Venerologische Stationen als Orte schwersten Unrechts in der SED-Diktatur
Fachgespräch zu Zwangseinweisung und Misshandlungen in den so genannten „Tripperburgen“ der DDR
Am 5. März 2026 fand auf Initiative der SED-Opferbeauftragten Evelyn Zupke im Deutschen Bundestag das Fachgespräch „Scham und Angst: Zwangseinweisungen und Misshandlungen von jungen und minderjährigen Frauen in den sogenannten Tripperburgen der DDR“ statt. Im Mittelpunkt standen dabei die Schicksale von Frauen und Mädchen, die über Jahrzehnte unter dem Vorwand eines Verdachts auf Geschlechtskrankheiten gegen ihren Willen in Geschlossene Venerologische Stationen der DDR verbracht worden waren. Diese regelrecht an Gefängnisse erinnernden Einrichtungen der SED-Diktatur sind den meisten Menschen in Deutschland heute weitgehend unbekannt.
Wegen vermeintlicher „Herumtreiberei“, „Unzuverlässigkeit“ oder „Arbeitsbummelei“ wurden zehntausende junge Frauen und Mädchen in die Geschlossenen Venerologischen Stationen verschiedener Krankenhäuser der DDR-Bezirke zwangseingewiesen – regelmäßig direkt von der Volkspolizei. Betroffen waren weibliche Personen, deren Verhalten von den sozialistischen Idealen der Arbeitsdisziplin, des partnerschaftlichen Zusammenlebens oder der Staatstreue abwich. Weggesperrt in den so genannten „Tripperburgen“ mussten sie brutale und entwürdigende Behandlungen und schwere psychische und sexuelle Gewalt erfahren. Sie wurden über Wochen festgehalten, medizinischen Maßnahmen ohne Aufklärung und Einwilligung unterzogen. Die schrecklichen Erinnerungen begleiten die Betroffenen oft lebenslang. Häufig haben Betroffene zudem Jahrzehnte über das Erlebte geschwiegen. Zu schambehaftet und traumatisierend waren die Erlebnisse. „Deshalb ist es so wichtig, Räume zu schaffen, auch in der Politik, in denen über dieses fast unfassbare Unrecht gesprochen werden kann“, sagt die SED-Opferbeauftragte
Besonders bewegend waren die Schilderungen der Zeitzeuginnen Angelika Börner und Martina Blankenfeld, die von ihren sie tief belastenden Erfahrungen berichteten. Angelika Börner schilderte, wie sie im Alter von 15 Jahren ohne medizinische Indikation über 8 Wochen in der Geschlossenen Venerologischen Station der Poliklinik Mitte in Halle festgehalten wurde. Sie hatte 1965 die DDR verlassen wollen und war daraufhin von ihrer linientreuen Mutter wegen „Herumtreiberei“ bei den Behörden gemeldet worden und sollte diszipliniert werden. Bei der Einlieferung seien alle Frauen komplett rasiert und von oben bis unten mit einer Desinfektionslösung eingesprüht worden, sagte sie. Neben Schlafentzug, Zwangsarbeit und menschenunwürdigen Bestrafungen, teilweise in Ketten in einem Käfig, berichtete sie auch von regelmäßigen Vergewaltigungen. „Es war ein einziges Grauen“, beschrieb Angelika Börner.
Auch Martina Blankenfeld, Initiatorin eines Erinnerungszeichens für die Geschlossene Venerologische Station in Berlin-Buch, machte deutlich, wie wichtig es deshalb für Betroffene ist, dass über dieses oft verschwiegene Unrecht in der SED-Diktatur gesprochen wird und es eine öffentliche Anerkennung des erlittenen Unrechts gibt.
Prof. Dr. Florian Steger, Direktor des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der Universität Ulm, betonte ebenfalls, dass seine zu dem Thema maßgeblichen Forschungen belegten, wie bedeutend es ist, dass dieses Unrecht klar als Unrecht benannt wird, um den Betroffenen zu helfen und Aufklärung in der Gesellschaft zu leisten. In seinem Vortrag führte er zudem aus, dass allein in Halle zwischen 1961 und 1989 5000 Frauen und Mädchen in die Venerologische Station zwangseingewiesen wurden. Nur insgesamt 22 Prozent aller zwangsverbrachten Frauen hatten überhaupt eine Geschlechtserkrankung. Die von ihm ausgewerteten Patientenakten zeigten sehr deutlich, wie Venerologische Stationen als medizinische Einrichtungen im Zusammenspiel mit staatlichen Behörden systematisch dazu genutzt wurden, junge Frauen massiv sozial zu kontrollieren und zu disziplinieren.
In der sich anschließenden Podiumsrunde haben auch Dr. Fruzsina Müller vom Medizinhistorischen Institut der Charité Berlin und die Journalistin Sabine Seifert diesen gegenwärtigen Aufarbeitungsstand weiter ausgeführt und zusätzliche Forschungsbedarfe formuliert.
Für die SED-Opferbauftragte hat das Fachgespräch eindrücklich unterstrichen, wie wichtig es ist, nicht nur unbedingt weiter zu den langfristigen Auswirkungen für die betroffenen Frauen und für ihre Kinder zu forschen, sondern sich auch weiter für dauerhafte Hilfen einzusetzen. „Alle betroffenen Frauen möchte ich zudem ermutigen, die schon bestehenden Beratungs- und Unterstützungsangebote zu nutzen. Etwa die Beratung der Landesbeauftragten und der UOKG zu Fragen der Rehabilitierung und bei der Anerkennung gesundheitlicher Folgeschäden oder die Begleitung durch die psychosoziale Beratungsstelle Gegenwind sowie durch das Erzählcafe des Vereins Riebeckstraße 63 e. V.“, führte die Opferbeauftragte aus.
Auch die Stiftung für ehemalige politisch Verfolgte, die seit dem vergangenen Sommer zum Verantwortungsbereich der SED-Opferbeauftragten gehört, könne Betroffene sowohl über reguläre Leistungen und zusätzlich durch Leistungen aus dem neu geschaffenen bundesweiten Härtefallfonds unterstützen. Mehr Informationen zu den Unterstützungsmöglichkeiten sind auf der Internetseite der Stiftung (www.stepv.de) zu finden.
Im Anschluss an das Fachgespräch konnten Teile der Wanderausstellung „Einweisungsgrund: Herumtreiberei – Disziplinierung in Venerologischen Stationen und Spezialheimen der DDR“ besichtigt werden. Die Ausstellung des Vereins „Riebeckstraße 63 e. V.“ und der Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof kann auch in anderen Städten ausgestellt werden.
„Mein Ziel ist es, dass der Begriff Venerologische Station künftig nicht mehr als medizinische Einrichtung wahrgenommen wird. Er soll als das wahrgenommen werden, was dieser Ort jeweils für die Betroffenen war: ein Ort schweren Unrechts in der SED-Diktatur. Die Erinnerung an diese Orte, die weitere forschende Aufarbeitung dessen, was an diesen Orten geschah, und die heutige Unterstützung der Betroffenen sind dabei zugleich eine wichtige Investition in unsere Demokratie“, so Evelyn Zupke.
Das Fachgespräch kann als Video in der Mediathek abgerufen werden.