Parlament

Marta Schanzenbach

Porträtfoto von Marta Schanzenbach, 1907 bis 1997

(© DBT/unbekannt)

Die Sozialdemokratin Marta Schanzenbach gehörte dem Bundestag fast ein Vierteljahrhundert an. Sie wurde Mitglied des Parteivorstands und familienpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion.

In einem ihrer letzten großen Interviews erklärt die 80-Jährige Marta Schanzenbach, dass die persönlichen Erlebnisse in ihrer Kindheit und Jugend die stärksten Triebfedern für ihre lange erfolgreiche politische Karriere waren: „Meine Ausgangsposition für meine politische Tätigkeit war: Ich will aus dieser Armut herauskommen, und ich will, dass die armen Leute nicht schlechter behandelt werden als die anderen. Dieses Sichaufbäumen gegen Not und gegen Unfreiheit und gegen Diskriminierung steckte ganz tief in mir.“

Marta Lehmann wurde am 7. Februar 1907 in Gengenbach im Schwarzwald geboren; sie war das älteste von sieben Geschwistern. Ihre Eltern waren zu arm, um das Schulgeld zu bezahlen, nur dank eines „Freiplatzes“ konnte sie die Schule abschließen. Als nach Ende des Ersten Weltkrieges die beiden jüngsten Geschwister geboren wurden, musste die Vierzehnjährige die Familie unterstützen, zunächst im Haushalt und dann als Verkäuferin im örtlichen Konsum. Ihr sehnlichster Wunsch, einen Beruf zu erlernen, schien unerreichbar. Freimütig bekennt sie 1958: „Ich litt unter dieser Erkenntnis außerordentlich und meine Zukunft erschien mir recht düster.“ Trotz der Armut sind ihrem Elternhaus Bildung und politische Betätigung wichtig: Die Mutter hatte schon Ende des 19. Jahrhunderts einen Beruf gelernt, und der Vater hatte als einer der Gründungsmitglieder der SPD im Heimatort dort lange Zeit keine Arbeit gefunden. 

In der jungen Weimarer Republik war nun politisches Engagement möglich – auch für Frauen. Der Vater unterstützte die Tochter als Mitgründerin der örtlichen Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ); schon bald gehörte sie ihrem badischen Landesvorstand an. Durch Freunde erfuhr sie von der Arbeiterwohlfahrt und ihrer neuen Wohlfahrtsschule in Berlin. Mithilfe eines Stipendiums konnte sie die Ausbildung zur Fürsorgerin machen, und noch Jahrzehnte später erzählt sie begeistert: „Wenn ich mein Leben überblicke, dann habe ich nie so intensiv gelebt wie in diesen zwei Jahren (…). Keine wirtschaftlichen Sorgen zu haben und nur lernen zu dürfen, bedeutete für mich ein kaum fassbares Glück. (..) In meiner zukünftigen Berufsarbeit sah ich nicht nur eine soziale, sondern auch eine politische Tätigkeit.“ Lehrende wie die Reichstagsabgeordnete Louise Schroeder oder Gastdozenten wie der Reichstagspräsident Paul Löbe und die Reichstagsabgeordnete Helene Weber beeinflussten auch später noch ihre politische Karriere.

An der Wohlfahrtsschule lernte sie auch Albert Schanzenbach kennen. Als examinierte Jugendfürsorger fanden beide Arbeit in den armen Vierteln Berlins und lebten ohne Trauschein zusammen; erst 1933 heirateten sie. Marta Schanzenbach verlor aus politischen Gründen ihre Arbeit, bald wurde auch ihr Mann arbeitslos. Kurz nach der Geburt des zweiten Kindes nahm sie deshalb im Juli 1939 wieder eine Stelle als Fürsorgerin an. Bald darauf wurde ihr Mann zum Kriegsdienst eingezogen. Aus Furcht um das Leben seiner Frau und der beiden kleinen Kinder brachte er sie 1941 während eines kurzen Urlaubs in den Heimatort seiner Frau. Auch hier erhielt sie bald wieder eine Stelle als Fürsorgerin, weil immer mehr Kriegsversehrte, Evakuierte, Flüchtlinge und Vertriebene in den kleinen Ort kamen. 1987 erinnert sie sich: „Geldverdienen ist doch für Frauen ein enorm wichtiger Punkt. (…)  Wenn mein Mann aus dem Krieg zurückgekommen wäre, hätte ich mit ihm nicht mehr in der abhängigen Weise leben können.“ Doch ihr Mann kehrt nicht mehr zurück; er wird seit 1944 als Soldat vermisst. Bis zu ihrem Einzug in den Bundestag arbeitet sie als Fürsorgerin in Gengenbach. Sie engagiert sich wieder in der SPD und in der Arbeiterwohlfahrt und wird an die Spitze ihrer Landesverbände gewählt. „Ich hatte wieder Boden unter den Füßen und war begeistert. Ich war glücklich, dass man wieder frei reden und arbeiten, Freundschaften schließen konnte und keine Angst mehr haben musste. (…) Ich war besessen von dem, was mir an Arbeit vor den Füßen lag“, erinnert sie sich noch vierzig Jahre später.

