Dr. Agnes Maxsein

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Agnes Maxsein verfügt über einen schillernden Bildungsweg und gehört zu den West-Berliner Bundestagsabgeordneten mit besonderem Status im Parlament. Dort hinterlässt sie insbesondere kulturpolitisch Spuren.
Die 57jährige Agnes Maxsein kommt erst im Februar 1952 in den Deutschen Bundestag, zweieinhalb Jahre nach der Bundestagswahl. Sie gehört zu den jetzt 21 West-Berliner Abgeordneten, die nach einem Übereinkommen der alliierten Siegermächte einen besonderen Status im Parlament haben: Sie werden nicht bei der Wahl zum Deutschen Bundestag von der Bevölkerung gewählt, sondern von den Abgeordneten des West-Berliner Landesparlaments. Die West-Berliner Bundestagsabgeordneten haben zudem – bis auf Abstimmungen zur Geschäftsordnung – von 1949 bis zur Wiedervereinigung 1990 kein Stimmrecht.
Dabei ist Agnes Maxsein keineswegs eine gebürtige Berlinerin: sie wurde am 4. Dezember 1904 in Kadenbach nahe Koblenz geboren und wuchs als jüngstes von fünf Kindern in Frankfurt am Main auf. Ihr Vater war Lehrer, doch bereits im Alter von acht Jahren verlor sie beide Eltern. Über die Umstände dieses frühen Todes der Eltern und ihre weitere Kindheit gibt sie nirgends Auskunft, so wie sie auch sonst nur wenige persönliche Informationen preisgibt.
Trotz der widrigen Umstände gelang ihr ein bemerkenswerter Bildungsweg. In einem selbst geschriebenen Lebenslauf, der sich in ihrer Personalakte im Landesarchiv Berlin findet, beschreibt sie ihren akademischen Werdegang, der sie an die Universitäten von Frankfurt, Gießen und Berlin führte. In Gießen promovierte sie schließlich 1930 mit „sehr gut“ in Philosophie im Hauptfach, Englisch und Französisch im Nebenfach. „Anschließend begab ich mich nach Berlin, wo ich die philosophischen Hauptseminare bei Dessoir und Spranger besuchte. Gleichzeitig widmete ich mich künstlerischen Studien.“ Zu diesen Studien gehörte eine Ausbildung als Mezzosopranistin und der Besuch der Schauspielschule. Zeitlebens behielt sie eine außerordentliche Bühnenpräsenz und galt als sehr gute Rednerin. 1929 reiste sie in die Schweiz, später besuchte sie noch Ungarn, Rumänien und Dänemark.
Doch schließlich entschied sie sich gegen das Leben als Künstlerin und wurde stattdessen Lehrerin. Über die Gründe blieb sie später im Ungefähren: „Ich wäre ja gerne zur Bühne gegangen, aber irgendjemand hat mich dann zum Staatsexamen abkommandiert“, erzählt sie 1976 in einem Zeitungsinterview. Mit 32 Jahren legte sie 1936 ihr erstes Staatsexamen ab, ein Jahr später trat sie ihre erste Stelle im Liebfrauen-Lyzeum in Berlin-Charlottenburg an. Während des Krieges unterrichtete sie an vier Berliner Gymnasien, im letzten Kriegsjahr arbeitete sie an einer Oberschule in Waldenburg in der damals deutschen Provinz Schlesien, dem heute polnischen Wałbrzych. Sie wurde Mitglied im nationalsozialistischen Lehrerbund (NSLB), doch nach eigenen Angaben nicht in der NSDAP. Im Personalfragebogen, den sie nach Kriegsende 1945 für das Ostberliner Hauptschulamt ausfüllen musste, schreibt sie auf die Frage, ob sie an illegaler antifaschistischer Arbeit teilgenommen habe: „Meine offene antifaschistische Haltung war gleichbedeutend mit antifaschistischer Arbeit.“ Sie gibt auch an, dass zwei ihrer Brüder wegen „antifaschistischer Haltung“ verfolgt waren.

