Parlament

Maria Niggemeyer

Porträtfoto von Maria Niggemeyer, 1888 bis 1968

(© DBT/unbekannt)

Die Christdemokratin Maria Niggemeyer gehört als direkt gewählte Abgeordnete dem Bundestag drei Wahlperioden an – und wird als damals einzige Frau ihrer Fraktion auch Ausschussvorsitzende.

Am 20. Oktober 1949 steht die Forderung nach einer gesetzlichen Regelung für einen erweiterten Mutterschutz auf der Tagesordnung des frisch gewählten ersten Deutschen Bundestages. In der lebhaften Debatte ergreift erstmals auch Maria Niggemeyer, CDU-Abgeordnete im Wahlkreis Paderborn-Wiedenbrück, das Wort im Plenum. Sie ist nicht die einzige Frau, die sich an diesem Tag für das Gesetz ausspricht; den wenigen weiblichen Abgeordneten der ersten Legislaturperiode wird bei diesem Thema das Feld überlassen. Außer Anton Storch, dem Bundesminister für Arbeit, meldet sich in der Debatte kein Mann zu Wort. Fraktionsübergreifend gelingt in parlamentarischer Kärrnerarbeit eine weitreichende Verbesserung der Arbeitsbedingungen für Frauen in der jungen Bundesrepublik. Das „Gesetz zum Schutz der erwerbstätigen Mutter“ wird im Januar 1952 einstimmig angenommen. 

Ihr politisches Engagement begann Maria Niggemeyer, die am 18. Mai 1888 geborene Tochter eines Tischlers im katholischen Münster, unmittelbar nach Einführung des Frauenwahlrechts im November 1918. Ihr gelang es, sich bei den Kommunalwahlen im westfälischen Gronau auf Platz zehn der Wahlliste der Zentrumspartei zu platzieren, und zog im März 1919 als einzige weibliche Abgeordnete in die Stadtverordnetenversammlung ein. Bis zu ihrem Ausscheiden durch Heirat und Umzug engagierte sie sich vor allem für schulpolitische und soziale Belange – es wurde ihr Lebensthema. 

Nach der Eheschließung im August 1920 musste sie ihre Stelle als Volksschullehrerin, mit der ihr der gesellschaftliche Aufstieg gelungen war, aufgeben. Die Weimarer Reichsverfassung hatte 1919 zwar alle bisherigen „Ausnahmebestimmungen gegen weibliche Beamte beseitigt“, faktisch existierte das sogenannte Beamtinnenzölibat, das seit dem Kaiserreich Beamtinnen bei Heirat oder Gründung einer Familie vom Beruf ausschloss, weiter – weil Behörden das republikanische Verfassungsrecht nicht umsetzten, später auch, weil im Zuge der schweren Krisen 1923 mit Inflation und hoher Arbeitslosigkeit eine vom Reichstag verabschiedete Verordnung die Entlassung verheirateter Beamtinnen ausdrücklich wieder vorschrieb. Erst in der frühen Bundesrepublik endete diese jahrzehntelang auf Kosten der beruflichen Chancengleichheit von Frauen ausgeübte beamtenrechtliche Praxis. 

In den Schuldienst kehrte Maria Niggemeyer nicht mehr zurück. Sie widmete sich zunächst den Aufgaben einer Hausfrau des gehobenen Bürgertums und engagierte sich im Gemeindeleben der Städte Gronau und später Unna. Eine neue Leidenschaft fand sie im sozialen Engagement unter dem Dach der Kirche. Sie gründete 1933 den Verein „Katholische Fürsorgeverein für Frauen, Mädchen und Kinder“ und setzte sich für die Jugendwohlfahrt ein. Gegen die nationalsozialistische Gleichschaltungspolitik auch auf diesem Feld setzte sich die engagierte Christin zur Wehr – erfolgreich, denn der von ihr gegründete und geführte Verein blieb auch während der NS-Diktatur bestehen. 

