Parlament

Gertrud Strohbach

Porträtfoto von Gertrud Strohbach, 1911 bis 2002

(© DBT/unbekannt)

Als eine der jüngsten Abgeordneten, als Frau, aber vor allem als Mitglied der KPD sind für Gertrud Strohbach die Hürden hoch im ersten Deutschen Bundestag. Nach dem Parteiverbot siedelt die überzeugte Kommunistin in die DDR über. 

Die 39jährige Gertrud Strohbach tritt am 16. Mai 1951 ihr Mandat im ersten Deutschen Bundestag an und gehört von nun an als eine von zwei Frauen zu der vierzehnköpfigen Fraktion der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD). Die Berufung ins Parlament kommt für die allein erziehende Mutter zweier Schulkinder überraschend. Bisher hatte sie in Stuttgart als Stenotypistin und zuletzt als „Sekretär für Agitation und Propaganda im Landessekretariat der KPD Baden-Württemberg“ gearbeitet, wie sie in einem Lebenslauf schreibt. Erste parlamentarische Erfahrungen sammelt sie 1950 als Stadtverordnete in Stuttgart. Ihre Tochter Grete erinnert sich, dass ihre Mutter mit dem Antritt ihres Mandats oft von Stuttgart nach Bonn pendelte und sich eine Kinderfrau um sie und den Bruder Stefan kümmerte. 

Die Arbeit in der Fraktion gefällt Gertrud Strohbach, sie entdeckt ihr Redetalent. In den knapp zweieinhalb Jahren ihrer Fraktionszugehörigkeit tritt sie achtzehnmal ans Rednerpult und spricht zu Themen wie dem Familienrecht und dem Jugendschrifttum, aber auch zu „großen“ politischen Themen wie dem Schuman-Plan zur Gründung einer Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl und der von den Kommunisten „Remilitarisierung“ genannten Wiederbewaffnung der Bundeswehr. Die Auftritte der kommunistischen Abgeordneten im Plenum sind meist hoch umstritten, auch Gertrud Strohbach kassiert in ihrer Rede viele Zwischenrufe und Unterbrechungen. 

Doch sie hält auch Reden abseits der großen Politik: Knapp sechs Wochen nach ihrem Einzug ins Parlament redet sie über die mangelhafte Versorgung der Bevölkerung mit Zucker. Sie sei froh, so die frischgebackene Abgeordnete, dass dieses für die Lebensmittelversorgung der Menschen so wichtige Thema zur Sprache komme, denn schließlich müsse das Problem schnell gelöst werden, „ehe es soweit ist, dass draußen die Obst- und Beerenernte umkommen muss“. 

Die im Alltag der kleinen Leute verankerte politische Arbeit war der am Silvestertag 1911 in Stuttgart geborenen Tochter von Karl und Emma Schneck in die Wiege gelegt: Ihr Vater, von Beruf Schreiner, gehörte zu den Gründern der KPD in Baden-Württemberg und schickte seine Tochter bereits mit sechs Jahren in eine kommunistische Kindergruppe. Nach der 9. Klasse verließ sie die Schule und arbeitete als Stenotypistin in verschiedenen Firmen. Gleichzeitig trat sie dem Kommunistischen Jugendverband bei: Hier eignete sie sich „die Grundbegriffe der marxistisch-leninistischen Weltanschauung“ an, wie sie in einem Lebenslauf schreibt, den sie später für eine SED-Organisation verfasst. Sie lernte früh, sich den Weisungen der Partei zu fügen. Mit 18 Jahren erhielt sie den Parteiauftrag, ihre Stelle zu kündigen, um im Parteibüro zu arbeiten. Später folgte sie dem Vorschlag der Partei, nach Halle zu ziehen, um Teil der Redaktion der Zeitschrift „Klassenkampf“ zu werden. 1931 kehrte sie als Sekretärin in das Organisationsbüro der KPD in Stuttgart zurück, im Herbst 1932 wurde sie Leiterin der Frauenarbeit in der Roten Sportbewegung. Im gleichen Jahr heiratete sie ihren Mann Kurt Strohbach, mit dem sie 1939 und 1942 zwei Kinder bekam. 

