Dr. Viktoria Steinbiß

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Als Mitglied des britischen Zonenbeirats und Landtags von NRW baute sich Viktoria Steinbiß wichtige Verbindungen auf, die ihr später den Einzug in den ersten Deutschen Bundestag ermöglichten. Ihm gehört sie bis 1961 an.
Viktoria Steinbiß und ihre zehn Fraktionskolleginnen horchen auf, als es bei der ersten Fraktionssitzung der CDU/CSU im Deutschen Bundestag am 1. September 1949 um die Besetzung des Fraktionsvorstands geht, denn Sitzungsleiter Konrad Adenauer sagt: „Ich möchte noch sagen, es muss auch eine Frau hinein.“ Aus der Schar der Männer kommt sogleich der Einwand: „Warum denn?“ Adenauer reagiert leicht genervt: „Wir müssen eine Frau dabeihaben. Darüber sind wir uns klar, aber wir haben jetzt dasselbe Theater wie bei der Aufstellung der Kandidaten. Jeder sagt, es muss eine Frau hinein, doch will sie keiner übernehmen.“ Er meint damit, dass kein Landesverband eine Frau für den Vorstand vorschlagen will. Die 57jährige Ärztin und frisch gewählte Bundestagsabgeordnete Viktoria Steinbiß jedoch ignoriert den Einwand und kommt gleich zur Sache: „Ich schlage Frau Dr. Weber vor.“ Die allseits angesehene Helene Weber stammt ebenso wie Steinbiß selbst aus Nordrhein-Westfalen. Konrad Adenauer ist nicht einverstanden: „Das ist von Ihnen, Frau Dr. Steinbiß, sicher gut gemeint, aber ich glaube nicht, dass es richtig ist. So sehr ich Frau Weber schätze, es ist doch unmöglich, dass das Land Nordrhein-Westfalen, das volkreichste Land mit der ganzen Industriearbeiterschaft, durch eine Frau allein vertreten ist. Das geht doch nicht.“
Die Episode zeigt exemplarisch, welche Hürden es für die Frauen auch innerhalb ihrer Fraktionen zu überwinden gilt. Sie zeigt jedoch auch, dass Frauen wie Viktoria Steinbiß es stets aufs Neue versuchen. Sie ist es gewohnt, Hindernisse zu ignorieren und Umwege zu machen: Einige Monate vor Beginn des Ersten Weltkrieges 1914 gehörte die Tochter eines wohlhabenden Bauunternehmers zum ersten weiblichen Jahrgang, der am Oberlyzeum in Bielefeld das Abitur ablegen durfte und zu einem Hochschulstudium zugelassen wurde. Während des Krieges studierte sie Medizin an den Universitäten Heidelberg, Göttingen, Berlin und Frankfurt/Main und promovierte 1920. Bereits seit 1917 arbeitete sie in den semesterfreien Zeiten im Pathologischen Institut Bethel in Bielefeld. Dort verliebte sie sich in ihren 22 Jahre älteren, verheirateten Chef, dem Leiter des Instituts, Dr. Walter Steinbiß. Dieser hatte bereits seit längerem kein gutes Verhältnis zu seinem Arbeitgeber, der evangelischen Klinik Bethel, weil Steinbiß sich als Befürworter der Euthanasie zu erkennen gab und zudem lukrativen Nebenbeschäftigungen nachging. Nachdem er sich von seiner Frau hatte scheiden lassen, heiratete er 1921 Viktoria und das Ehepaar verließ Bielefeld.
