Julie Rösch

(© DBT/unbekannt)
Julie Rösch engagierte sich im Deutschen Bundestag besonders für Familien- und Sozialpolitik, Themen die ihr auch bei ihrem jahrelangen ehrenamtlichen Engagement begegnet sind. Für ihr Engagement erhielt sie das Bundesverdienstkreuz erster Klasse sowie die Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg.
Obwohl Julie Rösch zwölf Jahre lang Abgeordnete des Deutschen Bundestages war, ist über sie nur wenig bekannt. Dabei war sie keineswegs eine typische Hinterbänklerin: Als einzige Frau gehört sie dem Vorstand des Bundestages an, einem Gremium, das neben dem Präsidium bis 1969 existierte und wichtige Leitungsaufgaben besaß. Doch in den einschlägigen Archiven taucht ihr Name kaum auf, ihr Nachlass ist nicht überliefert. In einer Handvoll Veröffentlichungen wird sie namentlich genannt, meist in den Fußnoten. Im Plenum des Parlaments tritt sie insgesamt 24-mal ans Rednerpult, einige ihrer Reden sind im Online-Archiv des Bundestages zu hören. Während ihre Stimme bei einer ihrer ersten Auftritte am 12. Dezember 1951 noch etwas unsicher klingt und sie ihre Rede mit einer Entschuldigung beginnt („Ich hoffe, ich werde meine Redezeit nicht überschreiten.“), scheint sie am Ende ihrer Bundestagszeit an Selbstbewusstsein gewonnen zu haben: In ihrer Rede zum Steuerrecht kritisiert sie zu Beginn zunächst einmal ihre Vorredner („Man hat heute manchmal den Eindruck in einer Ausschusssitzung zu sitzen (…) und nicht in einer ersten Lesung, wo man sich doch über die Grundsätze klarwerden sollte.“).
In ihrer Geburtsurkunde zeigte der Stuttgarter Eisenbahnsekretär August Albert Schmidt, „katholischer Religion“, am 2. Oktober 1902 die Geburt seiner Tochter Julie an. Seine Frau Augusta hat darin die „evangelische Religion“. Die Konfessionsverschiedenheit des Ehepaars war im Kaiserreich keine Kleinigkeit, Ehen über Konfessionsgrenzen hinweg waren nicht selten ein Grund für Ausgrenzung und Gerede. Über Geschwister von Julie Rösch ist nichts bekannt. Sie wurde evangelisch getauft und erzogen, auch dies damals keine Selbstverständlichkeit, denn von Rechts wegen entschied der Vater über die religiöse Erziehung der Kinder.

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Nach dem Besuch der Mädchenoberrealschule in Stuttgart und einer Haushaltungsschule wurde Julie Rösch Erzieherin, Sekretärin und später Lehrschwester in der Kinderheimanstalt in Ludwigsburg. Mit 24 Jahren heiratete sie Alfred Eugen Rösch und gab ihren Beruf auf. Die Ehe blieb kinderlos. 1933 begann sie sich in der Evangelischen Frauenhilfe zu engagieren, die mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten in „Reichsfrauenhilfe“ umbenannt wurde. Traditionell war die Frauenhilfe ein Arbeitsort für Frauen, die sich gesellschaftlich und karitativ engagieren wollten. Doch von 1933 bis 1935 war der Nationalsozialist und Antisemit Hans Hermenau Vorsitzender der Frauenhilfe und wollte den Verband entsprechend ausrichten. Dies stieß auf Widerstand innerhalb der Organisation, und so folgte auf ihn der Pfarrer Adolf Brandmeyer, der die Nationalsozialisten ablehnte und der Bekennenden Kirche nahestand. Inwieweit Julie Rösch Teil dieser Auseinandersetzungen innerhalb der Frauenhilfe wurde, ist nicht überliefert.
Nach dem Krieg schließt sie sich der CDU an, die sich als „Union“ explizit für ein gemeinsames politisches Engagement evangelischer und katholischer Politikerinnen und Politiker einsetzt. In der CDU wird insbesondere in der Anfangsphase genau darauf geachtet, dass beide Konfessionen vertreten sind, und so bekommt Julie Rösch als evangelische Frau ihre Chance. In der ersten Wahlperiode ist sie ordentliches Mitglied in den Ausschüssen für Fragen der öffentlichen Fürsorge und der Jugendfürsorge sowie im Kriegsopferausschuss. Während dies typische „Frauenausschüsse“ sind, nimmt sie als stellvertretendes Mitglied auch an Beratungen des Haushaltsausschusses teil, der als einer der wichtigsten Ausschüsse des Bundestages gilt. Dort wird Julie Rösch in der zweiten und dritten Wahlperiode ordentliches Mitglied und 1954 Berichterstatterin der CDU/CSU-Fraktion. Schnell macht sie sich einen Namen als Steuer- und Haushaltspolitikerin.
Gesellschaftspolitisch vertritt sie traditionell konservative Positionen. Als 1958 im Steuerrecht das Ehegattensplitting eingeführt wird, drückt sie in ihrer Rede die Hoffnung aus, dass „diese neue Art der Ehegattenbesteuerung ein wenig dazu helfen (kann), dass die eine oder andere bisher berufstätige Mutter die außerhäusliche Berufsarbeit aufgibt und erkennt, dass Ehefrau und Mutter sein nicht nur im Sinne der Steuergesetze, sondern auch in Wirklichkeit ein das Leben voll ausfüllender Beruf ist“. Ein Jahr später gerät sie ins Visier der regierungskritischen Medien, als sie vergeblich einen Vorstoß unternimmt, die Altersversorgung der Abgeordneten zu verbessern: „Als Mutter des Pensionsgedankens und Verfasserin des Entwurfs hat sich Julie Rösch, 56, Hausfrau aus Tübingen, bei ihren Parlamentskollegen einen Namen gemacht“, schreibt das Magazin „Der Spiegel“ und zitiert genüsslich einen Fraktionskollegen: „‘Die am meisten danach drängen‘“, so sieht es (August) Dresbach, sind die, von deren Arbeitsleistung ich hier am wenigsten merke‘„.
Bei der Wahl zum vierten Deutschen Bundestag bekommt sie einen schlechten Listenplatz und wird nicht wieder ins Parlament gewählt. In einem Brief an Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier nennt sie dies “eine Panne, die ich (…) erlitten habe„. Vergeblich bemüht sie sich vier Jahr später um eine erneute Bundestagskandidatur. Ihre Leistung als langjähriges CDU-Mitglied und Bundestagsabgeordnete wird dennoch anerkannt: 1971 erhält sie das Verdienstkreuz erster Klasse der Bundesrepublik Deutschland, 1978 die Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg.
Am 13. Mai 1984 stirbt sie in ihrer Heimatstadt Stuttgart.
(nw)
Der Text ist entnommen aus dem Buch “Der nächste Redner ist eine Dame„, herausgegeben vom Deutschen Bundestag, erschienen im Ch. Links Verlag, 2024.
Zum Weiterlesen:
Ina Hochreuther: Frauen im Parlament: südwestdeutsche Parlamentarierinnen von 1919 bis heute. Stuttgart 2012. S. 377.