Rede bei der Eröffnung des neuen Standortes der Robert-Havemann-Gesellschaft e.V. - Archiv der DDR-Opposition

Die SED-Opferbeauftragte Evelyn Zupke bei der Eröffnung des neuen Standortes der Robert-Havemann-Gesellschaft e.V. - Archiv der DDR-Opposition, Klosterstraße Berlin-Mitte (© Team Zupke)
Liebe Rebecca Hernandez Garcia,
liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Robert-Havemann-Gesellschaft,
lieber Michael Heinisch-Kirch,
liebe Frau Staatssekretärin Cerstin Richter-Kotowski,
lieber Herr Pfarrer Dr. Alexander Arno Heck,
lieber Frank Ebert,
liebe Gäste!
Ein Besuch bei Euch in der Havemann-Gesellschaft ist für mich immer etwas Besonderes. Wenn ich bei euch bin, denke ich immer wieder an unsere gemeinsamen Wurzeln.
An die Umweltbibliothek, die für uns vom Weißenseer Friedenskreis so wichtig war. Ich denke an Pfarrer Simon und all die anderen, die damals mit dabei waren.
Dieses Archiv: Es hat seine Ursprünge direkt in der Friedlichen Revolution. Und das macht es bis heute zu etwas Besonderem!
Wohin gehört die Robert-Havemann-Gesellschaft? Diese Frage wurde mir in den letzten Jahren relativ oft gestellt. Und ich denke, viele hier im Saal kennen all die damit verbundenen teils hitzigen Debatten.
Die Havemann-Gesellschaft hat sich in meinen Augen aber nie über einen Ort definiert. Der Start im Keller der Zionskirchgemeinde, an den ich mich selbst noch so gut erinnern kann. Die Jahre im Hinterhof im Prenzlauer Berg und schließlich die Zeit in der ehemaligen Stasi-Zentrale.
Im Mittelpunkt stand immer die Arbeit. Eine Arbeit, für die ihr immer wieder auch Provisorien und schwierige Übergänge in Kauf genommen habt. Eine Arbeit, für deren Fortbestand ihr in den letzten Jahrzehnten immer wieder kämpfen musstet.
Bei meinem ersten Besuch als neue Opferbeauftragte bei euch im Archiv sagte damals Olaf Weißbach mit Blick auf einen großen Berg an Herausforderungen zu mir: „Evy, mach dir keine Sorgen. Uns kriegt keiner klein.“
Wenn ich heute eure neuen Räume sehe, muss ich sagen: Olaf hatte Recht. Ich freue mich daher riesig, dass ihr jetzt hier an diesem neuen Ort eure Arbeit fortsetzen könnt.
An einem neuen Ort, an dem all das, was die Havemann-Gesellschaft sammeln konnte, endlich bessere Bedingungen für den Erhalt finden konnte.
Ja, es ist wichtig, dass der Staat sich einsetzt für den Erhalt der Stasi-Akten. Das aber, was ihr sammelt, all die Flugblätter, die Samisdat-Schriften, die Vor- und Nachlässe, eben das Gedächtnis von Opposition und Widerstand, sind ebenso wichtig, um die Diktatur zu verstehen.
Und ich bin dankbar, dass ihr einen Ort gefunden habt und eure Bildungsarbeit fortsetzen könnt. Warum ist mir der letzten Punkt – eure Bildungsarbeit – ganz besonders wichtig?
Immer wieder erleben wir in den letzten Jahren, dass es gerade „versöhnliche“ Töne gegenüber der DDR sind, die öffentlich so große Wahrnehmung und ja, teils auch Zustimmung finden.
Töne, bei denen der Diktaturcharakter der DDR in den Hintergrund tritt. Es sind gerade eure Akten und eure Bildungsarbeit, die uns dabei helfen, die Dinge in unserer Gesellschaft klarzustellen.
Der Mauerfall zum Beispiel: Nein, der Fall der Berliner Mauer war eben nicht das Produkt eines für einen kurzen Moment unkonzentrierten Politbüromitglieds. Ohne den jahrzehntelangen Widerstand, der schließlich in eine friedliche Revolution mündete, wäre es nie zum Mauerfall gekommen.
Und nein, es war nicht so, dass der SED-Staat getrieben vom eigenen Reformwillen den Bürgerinnen und Bürgern die Hand reichte und fast schon selbst die Demokratie einführte.
Wer beispielsweise weiß, was am 7. Oktober 1989 auf dem Alexanderplatz und anderswo in Ostberlin passierte, würde niemals ernsthaft solchen Behauptungen Glauben schenken.
Die brutale Gewalt gegen tausende friedliche Demonstranten. Die Blutkonserven, die schon bereitstanden. Die bürgerkriegsähnlichen Zustände. All das ist so wichtig, um ein realistisches Bild von der Diktatur und ihrer Überwindung zu gewinnen.
Aber das Archiv – die Robert-Havemann-Gesellschaft – steht mit ihrer Arbeit noch für eine ganz andere, viel grundsätzlichere, Botschaft: Diktatur ist überwindbar!
Auf den ersten Blick mag das banal klingen. Für die Menschen aber, die heute in Diktaturen für Freiheit und Menschenrechte kämpfen, so wie auch wir damals in der DDR, ist es gerade diese Botschaft, die so wichtig ist.
Und gerade um diese Botschaft vermitteln zu können, brauchen wir eure Arbeit.
Vielen Dank!