Dr. Friederike Mulert

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Die Ärztin Dr. Friederike Mulert rückt 1952 für die FDP in den Deutschen Bundestag nach. Eine längere parlamentarische Karriere bleibt ihr in der liberalen Partei jedoch versagt.
Monatelang diskutiert der erste Deutsche Bundestag, wie die Mittel für die vom letzten Weltkrieg und seinen Folgen besonders schwer Geschädigten aufgebracht werden sollen. In der abschließenden Plenardebatte zu dem sogenannten „Lastenausgleich“ legt die Berliner Abgeordnete Friederike Mulert, die selbst zwei Weltkriege und ihre Folgen erlebt hat, in einem kurzen Beitrag ihr persönliches Leitmotiv dar – die Familie: „Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Ich will mich ganz kurz fassen. Ich möchte vorausschicken, dass ich hier nicht die Meinung meiner Parteifreunde, sondern lediglich meine persönliche Meinung vertrete. Das, was mein Vorredner über die Notwendigkeit der Unterstützung und der Förderung der Familie als des Gebildes, das das Grundgefüge des Staates abgibt, gesagt hat, möchte ich befürworten. Ich würde wünschen, dass man den Gedankengängen, die soeben hier entwickelt worden sind, nachgeht. Ich befürworte diese Gedankengänge aufs wärmste.“
Friederike Arends wurde am 16. November 1896 in Danzig geboren, das damals zum Deutschen Reich gehörte. Schon mit zehn Jahren durfte sie ihren Vater, der als Kapitän zur See fuhr, in den Schulferien auf seinen wochenlangen Reisen begleiten. Den Eltern war es wichtig, dass ihre älteste Tochter Sprachen und fremde Kulturen kennenlernte und zu einer selbstbewussten und umfassend – auch politisch – gebildeten Frau heranwuchs. Parteipolitisches Engagement spielte in ihrer Familie hingegen keine Rolle. Nach dem Abitur studierte sie Medizin in Jena und Greifswald, machte 1921 ihr Staatsexamen und heiratete ihren Studienkollegen Dr. Martin Mulert. Im Jahr darauf wurde sie promoviert und brachte ihre erste Tochter zur Welt. Schon bald konnte ihr Mann in Langenberg bei Gera eine Arztpraxis übernehmen, die beide gemeinsam führten. In den nächsten Jahren richtete Friederike Mulert dort zusätzlich eine Geburtsklinik ein.
Die selbstverordnete politische Neutralität gab das Ärztepaar nach 1933 zusehends auf; als Friederike Mulert 1934 ihr fünftes Kind – den ersten Jungen – gebar, zeigte ihr Mann im Wortsinne „Flagge,“ wie Friederike Mulert als fast neunzigjährige Frau in ihren Erinnerungen erzählt: „Eine schwarz-weiß-rote Fahne (die Flaggenfarben des deutschen Kaiserreichs – nicht der Weimarer Republik, Anm.d.Verf.), keine Hakenkreuzfahne, wurde vor dem Haus aufgezogen. Unsere Patienten waren über diesen Akt der Rebellion so erschreckt, dass sie sich zwei Tage lang nicht in der Praxis sehen ließen. (…) Zu unseren fünf Kindern kam noch die Tochter eines von den Nazis verfolgten hessischen Sozialdemokraten, eine Halbwaise, hinzu. Sie wurde uns bald lieb wie ein eigenes Kind.“ Bereits zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde ihr Mann zum Militärdienst eingezogen. Ihre Geburtsklinik wurde immer stärker beansprucht; denn zunehmend kamen auch aus dem Osten geflüchtete Schwangere in ihr Haus. Die ländliche Praxis führte sie alleine weiter, bis ihr Mann bei Kriegsende wieder nach Hause kam.