Walter Steinbiß trat eine neue Stelle in Berlin an, wo das Paar die nächsten zehn Jahre verbrachte. Viktoria übte ihren Beruf nicht mehr aus, sondern kümmerte sich um die beiden Söhne ihres Mannes aus erster Ehe, deren Mutter kurz nach der Scheidung überraschend gestorben war. 1931 starb auch Walter Steinbiß an einem langjährigen Herzleiden und die junge Witwe kehrte nach Bielefeld zurück. Hier arbeitete sie zunächst ehrenamtlich, dann festangestellt als Leiterin des Laboratoriums im Städtischen Krankenhaus. 1934 wurde sie förderndes Mitglied der SS, da es wegen eines Aufnahmestopps nicht mehr möglich war, der NSDAP beizutreten. In ihrem Entnazifizierungsprozess gibt sie später an, bei den Wahlen 1934 eine der bürgerlichen Parteien, aber nicht die NSDAP gewählt zu haben. Zudem habe sie 1936 aus politischen Gründen ihre Fördermitgliedschaft bei der SS beendet. Der Entnazifizierungsausschuss stuft sie als „politisch zuverlässig“ ein. 1938 hatte sie ihre Stelle im Krankenhaus gekündigt und bestritt ihren Lebensunterhalt fortan als Gesellschafterin des väterlichen Baubetriebs. Ehrenamtlich engagierte sie sich im Rahmen der Bekennenden Kirche, in der Frauenhilfe und im Gustav-Adolf-Frauenverein. Viele Jahre war sie Presbyterin der reformierten Gemeinde und übernahm 1941 den Vorsitz des örtlichen Deutschen Evangelischen Frauenbundes. Hinzu kamen gelegentliche Arztvertretungen, die kurzzeitig eröffnete eigene Praxis schloss sie jedoch bald wieder.

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Nach Kriegsende beginnt sie mit 53 Jahren ihre politische Karriere. Sie gehört 1945 zu den Gründungsmitgliedern der Bielefelder CDU. Als einzige CDU-Frau wird sie von der britischen Besatzungsbehörde in den Stadtrat berufen, wo sie zur Fraktionsvorsitzenden aufsteigt. Schließlich gelingt es ihr, zur CDU-Kreisvorsitzenden gewählt zu werden, ein für eine Frau damals höchst ungewöhnliches, mächtiges Amt. 1946 wird sie Mitglied des ernannten Zonenbeirats für die britische Zone sowie des Landtages NRW. Sie lernt Konrad Adenauer kennen und wird ihm bis zu ihrem Lebensende freundschaftlich verbunden bleiben. Er schreibt ihr: „Helfen Sie und arbeiten Sie dafür, dass der evangelische Teil unserer Bevölkerung stärker in die CDU kommt.“ 1949 kandidiert Steinbiß für den Deutschen Bundestag und schreibt in ihrem Wahlaufruf, dass sie sich „für den besonderen Schutz der berufstätigen Frau und für ihre gerechte Entlohnung“ einsetzen wolle. Als eine von elf CDU-Frauen zieht sie ins Parlament ein und wird ihm bis 1961 angehören.
Bald schon profiliert sie sich in der Gesundheitspolitik und nutzt geschickt ihre enge Verbindung zu Konrad Adenauer, um bei ihm die Interessen der Ärzteschaft durchzusetzen. Als es um die Reform der Krankenversicherung geht, die den Krankenkassen einen größeren Handlungsspielraum gegenüber den niedergelassenen Ärzten eingeräumt hätte, bittet sie um einen Termin beim Bundeskanzler. „Wat hamse für’n schickes Hütchen auf“, soll er sie begrüßt haben. Es gelingt ihr, die Reform im Sinne der Ärzteschaft zu stoppen und ihnen so für einen langen Zeitraum erhebliche Einkommenssteigerungen zu bescheren. Von 1953 bis 1961 setzt sie sich als stellvertretende Vorsitzende des Gesundheitsausschusses und gesundheitspolitische Sprecherin der CDU/CSU-Fraktion weiterhin für die Anliegen der Ärzte ein und wird dafür von ihnen 1961 mit der Verleihung der Paracelsus-Medaille für „erfolgreiche berufsständische Arbeit“ geehrt.
Mit 69 Jahren beendet sie 1961 ihre politische Karriere und erhält im gleichen Jahr das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. Am 11. Februar 1971 stirbt sie in ihrer Heimatstadt Bielefeld.
(nw)
Der Text ist entnommen aus dem Buch „Der nächste Redner ist eine Dame“, herausgegeben vom Deutschen Bundestag, erschienen im Ch. Links Verlag, 2024.
Zum Weiterlesen:
Bärbel Sunderbrinck: „Eine besonders innerhalb unserer Partei tätige evangelische Frau“. Die Ärztin und CDU-Politikerin Viktoria Steinbiß (1892-1971). In: Sunderbrinck (Hrsg.): Frauen in der Bielefelder Geschichte. Bielefeld, 2010, S. 181-191.