22.07.2026 | Parlament

Rede bei der Einweihung der Gedenktafel für Hartmut Tautz in Kittsee

Das Foto zeigt eine Frau, die draußen vor einer Gedenktafel steht und in ein Mikrofon spricht. Sie hält dabei Zettel in der Hand.
Das Foto zeigt zwei Männer, die draußen vor einer Gedenktafel stehen und in Mikrofone sprechen. Vor ihnen steht Publikum und schaut sie an.

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Die SED-Opferbeauftragte hält ihre Rede vor der neuen Gedenktafel. (© Team Zupke)

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Alexander Heise, Zeitzeuge, und Johannes Hornek, Bürgermeister der Gemeinde Kittsee, halten ein Grußwort (v.l.n.r.). (© Team Zupke)

Lieber Herr Bürgermeister Johannes Hornek,
lieber Wolfgang Bachkönig und lieber Alexander Heise, die die Gedenktafel initiiert haben,
liebe Christine Schoenmakers von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur,
lieber Dieter Dombrowksi von der Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft,
lieber Jan Kosiar von der Internationalen Assoziation ehemaliger politischer Gefangener und Opfer des Kommunismus,
liebe Vertreter der Deutschen Botschaft in Wien,
und vor allem: liebe Bürgerinnen und Bürger von Kittsee und Bratislava!

Vor 40 Jahren ist Hartmut Tautz gestorben. Er wurde nur 18 Jahre alt. 
22 Meter von der Grenze entfernt hetzten Wachsoldaten ihre Hunde auf Hartmut Tautz. Die Hunde zerfleischten ihn. 
Es waren nur 22 Meter. Ein Mensch braucht für 22 Meter im normalen Gehtempo etwa 15 Sekunden. 
15 Sekunden. So nah war Hartmut Tautz der Freiheit. Diese 15 Sekunden hat er nicht mehr bekommen.

Vielleicht sah er in diesem Moment die Lichter von Kittsee. Vielleicht sah er darin schon die Freiheit. Und vielleicht sah er auch seinen Traum wieder aufleben: Die Musik. Die Klarinette. Die DDR hatte ihm den Traum genommen, Musik zu studieren. Trotz mündlicher Zusage und großem Talent sollte er bei der Nationalen Volksarmee nicht ins Armeemusikkorps. Vermutlich, weil er Westkontakte angegeben hatte. 

Mit nur 18 Jahren sah Hartmut Tautz seinen Lebenstraum zerstört. Und fuhr ganz allein, ohne jemanden einzuweihen, an die slowakisch-österreichische Grenze. 

Meine Damen und Herren, Geschichte besteht immer aus Geschichten. Es sind persönliche Geschichten wie die von Hartmut Tautz, die uns menschlich so nahegehen – und die deshalb so wichtig sind für unsere Erinnerungskultur. 

Die kommunistische Diktatur zerstört zuerst den Lebenstraum eines jungen Menschen und lässt ihn dann bei seiner Flucht mit seinem Leben bezahlen. Seine Geschichte kann gerade jüngere Menschen berühren, die selbst keine Erinnerung an die Gewaltherrschaft haben. Die Erinnerung weiterzugeben an die nächste Generation, dafür setze ich mich als SED-Opferbeauftragte beim Deutschen Bundestag besonders ein. Jugendliche wissen sehr genau, wie wichtig ihnen ihre Lebensträume und ihre Individualität sind. Und sie merken anhand von Geschichten wie der von Hartmut Tautz, dass in der Diktatur kein Platz gewesen wäre, diese Träume auszuleben. 

Das Erinnern an persönliche Schicksale verhindert, dass die kommunistische Diktatur zur abstrakten Historie wird. Zu Jahreszahlen. Zu Statistiken. Die Erinnerung an Hartmut Tautz holt die Verfolgung in der Diktatur aus der Anonymität. Die anonyme Historie bekommt ein persönliches Gesicht. 

Das schrieb auch die Schwester von Hartmut Tautz, Carola Tautz, kürzlich in einer E-Mail – ich zitiere: 

An das Schicksal von Hartmut zu erinnern und die nächsten Generationen dafür zu sensibilisieren, sich für demokratische Werte zu engagieren, begrüßen wir sehr. Mit dem Errichten der Gedenktafel gibt es nun einen weiteren Ort, an dem das Andenken an meinen Bruder lebendig bleibt. Wie schön!

Wie schön, schreibt Carola Tautz. Und ich denke: wie wichtig. Wie wichtig es ist, dass solche Gedenktafeln entstehen. Unsere Erinnerung bekommt dadurch einen konkreten Ankerpunkt und einen emotionalen Bezug.

Lieber Herr Bürgermeister Hornek, Sie machen mit der Gedenktafel für Hartmut Tautz Geschichte vor Ort sichtbar. Ich hoffe, dass die Gedenktafel für Hartmut Tautz Schule machen wird. Wir sollten an noch viel mehr Orten an Menschen erinnern, 
die durch die kommunistische Gewaltherrschaft unterdrückt oder gar ermordet wurden. 

Dass wir diese Gedenktafel heute einweihen, dafür haben sich viele Menschen engagiert. 
Mein herzlicher Dank geht: 
an Sie, lieber Herr Hornek, und an die Gemeinde Kittsee; 
an Sie, lieber Herr Bachkönig und lieber Herr Heise, dass Sie dieses Projekt initiiert und hartnäckig begleitet haben;
an die Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft und die Bundesstiftung Aufarbeitung, die viel organisiert, finanziell unterstützt und einen Spendenaufruf gestartet haben;
an die Spenderinnen und Spender und die Erbengemeinschaft Heimpel.

Der Eiserne Vorhang zog sich durch ganz Europa. Von der Ostsee bis zur Adria. Wir erinnern an eine europäische Geschichte der Unfreiheit und der kommunistischen Diktatur. Das zeigt uns, wie eng wir in Europa miteinander verwoben sind. Im Leid von damals. Und in der Freiheit von heute.

Gestern war ich an der Gedenkstätte zum Paneuropäischen Picknick. Dort, wo Sie, lieber Árpád Bella, am 19. August 1989 nicht geschossen haben, sondern die Flüchtlinge die Grenze passieren ließen. So nah von hier, wo Hartmut Tautz für seine Liebe zur Freiheit 
mit dem Leben bezahlte, entstanden nur drei Jahre später die ersten Löcher in dieser todbringenden Grenze.

Wie schön wäre es gewesen, hätte Hartmut Tautz das noch miterleben dürfen.

Vielen Dank.