Parlament

Dr. Luise Rehling

Porträtfoto von Dr. Luise Rehling, 1896 bis 1964

(© DBT/unbekannt)

Die Christdemokratin Luise Rehling widmet sich im Deutschen Bundestag neben Fragen der Sozialpolitik insbesondere auch außenpolitischen Themen – damals als Frau eine Besonderheit.

Es sind 78 Stimmen, die ihr Leben auf den Kopf stellen. Mit diesem Vorsprung gewinnt Luise Rehling bei der Wahl zum ersten Deutschen Bundestag 1949 das Direktmandat in Hagen, einer von Industriearbeiterschaft geprägten Stadt am südöstlichen Rand des Ruhrgebiets. Die 52-jährige resolute Pfarrersfrau, Hagener Stadtverordnete und Mutter von drei Töchtern hatte nicht wirklich damit gerechnet, dass sie sich gegen die starke sozialdemokratische Konkurrenz in dem Wahlkreis durchsetzen würde. Doch es bleibt dabei: Die nächsten 15 Jahre – bis zu ihrem Tod – sprachen ihr die Wählerinnen und Wähler stets aufs Neue das Vertrauen aus. 

Luise Rehling wurde am 30. November 1896 als jüngstes von vier Kindern in eine evangelische Pfarrersfamilie in Bochum-Harpen geboren. Mitten im Ersten Weltkrieg legte sie das Abitur ab und machte anschließend eine pädagogische Ausbildung. Von 1917 bis 1919 unterrichtete sie als Lehrerin in Bochum. Anschließend studierte sie Geschichte, Englisch und Erdkunde in Marburg, Bonn, München und Münster, wo sie 1924 mit dem außenpolitischen Thema „Deutschland, England und das Orientproblem in den 90er-Jahren“ promoviert wurde. Ein Jahr später heiratete sie den evangelischen Theologen Kurt Rehling, der 1928 eine Pfarrstelle im Hagener Bahnhofsviertel antrat. 

Fortan war Luise Rehling keine Lehrerin mehr, sondern Pfarrersfrau. Es wurde viel von ihr erwartet: Sie war nicht nur für die Kinder und den Haushalt zuständig, sondern kümmerte sich in der von der Wirtschaftskrise stark betroffenen Stadt um verarmte Arbeitslose und Bedürftige, die sie nicht selten zu Hause verköstigte und seelsorgerlich betreute. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wuchs die Schar der Notleidenden, um die sie sich kümmerte, um verfolgte Jüdinnen und Juden, Zwangsarbeiter und Nazigegner. Das Ehepaar Rehling war eng befreundet mit Martin Niemöller und vielen anderen Anhängern der oppositionellen Bekennenden Kirche. Schon bald gerieten sie ins Visier der Gestapo. Kurt Rehling wurde seine Pfarrstelle aberkannt, doch er weigerte sich, die Arbeit niederzulegen. Wiederholte Verhöre durch die Gestapo und die Staatsanwaltschaft folgten. 1939 wurde er schließlich zur Wehrmacht eingezogen. Luise Rehling übernahm die seelsorgerliche Arbeit in der Gemeinde. 

Im Pfarrhaus hatte man stets ein gutes Verhältnis zu den katholischen Amtsbrüdern gepflegt und die Erkenntnis gewonnen, dass die Verfolgung nicht vor Konfessionsgrenzen haltmachte. Es scheint Luise und Kurt Rehling nur folgerichtig, dass es 1945 einen politischen Neubeginn der Bürgerlichen mit Unterstützung beider Konfessionen geben müsse. So gehören beide zu den Mitgründern der CDU in Hagen. 

Auf Vorschlag des britischen Kommandanten, der darauf achtet, dass es eine Mindestzahl von Frauen in politischen Ämtern gab, wird Luise Rehling als Stadtverordnete in Hagen berufen. Es folgen Aufgaben im Zonenausschuss der CDU der britischen Zone, als Vorsitzende der Landesfrauenvereinigung der CDU und als stellvertretende Vorsitzende der Kommunalpolitischen Vereinigung. 

Im ersten Deutschen Bundestag gehört Luise Rehling zu den wenigen evangelischen Parlamentarierinnen. Sie gilt bald als „eine der Klammern, die in den ersten kritischen Jahren verhindert, dass sich zwischen den katholischen und den evangelischen Abgeordneten (in der CDU, Anm. d.Verf.) ein Riss auftat“, so formuliert es ihr Parteifreund Heinrich von Brentano. 

