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Artikel

18. Oktober 2019

Worte von Bundestagspräsident Dr. Wolfgang Schäuble vor Eintritt in die Tagesordnung zur Würdigung von Anke Fuchs und Annemarie Renger

[Es gilt das gesprochene Wort]

Bevor wir in die Tagesordnung eintreten, bitte ich Sie, sich von Ihren Plätzen zu erheben.

Der Deutsche Bundestag trauert um Anke Fuchs. Sie ist am Montag nach langer Krankheit im Alter von 82 Jahren gestorben. Anke Fuchs ist vielen in Erinnerung als – im besten Sinne des Wortes – streitbare und als geradlinige Kollegin. 22 Jahre lang vertrat sie ihren Kölner Wahlkreis im Parlament, 1998 wurde sie zur Bundestagsvizepräsidentin gewählt.

Anke Fuchs war Parlamentarierin aus Leidenschaft und Sozialdemokratin aus tiefer Überzeugung. Sich wuchs als Tochter Paul Nevermanns, dem späteren Hamburger Ersten Bürgermeister, in einer Familie mit sozialdemokratischer Tradition auf. Ihr Elternhaus war nach dem Krieg Treffpunkt für viele Genossen, die den demokratischen Neuaufbau Deutschlands vorantreiben wollten – von Kurt Schumacher bis Herbert Wehner. Anke Fuchs trat der SPD noch vor dem Abitur bei und engagierte sich zunächst in den Gewerkschaften. 1971 wurde sie als einzige Frau in den geschäftsführenden Vorstand der IG Metall berufen, wo sie sich insbesondere für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf einsetzte. Parlamentarisches Ansehen erwarb sich Anke Fuchs vor allem in der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik, die sie auch als Staatssekretärin und Bundesministerin gestaltete. Im Bundestag übernahm sie 1992 den Vorsitz der Enquete-Kommission „Demographischer Wandel“ – ein Thema, das uns heute noch beschäftigt. Ihr Amt als Vizepräsidentin übte sie mit der gleichen Haltung aus, die ihr vielfältiges Engagement auch außerhalb des Parlaments prägte: pflichtbewusst, tatkräftig und souverän.

Sie habe „immer ziemlich solide gearbeitet in ihrem Leben“, hat sie rückblickend von sich gesagt – in nüchterner, typisch hanseatischer Zurückhaltung. Wir sind Anke Fuchs dankbar für das, was sie für unsere parlamentarische Demokratie geleistet hat und werden ihr ein ehrendes Andenken bewahren. Allen Angehörigen spreche ich im Namen dieses Hauses meine Anteilnahme aus.

Sie haben sich zur Ehren der Verstorbenen von Ihren Plätzen erhoben.

Ich danke Ihnen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

die Politikerinnengeneration von Anke Fuchs wurde geprägt von starken Persönlichkeiten, die nach Gründung der Bundesrepublik Frauen den Weg in der Politik geebnet haben. Annemarie Renger ragt aus ihnen heraus – die erste Präsidentin des Deutschen Bundestages. Am 7. Oktober wäre sie 100 Jahre alt geworden. Auch sie wurde in ein sozialdemokratisches Elternhaus hineingeboren. An der Seites ihres politischen Ziehvaters Kurt Schumacher baute sie nach dem Krieg die SPD mit auf. Von 1953 bis 1990 war sie ununterbrochen Mitglied des Bundestages.

Als die SPD 1972 erstmals den Parlamentspräsidenten stellte, meldete Annemarie Renger – selbstbewusst und verantwortungsfreudig wie sie war – ihren Anspruch auf das zweithöchste Amt im Staate an. „Glauben Sie, man hätte mich sonst genommen?“, fragte Sie rückblickend. Annemarie Renger war weltweit die erste Frau an der Spitze eines frei gewählten Parlaments. Sie verstand sich nicht als Feministin. Aber sie nutze ihr Amt, „um der Sache der Frauen zu dienen“, wie sie es formulierte.

Den Bundestag führte sie mit einer natürlichen Autorität. Sie setzte sich für ein selbstbewusstes Parlament ein und strengte engere parlamentarische Kontakte zu unseren östlichen Nachbarn an. Ihr Augenmerk galt nicht zuletzt der Aussöhnung mit Israel.

Die parlamentarische Demokratie lebt von denen, die sie gestalten, und wir tun gut daran, uns dankbar derer zu erinnern, die sie entscheidend mitgeprägt haben – so wie Annemarie Renger.

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