Im März 1933, zwei Monate nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten, wurde Gertrud Strohbach gemeinsam mit ihrem Mann in „Schutzhaft“ genommen. Ohne Angabe von Gründen kam er nach fünf, sie nach sechs Monaten frei. Sie fand Arbeit als Kontoristin bei verschiedenen Firmen. Kurz nach der Geburt der Tochter wurde ihr Mann zur Wehrmacht eingezogen. Die Ehe überdauerte den Krieg nicht, 1947 wird sie „aus persönlichen Gründen“ geschieden, wie Gertrud Strohbach schreibt. Bereits Anfang 1946 hat sie wieder begonnen zu arbeiten: als Redaktionssekretärin bei der Zeitschrift „Das neue Wort“. Sie setzt ihr politisches Engagement bei der KPD fort, übernimmt die Frauenabteilung im Sekretariat der KPD-Landesleitung in Baden-Württemberg und wird 1950 in den Stuttgarter Stadtrat gewählt. 

Zitat: Der Vorwurf „notorische Landesverräter, den Sie uns während Ihrer Rede — ohne einen Einspruch des Herrn Präsidenten — gemacht haben, ist vor vielen Jahren schon von anderen Politikern in Deutschland gemacht worden. Diese anderen Politiker haben mit diesem Vorwurf das deutsche Volk in die größte Katastrophe seiner Geschichte geführt.

(© DBT)

Mit dem aufkommenden Kalten Krieg steigt der Druck auf die Kommunistische Partei, die man zunehmend als Bedrohung für die junge westdeutsche Demokratie betrachtet. Am 11. Juli 1951 beschließt der Deutsche Bundestag das „1. Strafrechtsänderungsgesetz“, das Abschnitte zu Hochverrat, Staatsgefährdung und Landesverrat enthält und unter anderem auf die Tätigkeit der KPD-Mitglieder abzielt. Man fürchte um den Fortbestand des Landes, so Bundesjustizminister Thomas Dehler (FDP): „Für uns genügt das, was in der Ostzone vorgeht. Von dort aus wird mit allen Mitteln der Propaganda, der Wühlarbeit, an der Zersetzung der Bundesrepublik gearbeitet, um sie zu Fall zu bringen. Ich glaube, wir können da nicht tatenlos zusehen.“

Tatsächlich ist die KPD-Fraktion im Deutschen Bundestag keinesfalls eigenständig, sondern wird vom KPD-Parteivorstand und der SED aus gesteuert. Die KPD-Abgeordneten fühlen sich verfolgt, als Ende Oktober 1951 ihre Immunität aufgehoben werden soll. Gertrud Strohbach gibt der SED-Zeitung „Neues Deutschland“ ein Interview: „Jetzt will man die kommunistischen Volksvertreter auch aus dem Bundestag entfernen. Man möchte sie in die Gefängnisse sperren, in dem Glauben, dass man damit die anderen Abgeordneten und die Bevölkerung selbst abschrecken und sie von ihrem Kampf um die friedliche Lösung der deutschen Frage abhalten könnte.“ 

Weil Haftbefehle drohen, siedelt Gertrud Strohbach im September 1953 wie die meisten ihrer Fraktionskollegen schließlich mit ihrer 14-jährigen Tochter und dem 11-jährigen Sohn in die DDR über. Im Jahr darauf heiratet sie ihren ehemaligen Bundestagsfraktionskollegen Robert Leibbrand, einen führenden KPD-Politiker und KZ-Überlebenden. Es sei keine einfache Zeit gewesen, erinnert sich Strohbachs Tochter, auch gesundheitlich habe ihre Mutter zu kämpfen gehabt. In ihrer neuen Heimat wird sie schließlich zu einer langjährigen Mitarbeiterin im Zentralkomitee der SED und im DDR-Regime angesehenen Genossin, die zu jedem runden Geburtstag persönliche Glückwunschschreiben der Parteispitze und viele Auszeichnungen erhält. Die friedliche Revolution und die Wende 1989 erlebt sie mit 77 Jahren als persönlich schmerzlichen Einschnitt, so die Tochter. Es habe viele Gespräche gegeben, auch darüber, ob mit dem Untergang der DDR ihr Lebensweg und die Opfer, die sie als junge Frau im Nationalsozialismus gebracht habe, in Frage gestellt seien. Sie hält weiter Kontakt mit den westdeutschen DKP-Genossen und bleibt Mitglied der „Partei des Demokratischen Sozialismus“ (PDS), der Nachfolgerin der SED. Am 12. Juli 2002 stirbt sie in Berlin.

(nw)

Der Text ist entnommen aus dem Buch „Der nächste Redner ist eine Dame“, herausgegeben vom Deutschen Bundestag, erschienen im Ch. Links Verlag, 2024.

Zum Weiterlesen:

Ina Hochreuther: Frauen im Parlament. Südwestdeutsche Parlamentarierinnen von 1919 bis heute. Stuttgart, 1992, S. 393f.