Zitat: Und weil ich es als das Hauptanliegen meiner politischen Tätigkeit ansehe, alles zu tun, was der Sicherung eines echten Friedens dienen kann, nachdem ich erlebt habe, was an Jammern und Elend über die Frauen, die Mütter und die Jugend der beteiligten Völker allein durch die beiden Weltkriege dieses halben Jahrhunderts gebracht worden ist, stimme ich für den Schumanplan; denn er ist ein konstruktiver Beitrag zu einer echten Friedenspolitik.

(© DBT)

Im Bundestag kümmert sie sich um Familien- und Sozialpolitik, sowie um außenpolitische Fragen. Bei den Beratungen um die Neuordnung des Mutterschutzes Anfang der 1950er Jahre ist sie Berichterstatterin. Es gelingt ihr ein kleines politisches Meisterstück, das heute kaum denkbar wäre: Obwohl der Gesetzentwurf zum reformierten Mutterschutz von der oppositionellen SPD eingebracht worden war, wird er nach entsprechenden Änderungen schließlich einstimmig vom gesamten Bundestag verabschiedet. Noch heute bildet das Gesetz die Grundlage der Regelungen für werdende berufstätige Mütter: Sie dürfen in den sechs Wochen vor der Geburt und den acht Wochen danach nicht beschäftigt werden und sind gegen Kündigung geschützt. Zudem haben sie Anspruch auf Leistungen wie das Mutterschaftsgeld. 

„Sie wissen, dass Hunderttausende von Frauen auf diese Stunde seit zwei Jahren warten“, so die SPD-Abgeordnete Liesel Kipp-Kaule in der Debatte. Luise Rehling gesteht der SPD in den Schlussberatungen sogar zu, dass es das Gesetz ohne deren Initiative nicht gegeben hätte. Dennoch trägt es in weiten Teilen auch die Handschrift der CDU-Frauen. Sie verhindern unter anderem, dass das Gesetz die Einrichtung von Kindertagesstätten enthält, da sie nicht von der außerhäuslichen Betreuung von Kleinkindern überzeugt sind. 

Auf dem zweiten politischen Feld, der Außenpolitik, mit der sich Luise Rehling bereits seit ihrer Dissertation beschäftigt, muss sie sich gleich mehrerer Fronten erwehren. In der Debatte um die westdeutsche Wiederbewaffnung stellt sie sich auf die Seite Konrad Adenauers, der in den Plänen für eine Europäische Verteidigungsgemeinschaft (EVG) die Chance sieht, die Souveränität der Bundesrepublik mit einer europäischen Integration zu verbinden. Die SPD stellt sich gegen eine Wiederbewaffnung, so wie auch viele evangelische Christen, denen sich Luise Rehling verbunden fühlt. 

Als sie sich 1958 in der Debatte um die atomare Aufrüstung der Bundeswehr innerhalb der NATO erneut auf die Seite Adenauers stellt, erlebt sie offene Feindschaft aus den Reihen der evangelischen Kirche. Im Anschluss an die viertägige Plenardebatte im März 1958, bei der sie als einzige Frau gesprochen hat, bekommt sie viele empörte Briefe: „Es ist ein Trost, dass die Kirche nicht nur aus Christen Ihrer Art besteht und dass es in ihr nicht nur Pfarrfrauen gibt von Ihrem Schlage.“ Luise Rehling lässt sich von so viel Widerspruch nicht beirren und bleibt ihren Standpunkten treu. Sie engagiert sich weiter, insbesondere für die weitere europäische Integration und die deutsch-französische Aussöhnung. Als eine der ersten Frauen wird sie 1950 in die Parlamentarische Versammlung des Europarats entsandt und gehört ihm bis zu ihrem Tod an. Dort wird ihr bewusst, wie grundlegend der europäische Gedanke für den Frieden in Europa ist, und so setzt sie sich unermüdlich dafür ein. Man nennt sie in der Presse bald „erste Europäerin“. Luise Rehling stirbt am 29. Mai 1964 mit 67 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls. 

(nw)

Der Text ist entnommen aus dem Buch „Der nächste Redner ist eine Dame“, herausgegeben vom Deutschen Bundestag, erschienen im Ch. Links Verlag, 2024.

Zum Weiterlesen: 

Renate Hellwig (Hrsg.): Unterwegs zur Partnerschaft: die Christdemokratinnen. Stuttgart, 1984. S. 164-175.