Zitat: Es ist allerding außerordentlich bedauerlich, dass unsere Regierung uns in erster Linie eigentlich immer nur Gesetze mit Verbotstafeln und Strafbestimmungen vorlegt, statt dafür zu sorgen, dass unsere Jugend die normalen Umweltbedingungen und bessere Startmöglichkeiten fürs Leben bekommt.

(© DBT)

Im Frühjahr 1949 trifft sie auf der Parteikonferenz in Freiburg, bei der die Kandidaten für die bevorstehende Bundestagswahl aufgestellt werden, „Freunde aus der Vergangenheit“ wie Louise Schroeder und Paul Löbe, und ehemalige Kollegen aus ihrer Berliner Zeit als Fürsorgerin wie Fritz Erler und Franz Naumann. Über die Landesliste wird sie in den ersten Deutschen Bundestag gewählt; dank ihrer guten Kontakte und einer Portion Ehrgeiz macht sie in Fraktion und Partei weiter Karriere: Bereits in der ersten Wahlperiode wird sie stellvertretende Vorsitzende des Ausschusses für Jugendfürsorge und bleibt es über mehrere Wahlperioden.

Wenn die Oppositionspolitikerin in den Plenardebatten die Bundesregierung drängt, die Armut unter Kindern und Jugendlichen endlich wirksam zu bekämpfen und die Länder und Gemeinden für diese Aufgaben zu ertüchtigen, gibt es keinen Zweifel an ihrer Fachkompetenz: die Fürsorgerin kennt die betreffende Gesetzgebung der Weimarer Republik ebenso gut wie die Gesetzgebung und ihre Praxis in der Zeit des Nationalsozialismus. Sie wird Mitglied des SPD-Fraktionsvorstands, familienpolitische Fraktionssprecherin und Ende der 1950er-Jahre Mitglied des Parteivorstandes sowie – als einzige Frau – des neugegründeten Parteipräsidiums der SPD. Auch dort kümmert sie sich als Vorsitzende der Ausschüsse für Frauenarbeit, Kriegsopfer, Kriegsbeschädigte und Sozialpolitik um ihre Herzensangelegenheiten. Im Bundestag gehen sowohl die Einrichtung der Enquete-Kommission „Frau und Gesellschaft“ wie auch das Bundesausbildungsförderungsgesetz (BAföG), das auch Kindern armer Familien eine bessere Schulausbildung und ein Studium ermöglichten, auf ihre Mitinitiative zurück. Helfen zu können – sei es im Bundestag oder in ihrer Bürgersprechstunde – ist für sie „eine Art Urgefühl“, wie sie es selbst ausdrückt. Mitte der 1960er-Jahre beginnt sie, wichtige politische Ämter an die jüngere Generation abzugeben. 

Nach 23 Jahren kandidiert sie nicht mehr für den Bundestag. Mit 90 Jahren stirbt sie im AWO-Seniorenheim im heimatnahen Offenburg, das ihre Tochter leitet. Heute trägt das Haus ihren Namen.

(he)

Der Text ist entnommen aus dem Buch „Der nächste Redner ist eine Dame“, herausgegeben vom Deutschen Bundestag, erschienen im Ch. Links Verlag, 2024.

Zum Weiterlesen:

Renate Lepsius: Marta Schanzenbach: Das Glück, helfen zu können. In: Renate Lepsius, Frauenpolitik als Beruf: Gespräche mit SPD-Parlamentarierinnen. Hamburg 1987. S. 13-32.