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Artikel

18. Juni 2021

Festrede von Bundestagspräsident Dr. Wolfgang Schäuble zur Eröffnung der Europäischen Wochen Passau

[Es gilt das gesprochene Wort.]

Ohne Freiheit keine Kunst: Das Zitat stammt von Albert Camus – allerdings nicht aus seinem Roman „Die Pest“, der für viele im vergangenen Jahr das Buch der Stunde war. Der französische Autor und Philosoph hat sich vielmehr in seinem gesamten künstlerischen und essayistischen Werk Gedanken über ideologische Begrenzungen gemacht, darüber, was die Künstler in ihrem Schaffen gängelt, ihre Phantasie und Kreativität lähmt. Die Kunst, schrieb er, lebt nur von den Beschränkungen, die sie sich selbst auferlegt. 

Über die Freiheitseinschränkungen, zu denen die Pandemie zwang, ist viel gestritten worden. Die Kontaktverbote haben gerade das Kulturleben hart getroffen und weitgehend zum Erliegen gebracht. Für die Kultur war es ein Shutdown. Wir alle haben das in den vergangenen 15 Monaten als schmerzlich empfunden. Am stärksten die Künstler! Aber eben auch das Publikum. 
Das heruntergefahrene Sozialleben machte das unmittelbare Erleben künstlerischen Wirkens unmöglich. Der Verzicht auf Konzerte, auf Kino-, Theater- oder Museumsbesuche ist das eine. Schwerer wiegt noch das andere: die existentiellen Sorgen, die finanzielle Not, die psychische Belastung, unter der viele Musiker und Schauspieler, Maler, Bildhauer und Photographen, Regisseure und Betreiber von privaten Kultureinrichtungen gelitten haben. Oder noch leiden – so sehr Parlament und Regierung bemüht sind, finanzielle Härten abzufedern. 
Ich habe gut verstanden, dass gerade die Einschränkungen, die unser Kulturleben trafen, auf Unverständnis stießen. Dass Kulturschaffende wie Kunstliebhaber dagegen protestierten, in eine Reihe mit Spielbanken oder Fitnessstudios gestellt zu werden – als handele es sich einfach nur um einen Wirtschaftszweig. Dabei versorgt uns die Kunst mit immateriellen Lebensmitteln; sie hat eine gesellschaftliche Relevanz, die im gern beschworenen Bild der Kulturnation genauso mitschwingt wie sie im höchstrichterlichen Verständnis von Deutschland als Kulturstaat zum Tragen kommt. 

In den vergangenen Monaten ist uns allen bewusst geworden, wie sehr leibhaftige Kulturerlebnisse zu unserem Alltagsleben gehören! Wir haben Begegnungen vermisst – die mit Menschen und die mit der Kunst. Wir waren in der Hochphase der Pandemie auf uns selbst zurückgeworfen. 
Natürlich konnten wir jederzeit Bücher lesen und Musikaufnahmen hören, Hörspiele herunterladen, Filme – auch Konzertmitschnitte – im Fernsehen sehen oder im Livestream verfolgen. Die Kreativen bewiesen vielfach ihren Ideenreichtum – und sei es nur von den Balkonen herab. Das war immerhin etwas – aber doch nur Ersatz. Der erzwungene Verzicht auf das emotionale Kulturerlebnis war gerade weil wir angesichts des bedrohlichen Virus und der Einschnitte in unser normales Leben belastet waren, angespannt oder auch niedergeschlagen, besonders schmerzhaft. Dass selbst bei Beerdigungen im allerkleinsten Kreis Musik als Ausdruck der Trauer – oder der Hoffnung – oft nur vom Band gespielt werden durfte, zählt mit zu den tragischen Eindrücken der vergangenen Monate.      

Kunst weist über uns hinaus. Sie ist fundamental, hat heilende und identitätsstiftende Kraft und kann – im Gegensatz zur Politik – transzendieren, hier und jetzt. In all ihren Formen ist Kunst universell. Sie vermag zu trösten, Gefühle zu schüren und zu kanalisieren. Sie kann uns erwecken, erheben und auffangen. Und sie vermag zweifellos besser als die Politik, Menschen miteinander zu verbinden. Kurz gesagt: Kunst ist kein Überbau, der in der Krise entbehrlich wäre. Im Gegenteil. 