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Jetzt, im Sommer 1945, wird sie parteipolitisch aktiv. Einen Monat nach der Zulassung politischer Parteien durch die sowjetische Militäradministration wird im Juli 1945 die Liberal-Demokratische Partei Deutschlands (LDP) lizensiert. Der thüringische Landesverband, den Friederike Mulert mitgründet, gilt als „besonders rührig“; er organisiert die ersten Parteitage, auf denen sie über aktuelle frauenpolitische Themen referiert. In dieser Zeit gibt es noch enge Beziehungen zu den Liberalen in den westlichen Besatzungszonen, und so lernt sie Politiker wie den späteren Bundespräsidenten Theodor Heuss kennen. Der vielbeschäftigten Ärztin wird mitgeteilt, dass sie Mitglied des Volkskongresses sei; erst an der zweiten Sitzung im Januar 1948 nimmt sie auf massiven Druck der sowjetischen Besatzungsmacht teil.
Kurz darauf verunglückt ein Parteikollege tödlich auf der Autofahrt zu einem LDP-Parteitag, zu dem auch Friederike Mulert und ihr Mann mit dem Auto unterwegs sind. Da sie zuvor verdächtige Telefonanrufe erhalten haben, vermuten sie, dass sie die Opfer dieses Unfalls sein sollten. Noch sind die Grenzen offen; dennoch kann die „Umsiedlung“ nur heimlich und Zug um Zug geschehen; zunächst zieht ihr Mann als Vertragsarzt nach West-Berlin, und später folgt Friederike Mulert mit den jüngeren Kindern. Erst nach dem Ende der Berlin-Blockade im Sommer 1949 baut sie ihre erste eigene Arztpraxis und ein neues Zuhause auf, das in den nächsten Jahren vielen DDR-Flüchtlingen einen ersten Zufluchtsort bietet.
1951 wird sie Mitglied der FDP und noch im selben Jahr als Nachrückerin Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses, das sie schon im Februar 1952 in den Deutschen Bundestag entsendet, da die Zahl der Berliner Abgeordneten durch ein Änderungsgesetz von acht auf 19 erhöht wird. Zweieinhalb Jahre nach der Bundestagswahl sind wichtige Ämter in Fraktion und in den Ausschüssen besetzt. Ihre kurze Redezeit im Plenum weiß die einzige Berliner FDP-Abgeordnete dennoch mit prägnanten Beiträgen zu nutzen. Wenige Wochen nach den Aufständen in der DDR erklärt der Deutsche Bundestag am letzten Tag der Wahlperiode – nur gegen die Stimmen der Gruppe der KPD – den 17. Juni zum „Tag der deutschen Einheit“. In einer anderen Debatte am selben Tag erhält Friederike Mulert Beifall für ihre Forderung, auch hier die aktuelle politische Lage zu berücksichtigen: „Alle praktischen Gesichtspunkte in Ehren! Aber mir scheint, solange wir nicht begreifen, dass unter den heutigen Umständen politische Gesichtspunkte im Vordergrund unserer Entscheidungen zu stehen haben, solange wird es nicht gelingen, unsere Situation in der Welt entscheidend zu ändern. Ich möchte Sie deshalb bitten, auch in diesem Falle den politischen Gesichtspunkten den Vorrang zu geben und Berlin als Sitz des Bundessozialgerichtes zu bestimmen.“ Als die Berliner FDP sie nicht für den zweiten Bundestag vorschlägt, zieht sie sich aus der Parteipolitik zurück, und widmet sich wieder ihrer Arztpraxis.
1959 stirbt plötzlich ihr Ehemann, mit dem sie fast vierzig Jahre nicht nur die ärztliche Praxis, sondern auch ihr politisches Engagement geteilt hat. Friederike Mulert zieht zu ihrer Pflegetochter nach Bad Nauheim. Dort stirbt sie am 5. April 1991 im Alter von 94 Jahren.
(he)
Der Text ist entnommen aus dem Buch „Der nächste Redner ist eine Dame“, herausgegeben vom Deutschen Bundestag, erschienen im Ch. Links Verlag, 2024.
Zum Weiterlesen:
Friederike Mulert: Erinnerungen. In: Deutscher Bundestag, Wissenschaftliche Dienste (Hrsg.), Abgeordnete des Deutschen Bundestages: Aufzeichnungen und Erinnerungen, Bd. 4, Boppard 1988, S. 219-229.