Parlament

Emmy Meyer-Laule

Porträtfoto von Emmy Meyer-Laule, 1899 bis 1985

(© DBT/unbekannt)

Die Sozialdemokratin Emma Meyer-Laule gehört dem Bundestag drei Wahlperioden an. Anders als bei den meisten Kolleginnen steht die Sozialpolitik nicht dezidiert im Zentrum ihres parlamentarischen Schaffens. 

„Das ist ja eine Wahlrede“ entschlüpft es dem jungen CSU-Abgeordneten Franz-Josef Strauß, als die SPD-Abgeordnete Emmy Meyer-Laule im Dezember 1952 das Rednerpult verlässt. Soeben hat sie den christlichen Regierungsparteien vorgeworfen, dass Deutschland noch kein gleichberechtigtes Mitglied der internationalen Staatengemeinschaft sei, und sie den Anspruch der Besatzungsgeschädigten auf Rückgabe ihres Privateigentums marginalisierten, ja sogar ablehnten, sich ihrer Anliegen anzunehmen: „Auf jeden Fall, Herr Kollege Strauß – ich mache Ihnen jetzt ein Kompliment – freut mich ihre Feststellung, dass die Verdrängten sich an die SPD zu wenden haben (…), weil sie damit dokumentieren, dass w i r  es sind, die sich gerade dieser Menschen und der Ärmsten der Armen annehmen.“

Emma Laule wurde am 20. Februar 1899 in Wehr/Baden geboren, einem kleinen Ort nahe der Schweizer Grenze, der in dieser Zeit zu einer industriell geprägten Stadt heranwuchs. Auch die von ihren Eltern 1895 eröffnete Metzgerei entwickelte sich gut; eine Ansichtskarte von ca. 1920 zeigt die Metzgerei mit angeschlossener „Restauration“. Doch der Erste Weltkrieg war auch an der Familie Laule nicht spurlos vorbeigegangen, und so musste Emma bereits 1917 die Klosterschule in der Schweiz ohne Abschluss verlassen und in ihr Elternhaus zurückkehren. Die christlichen Ideale, die ihr in ihrer Familie und der Schule vermittelt worden waren, vertrugen sich für die wohlbehütet aufgewachsene Emma nicht mit dem Erleben von Hunger und Elend vieler Menschen. Als sie sich während ihrer Schulzeit zu einer Operation mit längerer Genesungszeit in Berlin aufhielt, begann sie, sich mit den Zielen der Sozialdemokraten zu befassen. Ob sie noch in ihrem Heimatort Mitglied der Sozialdemokraten wird, lässt sich nicht mehr feststellen, da während des Nationalsozialismus alle Dokumente des Wehrer Ortsvereins vernichtet wurden.

Nach ihrer Hochzeit 1919 mit Arthur Meyer zog Emma Meyer-Laule nach Müllheim/Baden, wo ihr Ehemann als Gymnasiallehrer tätig war. 1920 brachte sie ihre Tochter Annemarie zur Welt; diese erlebte von klein auf das politische Engagement ihrer Mutter, die bereits in den 1920er Jahren in der SPD aktiv war, während ihr Ehemann der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP) angehörte. In einem Interview mit der Sozialwissenschaftlerin und Historikerin Gisela Notz von 2002 gibt die Tochter Einblick in das Leben ihrer Mutter in der Zeit des Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit: Nach ihren Erinnerungen gab es bereits 1933 mehrfach Hausdurchsuchungen, und Arthur Meyer verbarg sich mehrere Monate lang bei einem Freund im Schwarzwald; er wurde zunächst aus dem Schuldienst entlassen, doch offenbar durch die Fürsprache seiner Schwester wieder eingestellt, aber nach Mannheim versetzt. 