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Bereits kurz nach Kriegsende schließt sie sich der neugegründeten CDU in Berlin an und gehört 1946 zu den Initiatorinnen des Frauenausschusses der Berliner CDU. Sie steigt schnell auf: Von 1946 bis 1948 ist sie stellvertretende Vorsitzende des Berliner Landesverbandes und zieht in die Gesamtberliner Stadtverordnetenversammlung ein. Ihr Engagement für die konservative Partei wird von ihren Vorgesetzten im Ostberliner Hauptschulamt zunehmend argwöhnisch betrachtet. Zwar bekommt sie 1947 die Leitung einer Oberschule übertragen, doch gerät sie wegen ihrer politischen Einstellung in Konflikt mit der Schulverwaltung im sowjetisch besetzten Teil Berlins: „Im Januar 1949 wurde ich aus dem Amt entlassen, weil ich die Loyalitätserklärung nicht abgegeben hatte, und musste wegen Gefährdung an Leib und Leben den Ostsektor verlassen.“
In einem Bericht der Staatssicherheit von 1954 heißt es über sie: „Frau Dr. Maxsein ist eine leidenschaftliche Hasserin des Kommunismus und des Sozialismus. Der Deutschen Demokratischen Republik ist sie feindlich gesinnt, ebenso lehnt sie ihre politische Entwicklung scharf und entschieden ab.“ Insgesamt urteilt die Staatssicherheit: „Frau Dr. Maxsein ist ein ruhiger und gesetzter Mensch. (…) Politisch und auch in beruflicher Hinsicht ist sie sehr ehrgeizig. Sie ist intelligent und besitzt als Frau gute organisatorische Fähigkeiten.“
Nach ihrer Übersiedelung in den Westteil der Stadt wird sie in das Abgeordnetenhaus gewählt und amtiert dort bis 1952 als Vizepräsidentin. Zudem wird sie Vorsitzende des Katholischen Frauenbundes und hat dieses Amt zehn Jahre, bis 1968, inne. Stets versucht sie den Kontakt in den Ostteil der Stadt zu halten und wird 1949 Vorsitzende eines Exil-Kreisverbandes der Berliner CDU. „Wir können gar nicht ermessen, wie wichtig es ist, das Vertrauen, die Hoffnung und die Widerstandskraft der Menschen ‚von drüben‘ wachzuhalten. Die Leute müssen wissen, dass ihr Opfer nicht umsonst gebracht wurde und wird“, so Agnes Maxsein in einem Artikel der Zeitschrift „Frau und Politik“, die von der Frauen-Union der CDU herausgegeben wird. Im Deutschen Bundestag wird sie Vorsitzende des Unterausschusses für Sowjetzonenflüchtlinge und engagiert sich besonders für die politischen Häftlinge im sowjetisch besetzten Teil Deutschlands.
Agnes Maxsein bleibt bis 1969 Abgeordnete des Deutschen Bundestages. Bald entdeckt sie ein zweites politisches Herzensanliegen: die Kulturpolitik. In der zweiten Wahlperiode unterstützt sie die Errichtung der Stiftung „Preußischer Kulturbesitz“ und begleitet die Arbeit der Stiftung über viele Jahre. Zudem votiert sie für die Idee des Wiederaufbaus des zerstörten Reichstagsgebäudes, der 1955 im Plenum des Deutschen Bundestages beschlossen wird. Doch erst nach ihrem Ausscheiden, 1973, wird das Reichstagsgebäude schließlich wiedereröffnet.
Ihr Einsatz für ihre Wahlheimat Berlin und ihr ehrenamtliches Engagement wird mit verschiedenen Ehrungen und Auszeichnungen honoriert, darunter das Bundesverdienstkreuz und die Ernst-Reuter-Plakette sowie die Ernennung zur Berliner Stadtältesten. Die stets ledig gebliebene Agnes Maxsein stirbt 1991 mit 86 Jahren in Berlin. Als Berliner Stadtälteste wird sie in einem Ehrengrab beigesetzt.
(nw)
Der Text ist entnommen aus dem Buch „Der nächste Redner ist eine Dame“, herausgegeben vom Deutschen Bundestag, erschienen im Ch. Links Verlag, 2024.
Zum Weiterlesen:
Rudolf Vierhaus (Hrsg.): Biographisches Handbuch der Mitglieder des Deutschen Bundestages. 1949–2002, München 2002. S. 544–545.