 1933 auflöste.
In dieser Zeit begannen auch in Goslar Gruppen der SA und SS, Menschen auf offener Straße zu drangsalieren; Veranstaltungen demokratischer Parteien mussten unter Polizeischutz gestellt werden, und Veranstaltungen der NSDAP waren begleitet von Schlägereien. Mitunter wurde auch von Schusswaffen Gebrauch gemacht. Nach dem Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 und noch einmal nach den Gemeindewahlen am 12. März 1933, bei der die NSDAP in Goslar die mit Abstand stärkste Partei geworden war, wurden auch hier bekannte Sozialdemokraten und Kommunisten verhaftet. Ihr Arbeitgeber enließ die Eheleute Lockmann aus politischen Gründen. Erst Jahre später kehrte Gertrud Lockmann nach Hamburg zurück. Im Handbuch des Deutschen Bundestages von 1952 erklärt sie knapp: „…bis 1934 Reisen durch Deutschland (um Hamburger Gestapo zu entgehen)“. Mitte der 1930er-Jahre waren viele Mitglieder von SPD- und SAP-Gruppen bereits wiederholt verhaftet und bekannte Politikerinnen und Politiker in Konzentrationslager deportiert worden. Ab 1936 arbeitete Gertrud Lockmann als Buchhalterin und später als selbständige Steuerhelferin in Hamburg. Trotz der bedrohlichen Lage nahm sie Kontakte zu verschiedenen Widerstandsgruppen auf und nutzte unter anderem ihre berufliche Tätigkeit im Büro des Gaststättenbetriebs „Planten un Blomen“, um illegales Material der kommunistischen Widerstandsgruppe um Bernhard Bästlein an Sozialdemokraten weiterzugeben.
Nach Kriegsende wird Gertrud Lockmann wieder Mitglied der SPD und startet nun eine beachtliche politische Karriere. Gemeinsam mit Paula Karpinski, die später Hamburgs erste Senatorin wird, übernimmt sie im Wahlkampf für die erste gewählte Bürgerschaft den Vorsitz eines von SPD-Frauen geführten „Aktionsausschusses“. Im Oktober 1946 wird sie Mitglied der ersten gewählten Hamburgischen Bürgerschaft, von 1947 an ist sie Mitglied des SPD-Landesvorstands und gehört zu den Delegierten mit den meisten Stimmen, die die Hamburger SPD auf den Bundes-Parteitagen 1947 und 1948 vertreten. Die Bürgerschaft bestimmt am 31. August 1949 Gertrud Lockmann als eine ihrer Delegierten für die Bundesversammlung zur Wahl des Bundespräsidenten.

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Die starke „Gruppe der Frauen“ in der SPD unterstützt ihre Kandidatur für die erste Bundestagswahl, doch in einer Stichwahl unterliegt sie knapp der jüngeren Irma Keilhack. Erst im Januar 1951 rückt sie für den verstorbenen Erich Klabunde in den Bundestag nach, und 1953 zieht sie über die Landesliste zum zweiten Mal in den Bundestag ein. Bereits in der Bürgerschaft hatte sie sich in Steuer- und Finanzfragen großen Respekt erworben, und auch als Nachrückerin im Bundestag gelingt ihr der Einbruch in diese Männerdomäne. Zunächst ordentliches Mitglied im Gesundheitsausschuss und stellvertretendes Mitglied im Wahlprüfungsausschuss und im Haushaltsausschuss, ist sie von Anfang 1952 an bis zum Ende ihrer Abgeordnetentätigkeit ordentliches Mitglied im Ausschuss für Finanz- und Steuerfragen. Für ihr großes Anliegen, auch „die steuerliche Gleichberechtigung der Frau“ zu erreichen, findet sie im Bundestag weder im Ausschuss noch in der eigenen Fraktion genügend Mitstreiterinnen und Mitstreiter. Ihre Kompetenz hingegen ist unbestritten. Ebenso wie in den Steuerdebatten versteht es die erfahrene Finanzexpertin auch in den Haushaltsberatungen, komplexe Sachverhalte allgemeinverständlich darzustellen und zu erklären, dass auch kleine Haushaltsposten, wie der für unbeschränkte Bahnübergänge, eine große Bedeutung für die Sicherheit der Menschen haben, und welche Auswirkungen die Aufhebung der Kaffee- und Teesteuer auf das Leben von durchschnittlich Verdienenden hätte.
1957 wird die einundsechzigjährige Gertrud Lockmann zwar nicht wieder als Kandidatin für die Bundestagswahl aufgestellt, jedoch noch einmal in die Hamburgische Bürgerschaft gewählt, der sie bis Ende 1961 angehört.
Ein knappes Jahr später stirbt Gertrud Lockmann. In ihrer Heimatstadt Hamburg erinnert heute ein Stein im „Garten der Frauen“ auf dem Ohlsdorfer Friedhof an sie als Bürgerschaftsabgeordnete und Verfolgte des NS-Regimes.
(he)
Der Text ist entnommen aus dem Buch „Der nächste Redner ist eine Dame“, herausgegeben vom Deutschen Bundestag, erschienen im Ch. Links Verlag, 2024.
Zum Weiterlesen:
Gisela Notz, Frauen in der Mannschaft: Sozialdemokratinnen im Parlamentarischen Rat und im Deutschen Bundestag 1948/49 bis 1957, Bonn 2003, S. 339 – 351.