Nach dem Zweiten Weltkrieg betraut die Stadt Unna Maria Niggemeyer mit der Betreuung der Vertriebenen und Geflüchteten, und sie nimmt auch ihr politisches Engagement wieder auf – nun für die neu gegründete CDU. Der Kommunalpolitik bleibt sie fast bis zu ihrem Lebensende treu. Wesentlicher Aspekt neben ihrer sozialpolitischen Agenda ist dabei immer auch ihr Einsatz für eine stärkere Rolle von Frauen in der Politik. 1947 gründet sie den Frauenausschuss der CDU Westfalen mit, aus dem später die Frauenunion hervorgeht. Sie selbst verfügt offenbar über Durchsetzungsvermögen und steht wiederholt an der Spitze ihrer Fraktion im Kreistag.

Zitat: Wir schaffen ein Gesetz für Menschen, für unsere jungen Menschen. (In der Debatte zu vorbeugenden Maßnahmen für die Jungendarbeit 1952)

(© DBT)

Der Blick der Christdemokratin geht schnell über die Kommunalpolitik hinaus: Entsandt vom nordrhein-westfälischen Landtag gehört sie dem zweiten Wirtschaftsrat des Vereinigten Wirtschaftsgebietes an, mit dem in den westlichen Besatzungszonen neue institutionelle Strukturen entstehen. 1949 gelingt ihr der Sprung in den Bundestag, in den sie als direkt gewählte Abgeordnete einzieht. In drei Wahlperioden – zuletzt über die Landesliste der CDU in Nordrhein-Westfalen – widmet Maria Niggemeyer ihre parlamentarische Arbeit vor allem den sozialen Herausforderungen in der jungen Bundesrepublik. Sie setzt sich für die Unterstützung von Familien ein, in denen sich die Väter noch immer in sowjetischer Kriegsgefangenschaft befinden, und wirkt an Reformen der Arbeitslosenversicherung mit. Immer wieder lenkt sie den Blick auch auf die Situation der arbeitenden Frauen. Als sie sich 1950 im Bundestag für das von Demontage bedrohte Chemische Werk in Bergkamen einsetzt, weist sie auf die vielen Frauen hin, die im Werk arbeiten und infolge des Kriegs und verheerender Grubenunglücke als Alleinversorgerinnen ihre Familien durchbringen müssen.

Selten ergreift sie das Wort in den Plenarsitzungen, jedoch ist sie in den für die Parlamentsarbeit zentralen Ausschüssen sehr präsent: Bis 1957 sitzt sie dem Ausschuss für Fragen der öffentlichen Fürsorge vor – als einzige Frau ihrer Fraktion hat sie ein solch herausgehobenes parlamentarisches Amt inne. Noch als Abgeordnete wird sie am 7. September 1956 mit dem Großen Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Zu ihrem 70. Geburtstag erhält sie außerdem die höchste päpstliche Auszeichnung, die einer Frau damals verliehen werden kann: den Orden „Pro ecclesia et pontificie“. Papst Paul VI. würdigt damit ihr jahrelanges gesellschaftliches Engagement im Sinne der katholischen Kirche. Maria Niggemeyer stirbt am 27. September 1968. Unter den Trauergästen ist auch eine der weiblichen Pionierinnen, die 1949 mit Niggemeyer in den Bundestag einzog: die gerade neu ins Amt gekommene Familienministerin Änne Brauksiepe. Sie hatte aus der Nähe miterlebt, was ein Mitteilungsblatt der Vereinigung der Frauen in der CDU so beschrieb: „Das Handbuch des Bundestages führt Maria Niggemeyer als ‚Hausfrau‘. Sie ist Hausfrau – aber mit zwei Nebenberufen: dem der Politik und dem der Fürsorge, und man weiß nicht, welchen man dabei an erster Stelle nennen soll.“

(cm/hs)

Der Text ist entnommen aus dem Buch „Der nächste Redner ist eine Dame“, herausgegeben vom Deutschen Bundestag, erschienen im Ch. Links Verlag, 2024.

Zum Weiterlesen:

Josef Börste und Uta C. Schmidt: „Sie ist eine stattliche Erscheinung ...“ Maria Niggemeyer – eine große alte Dame der Politik. In: Jahrbuch des Kreises, Unna 2011, S. 73–88.