06.11.2025 | Parlament

Rede bei der Ausstellungseröffnung „Einweisungsgrund Herumtreiberei - Disziplinierung in VenerologischenStationen und Spezialheimen der DDR“ im Museum Berlin-Pankow

Das Foto zeigt eine Frau, die in einem Raum an einem Rednerpult steht und in ein Mikrofon spricht.
Das Foto zeigt ein Saal, in dem viele Menschen auf Stühlen sitzen und in eine Richtung - zur Bühne - schauen. Die Menschen sind von hinten abgebildet. Der Saal ist groß. Schätzungsweise sitzen dort 20-30 Personen. Rechts neben der Bühne steht eine Frau an einem Rednerpult und spricht in ein Mikrofon. Sie ist den Gästen zugewandt.

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Die SED-Opferbeauftragte während Ihrer Rede. (© Team Zupke)

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An der Eröffnungsveranstaltung im Museum Berlin-Pankow nahmen viele Gäste teil. (© Team Zupke)

Liebe Frau Bezirksbürgermeisterin Dr. Koch,
lieber Herr Roder,
liebe Frau Blankenfeld,
liebe Herr Schneider,
liebe Zeitzeuginnen, 
liebe Gäste,

„In der DDR mussten wir schweigen. Und viele von uns schweigen bis heute.“ so beschrieb mir in einem Brief eine Frau, die als Mädchen in einer der geschlossenen Venerologischen Stationen untergebracht war, ihr Schicksal. Das Schweigen zu brechen. Es ist einfacher gesagt als getan. Angst, Scham, Sorge nicht verstanden zu werden, begleiten viele der Betroffenen bis heute. Ich vermute, viele von Ihnen wissen, was ich meine. Dieses ständige Erklären. 

Nein, eine Venerologische Station, ein Spezialkinderheim oder ein Jugendwerkhof waren keine normalen Einrichtungen. Keine Orte, wo Kinder und Jugendliche Schutz und Hilfe fanden. Diese Orte waren Orte der Repression. Staatliches Unrecht, verübt an den Schutzlosesten in unserer Gesellschaft.

Die Berichte der betroffenen Frauen, die wie hier in Berlin in Buch untergebracht waren, erschüttern mich zutiefst. Die entwürdigenden Untersuchungen, das Abgeschnitten sein von der Außenwelt, die Gewalt und die Angst. All das sind Erlebnisse, die die Frauen bis heute verfolgen. Staatliche Gewalt unter den vermeintlichen Deckmantel der Medizin. Ein Unrecht, das klar als Unrecht benannt werden muss.

Es schmerzt mich, dass wir auch fünfunddreißig Jahre nach der Wiedervereinigung noch immer Tag für Tag diese Aufklärungs- ja fast schon Überzeugungsarbeit leisten müssen. Überzeugungsarbeit, da es viele Menschen schmerzt, sich einzugestehen, dass die Diktatur in der DDR sich eben nicht nur auf SED und Staatssicherheit beschränkt. Repression und die brutale Durchsetzung der Ziele des Staates zogen sich durch alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens. Nein, es gibt sie nicht die DDR der Diktatur und die DDR des normalen Lebens. 

Gerade vor diesem Hintergrund ist die Aufklärungsarbeit, wie sie mit dieser Ausstellung geleistet wird, so wichtig. Diese Ausstellung hilft uns nicht nur dabei das System der Venerologischen Stationen zu verstehen. Diese Ausstellung spricht zugleich auch für all die Betroffenen, denen bis heute die Worte fehlen. 

Liebe Frau Blankenfeld, ich bin Ihnen so dankbar, dass Sie Ihr Schweigen gebrochen haben. Sie geben, insbesondere mit den Erinnerungszeichen, den Betroffenen eine Stimme. 

Mein Dank gilt ebenso der Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau, stellvertretend hier Hannes Schneider, für diese beeindruckende Ausstellung. 

Und mein Dank gilt der Bundesstiftung Aufarbeitung für die Förderung dieses so wichtigen Projektes. 

Lieber Herr Roder, ich freue mich sehr, dass die Ausstellung hier in Ihrem Museum gezeigt wird. Sich mit Geschichte auseinanderzusetzen, nah an dem Ort, an dem sie sich ereignet hat, hat aus meiner Sicht eine ganz besondere Kraft. 

Für mich ist die Ausstellung, die so erfolgreich durch Deutschland tourt, ein wichtiger Meilenstein. Ein Meilenstein, auf den ich als Opferbeauftragte des Bundestages weiter aufbauen möchte. Damit das Bewusstsein für das Leid der Mädchen und Frauen, die in die Venerologischen Stationen zwangseingewiesen, dort entwürdigt und misshandelt wurden, in der Bundespolitik gestärkt wird, habe ich mich entschieden, zu Beginn des kommenden Jahres zu einem Fachgespräch in den Bundestag einzuladen. Ich möchte mit der Politik dazu im Gespräch sein, wie wir die Beratung, Begleitung und Unterstützung der Betroffenen weiter verbessern können. „In der DDR mussten wir schweigen. Und viele von uns schweigen bis heute.“ Wenn es uns gelingt, wie mit dieser Ausstellung und den Erinnerungszeichen, das Schweigen zu brechen und wir das Unrecht klar als Unrecht benennen. Dann ist dies ein Schritt hin zu mehr Gerechtigkeit für die Opfer und ein Gewinn für unsere demokratische Gesellschaft. 

Vielen Dank!