Über die nächsten Jahre kann die Tochter wenig berichten, da ihre Mutter sie ins Ausland schickte; sie hätte sonst als Vierzehnjährige Mitglied des Bund Deutscher Mädel (BDM) werden müssen. Erst mit 19 Jahren kehrte sie kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges nach Deutschland zurück und heiratete. Ihre Wohnung in Heidelberg wurde zunächst übergangsweise zum Zufluchtsort von Emma Meyer-Laule und ihrem Mann nach dessen Zwangspensionierung, und schließlich zu ihrer neuen Heimat, nachdem ihre Wohnung in Mannheim ausgebombt worden war. 

Während ihr 18 Jahre älterer Ehemann sich nach Kriegsende nicht noch einmal politisch engagiert, beteiligt sich Emma Meyer-Laule am Wiederaufbau der SPD, übernimmt die Leitung der SPD-Frauengruppe in ihrem neuen Heimatort Heidelberg und wird bereits 1946 Mitglied des Landesvorstands Württemberg-Baden. In Heidelberg wird Emma Meyer-Laule als Wahlkreiskandidatin für die erste Bundestagswahl aufgestellt; abgesichert über die Landesliste zieht sie 1949 in den Deutschen Bundestag ein.

Zitat: Unser Staat darf nicht Mörder oder Henker werden. Er muss die Wunden heilen, die die Vergangenheit geschlagen hat. Stoßen sie das Tor nicht auf! Der Weg führt rückwärts und keiner weiß, welches Ende er nimmt.

(© DBT)

Wie bei vielen weiblichen Abgeordneten findet sich im Handbuch des Deutschen Bundestages auch bei ihr der Eintrag „Hausfrau“, doch zugleich auch die selbstbewusste Angabe, dass sie seit 1945 „SPD-Funktionärin“ sei. Im Gegensatz zu den meisten anderen weiblichen Abgeordneten besetzt sie nicht die klassischen sozialpolitischen Themen, sondern widmet sich während der drei Wahlperioden, in denen sie dem Deutschen Bundestag angehört, der Regelung von Besatzungsschäden. Zunächst ist sie deshalb ordentliches Mitglied im Ausschuss für Rechtswesen und Verfassungsrecht und wird  in der 2. Wahlperiode stellvertretende Vorsitzende des von der CDU/CSU geführten „Ausschusses für Besatzungsfolgen“ und stellvertretende Vorsitzende seines Unterausschusses „Besatzungsschädengesetz“. 

In zahlreichen Anfragen, Anträgen und Plenardebatten stellt Emma Meyer-Laule nicht nur Forderungen an die ehemaligen Besatzungsmächte hinsichtlich der Erstattung von Schadensansprüchen, sondern fordert auch mehr Initiativen der Bundesregierung und eine stärkere Rolle des Parlaments, wie beispielsweise in der oben zitierten Debatte über den Generalvertrag und das EVG-Abkommen im Dezember 1952. Immer wieder – und schließlich erfolgreich –  fordert Meyer-Laule, dem Parlament aktuelle Auskünfte über den Stand der Beschlagnahmungen zu geben, damit es sein im Grundgesetz festgelegtes Kontrollrecht besser ausüben kann.

Nach drei Wahlperioden zieht sich Emma Meyer-Laule aus der Politik zurück; 1969 stirbt ihr Ehemann, mit dem sie fünfzig Jahre verheiratet war. Bis zu ihrem Tod im Jahr 1985 lebt sie in einem Haus mit ihrer Tochter und deren Familie.

(he)

Der Text ist entnommen aus dem Buch „Der nächste Redner ist eine Dame“, herausgegeben vom Deutschen Bundestag, erschienen im Ch. Links Verlag, 2024.

Zum Weiterlesen:

Gisela Notz, Frauen in der Mannschaft: Sozialdemokratinnen im Parlamentarischen Rat und im Deutschen Bundestag 1948/49 bis 1957, Bonn 2003, S. 374 – 386.

Rudolf Vierhaus, Ludolf Herbst (Hg.): Biographisches Handbuch der Mitglieder des Deutschen Bundestages 1949 – 2002, Bd. 1, München 2002.