Umso größer ist die Freude, dass es jetzt wieder möglich ist, vor Publikum zu spielen, sich auszutauschen und zu diskutieren! Wir sind zwar noch in einer Übergangsphase, noch immer müssen wir vorsichtig sein und Abstandsregeln einhalten, Masken tragen, aufeinander achtgeben und Hygienekonzepte beachten. Aber wir haben gesehen, dass verantwortungsbewusstes Handeln hilft: Wenn auf Bühnen, zwischen den Musikern und im Publikum Mindestabstände eingehalten werden, wenn vieles ins Freie verlegt wird und besonders attraktive Veranstaltungen mehrfach angeboten werden, um die Zahl der Teilnehmer in den Aufführungen gering zu halten. Das mag alles in allem lästig sein, aber meine Erfahrung sagt mir, dass ich lieber ein Konzert mit Maske erlebe, als noch länger darauf verzichten zu müssen!

Was möglich ist, zeigt die in Passau im vergangenen Jahr gesammelte Erfahrung: Die Europäischen Wochen, die seit fast 70 Jahren bestehen, konnten als eines der wenigen Festivals in Deutschland unter Corona-Bedingungen planmäßig stattfinden. Die Festspiele rühmen sich jetzt selbst damit, 2020 „Hotspot künstlerischer Inspiration“ gewesen zu sein. Ich wünsche Ihnen, dass Sie diese positive Erfahrung wieder machen! Und dass die Festspiele an ihre wichtigste Tradition anknüpfen können: im Dreiländereck Südbayerns den kulturellen Austausch zu pflegen. 

Seit 1952 orchestrieren sie auf ganz eigene Weise die grenzübergreifende Zusammenarbeit. Ich komme selbst aus einer Grenzregion und weiß um die Bedeutung stabiler, freundschaftlicher Kontakte zu den Nachbarn auf der anderen Seite der Grenze. Gute Beziehungen über sichtbare und unsichtbare Grenzen hinweg sind längst nicht mehr nur eine politische Aufgabe: Wir haben in vielfältiger Weise die Erfahrung gemacht, dass Kooperationen dann lebendig bleiben, wenn sie von den Menschen vor Ort getragen und gestaltet werden. Wenn Festivals selbstverständlich nicht nur internationale Stars engagieren, sondern Menschen aus der Region zusammenbringen. 

Auch hier hat die Pandemie innerhalb Europas Wunden gerissen: Als die Grenzen geschlossen wurden, um das Virus einzuhegen. Sie wurden wieder geöffnet, um Infizierte, die in ihren Ländern keine Behandlungsmöglichkeit fanden, dort medizinisch zu versorgen, wo die Intensivstationen noch freie Betten hatten. Das war die Rückkehr zu einem Europa, wie es sein soll. An den Defiziten aber müssen wir dringend arbeiten. Um besser zu werden – gemeinsam! Um für Krisen besser gewappnet zu sein. Jeder einzelne europäische Staat und die EU als Gemeinschaft. Europa wird den großen Herausforderungen unserer Zeit, die im Augenblick etwas in den Hintergrund getreten sind, nur gemeinsam gewachsen sein. 

Dass die Europäischen Wochen Passau sich im Übrigen genau diesen großen Fragen öffnen und sich nicht allein den schönen Dingen des Lebens und dem Wohlklang der Musik widmen, ist ein gutes Zeichen. Das Programm zeigt es: In den Passauer Foren wird es um Natur- und Klimaschutz gehen, um Migration und um die Auseinandersetzung mit erstarkenden autokratischen und antidemokratischen Tendenzen. Das sind wichtige Themen, mit denen sich Politik und Gesellschaft auseinanderzusetzen haben. Für die wir Positionsbestimmungen suchen und nachhaltige Lösungen finden müssen. Es sind politische Fragen, die wir im Deutschen Bundestag debattieren – die Wählerinnen und Wähler haben uns dafür mit einem Mandat ausgestattet. Doch es bleiben Fragen, die alle angehen und über die es sich lohnt, nachzudenken. Auch in der entspannten, sommerlichen Atmosphäre eines traditionsreichen Festivals, auch im Austausch mit Künstlerinnen und Künstlern!  
Ich wünsche den Europäischen Wochen Passau, den Festivalgästen wie allen beteiligten Musikern, Ausstellungsmachern und Organisatoren: viel Freude und Erfolg! Genießen Sie die Freiheit und die Kunst. 

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