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Artikel

4. März 2020

Rede von Bundestagspräsident Dr. Wolfgang Schäuble zur Ausstellungseröffnung von Barbara Klemm und Fritz Klemm im Mauermahnmal

[Es gilt das gesprochene Wort]

Anrede

„Bilder und Zeiten“ hieß die Tiefdruckbeilage der FAZ – an jedem Samstag brachte sie Abbildungen, für die im Rest der „Zeitung für Deutschland“ noch kein Platz war. Bilder, die den Rahmen der  Pressefotografie sprengten. „Bilder und Zeiten“ – das waren glänzende Fotografien und essayistische Texte, die auf Zeit angelegt waren. Keine Momentaufnahmen, die das alltägliche Informationsbedürfnis stillen sollten, sondern Bilder für den Samstag, die sich auch am Sonntag noch nicht überlebt hatten. 
Sie, sehr geehrte Frau Klemm, haben als Redaktionsfotografin über 35 Jahre für die FAZ und deren Leser viele Momente festgehalten, die sich in unseren Köpfen eingeprägt haben. In doppelter Weise: Als Ereignis und als Bild. Ihr Bild. Auch viele hundert Sonntage später erzählen diese Bilder noch von ihren Zeiten.
Und das hat einen Grund. Diese Fotografien sind nicht gestellt oder gewichtig wie die in alten Schulbüchern, sondern es sind Bilder, die im Dabeisein entstanden, die uns gleich nahe sind, sich festsetzen und leicht das Kino im Kopf auslösen. 
Es sind Bilder, die Verbindung stiften, weil wir uns darin wiederfinden. Damit haben sie mehr als eine ästhetische Bedeutung – zumal in einer Zeit, in der viele beklagen, dass uns das Verbindende mehr und mehr verloren geht. In einer immer stärker ausdifferenzierten Gesellschaft brauchen wir die einende Kraft von Bildern – auch wenn wir über die festgehaltene Situation unterschiedlicher Meinung sind und über das Ereignis auf dem Foto keineswegs das eine, uns einende Urteil fällen müssen. 
Liebe Frau Klemm, insbesondere die hier ausgestellten Bilder aus der Friedlichen Revolution und vom 3. Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit, zeigen es: Ihrem Blick verdanken wir einen Teil unserer kollektiven Erinnerung. Es sind Bilder der deutschen Zeitgeschichte. Wir sehen sie hier an einem beziehungsreichen Ort, dem Mauermahnmal des Deutschen Bundestages. Und finden sie in unserem Gedächtnis. Manchmal helfen Ihre Bilder dem auch auf die Sprünge. Denn wir vergessen das eine oder das andere – Ihre Fotografie aber bleibt. 
Was auch bleibt, ist Ihre besondere Perspektive als aufmerksame und zurückgenommene Zuschauerin: Sie dokumentieren nicht, um des Dokumentierens willen, erfüllen nicht allein Ihre journalistische Aufgabe, in dem Sie möglichst schnell und objektiv oder reißerisch und pointiert Höhepunkte erfassen oder die bedeutsamen Momente der Geschichte auf einen Augenblick verdichten. Sie sind nicht bloß Chronistin der deutschen Zeitgeschichte. Auch wenn Sie bisweilen so bezeichnet werden. Vielmehr spricht aus den Bildern immer ein eigensinniger Blick. Ihnen fällt auch das Andere auf, das Unauffällige. Sie halten das Kleine im großen Moment fest. In Ihren Bildern wird oft gerade im Kleinen Großes sichtbar. 
Davon erzählen auch die von Ihnen für diese Ausstellung ausgewählten Bilder von Museumsbesuchern vor der Kunst. Das sind nicht die bekannten großen oder sogar auf Briefmarkenformat geschrumpften Bilder der Friedlichen Revolution, nicht die Reisebilder, auf denen wir fremden Menschen in deren vertrauter Umgebung so nahe kommen, als stünden wir neben ihnen. Es sind nicht Ihre bekannten Portraits von Prominenten, von Künstlern, Philosophen oder anderen zur Selbstdarstellung neigenden Herrschaften. Aber Portraits sind es doch: Abbilder von uns allen, von einer Gesellschaft, die im Museum über ihr kulturelles Erbe staunt, die auf alte Meister und große Werke reagiert, verträumt oder konzentriert. Als Bildungsbürger beflissen oder als Jugendlicher gelangweilt. So sind wir, wenn wir Malerei betrachten. Auch diese Fotografien sind in ihrer gekonnten Alltäglichkeit Zeitdokumente – auch wenn ihnen kein großer historischer Augenblick zugrunde liegt.

Ihre Beobachtungen scheinen Goethes berühmten Satz zu illustrieren: Was Du ererbet von Deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen. Wir sehen: Der Museumsbesuch ist eine Kulturtechnik! Vielleicht sogar eine in Deutschland besonders beheimatete und besonders intensiv und kritisch betriebene. Der Umgang mit dem, was uns aus vergangenen Tagen überliefert ist, beschäftigt und berührt uns. Wie wir die Begegnung mit Kunst individuell unterschiedlich auffassen und beherrschen, wie die Werke im Museum uns bisweilen ihrerseits beherrschen, das zeigen Ihre Fotografien.
Diese Bilder gehen nahe – dem Betrachter. Dem Abgelichteten gegenüber wahren Sie freundlich den gebührenden Abstand. Das ist in Zeiten, in denen Schamgrenzen fallen, in denen der öffentliche, auch der bebilderte Diskurs immer aggressiver und respektloser wird, etwas Besonderes. Sie überschreiten keine Grenzen. Ihre Position ist die der zugewandt menschenfreundlichen und doch zurückgenommenen Beteiligten. So sehen und zeigen Sie sehr konkret, was zu zeigen ist. 

Anders die Abstraktion, die das künstlerische Schaffen Ihres Vaters auszeichnet! Niemand ist, was er ist, ohne seine Kindheit, ohne die Prägung durch die Familie. Und so freut es mich besonders, dass wir zum ersten Mal auch Arbeiten von Fritz Klemm, Ihrem Vater, zeigen können. 
Dabei stellen wir sie nicht aus, um eine Vater-Tochter-Beziehung zu zeigen. Ihre Werke sind jeweils eigenständig und auch unabhängig voneinander zu würdigen und zu verstehen. Aber dass Sie ihm viel verdanken, schließe ich schon allein aus der Tatsache, dass es Ihre Anregung war, auch seine Bilder in dieser Ausstellung zu Ihrem Geburtstag zu zeigen. 
Fritz Klemm, geboren 1902, ist mit seiner minimalistischen Malerei und seinen reduzierten Collagen seiner Zeit in manchem voraus gewesen. Auch aus seinem Werk spricht die Beschränkung auf das Wesentliche. Die zurückgenommene, bescheidene Haltung. Ob sich das vererbt hat – darüber möchte ich mir kein Urteil erlauben.  

Meine Damen und Herren, 
Sie haben es eingangs bereits gehört: Diese Ausstellungseröffnung wird  musikalisch begleitet von Ensemblemitgliedern des RIAS-Kammerchors unter der Leitung von Joachim Buhrmann – vielen Dank dafür. 
Sie hören gleich ein weiteres Werk von Arvo Pärt – minimalistisch wie die Arbeiten von Fritz Klemm und eingängig wie die Fotografien von Barbara Klemm.

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