Wenn Pflege alte Wunden berührt: Fachkonferenz zu traumasensibler Pflege
SED-Opferbeauftragte bringt Betroffene von SED-Unrecht und sexualisierter Gewalt, Wissenschaft, Pflege sowie Fort- und Weiterbildung zusammen
Viele Menschen, die in der DDR in Spezialkinderheimen, Geschlossenen Jugendwerkhöfen oder anderen Einrichtungen Gewalt und Demütigungen erlebt haben, sind heute in einem Alter, in dem sie auf Pflege und Unterstützung angewiesen sind. Auch Erfahrungen politischer Haft oder anderer Formen von SED-Unrecht können im Alter wieder aufbrechen. Ebenso prägen sexualisierte Gewalt, Missbrauch und andere Gewalterfahrungen den Umgang Betroffener mit Krankheit, Pflege und Hilfsangeboten.
Was bedeutet das für die Pflege? Und wie kann sie so gestaltet werden, dass Betroffene sich sicher fühlen und ihre Selbstbestimmung bewahren können?
Mit diesen Fragen befasste sich die Fachkonferenz „Traumasensibilität in der Pflege stärken – Bedarfe von Betroffenen von SED-Unrecht und weiteren Unrechtserfahrungen“. Die SED-Opferbeauftragte beim Deutschen Bundestag, Evelyn Zupke, hat diese Konferenz zusammen mit der Unabhängigen Kommission des Bundes zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs und der Fachstelle „Aktiv gegen sexualisierte Gewalt“ der Diakonie Deutschland am 24. September 2026 organisiert. Moderiert wurde die Fachkonferenz von Dr. Angelika Censebrunn-Benz, die sich selbst wissenschaftlich mit Betroffenen von SED-Unrecht und traumasensibler Pflege auseinandergesetzt hat.
Wenn Pflege alte Ängste und Erinnerungen berührt
Die SED-Opferbeauftragte machte deutlich, dass Menschen, die in der SED-Diktatur Kontrolle, psychische und physische Gewalt und Unterdrückung erfahren haben, durch Situationen im Pflegealltag an frühere Erlebnisse erinnert werden können.
Was für andere völlig normal ist – etwa eine verschlossene Tür, ein klappernder Schlüsselbund oder eine körperliche Untersuchung – könne bei traumatisierten Menschen massive Ängste auslösen. Evelyn Zupke berichtete von Betroffenen, die aufgrund ihrer Erfahrungen in DDR-Kinderheimen heute sogar ganz auf Pflege verzichten, um nicht nochmals in ein Heim zu müssen. Daraus ergebe sich ein klarer Handlungsauftrag: „Unser Anspruch muss sein, dass niemand wegen früher erlittenen Unrechts heute auf notwendige Unterstützung und Pflege verzichten muss.“
Traumasensible Pflege helfe, Reaktionen von Betroffenen besser zu verstehen, und gebe Pflegekräften mehr Sicherheit im Umgang mit Menschen, deren traumatische Erfahrungen oft nicht unmittelbar sichtbar sind.
Traumasensibilität braucht Aufmerksamkeit und gemeinsames Handeln
Auch die Bevollmächtigte der Bundesregierung für Pflege, Katrin Staffler MdB, unterstrich: Traumasensibilität müsse stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken.
Prof. Dr. Barbara Kavemann von der Unabhängigen Kommission des Bundes zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs hob hervor, dass nachhaltige Veränderungen nur im Zusammenwirken unterschiedlicher Berufsgruppen gelingen könnten.
Dr. Marlene Kowalski von der Fachstelle „Aktiv gegen sexualisierte Gewalt“ der Diakonie Deutschland betonte, dass die Auseinandersetzung mit den Erfahrungen Betroffener nicht nur für deren heutige Unterstützung wichtig sei, sondern auch dazu beitrage, Geschichtsbewusstsein und demokratische Werte zu stärken.
Forschung zeigt: Versorgung kann alte Erfahrungen von Ohnmacht reaktivieren
Im ersten Panel standen die Erfahrungen und Bedürfnisse von Menschen mit Unrechtserfahrungen im Mittelpunkt.
Dr. Maya Böhm, Verbundkoordinatorin des Forschungsverbundes „TESTIMONY – Erfahrungen in DDR-Kinderheimen“, gab Einblick in die Forschung zu den Folgen der Unterbringung in DDR-Kinderheimen. Viele der befragten DDR-Heimkinder berichten von Vernachlässigung, Misshandlung und sexualisierter Gewalt. Die Folgen reichen bis ins hohe Alter: komplexe posttraumatische Belastungsstörungen, depressive Symptomatiken und ein geringes Vertrauen in Institutionen.
Prof. Dr. Silke Birgitta Gahleitner von der Alice Salomon Hochschule Berlin stellte Ergebnisse der von der Unabhängigen Kommission des Bundes zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs finanzierten Fortsetzungsstudie „Versorgungsmöglichkeiten und -gefahren ehemaliger Heimkinder im Alter“ vor.
Die Forschung zeigt, dass medizinische Behandlungen und Pflegesituationen für Betroffene unweigerlich mit den ehemaligen Erfahrungen der Hilflosigkeit und Ohnmacht gekoppelt sind und in Vermeidungsstrategien münden.
Betroffene wünschten sich deshalb eine bedarfsorientierte und selbstbestimmte Versorgung, Beteiligung an Entscheidungen, individuell gestaltbare und kreative Angebote der Unterstützung und Bewältigung, Schutzkonzepte und verlässliche Anlaufstellen. Von Pflegekräften wünschen sie sich vor allem Traumasensibilität, Beziehungskompetenz und -kontinuität sowie Wissen über die Folgen traumatischer Erfahrungen.
Pflegende müssen reagieren können
Karl Haucke, ehemaliges Mitglied des Betroffenenrats beim Amt der Unabhängigen Bundesbeauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, machte deutlich, dass sexualisierte Gewalt kein Randthema ist. Bis zu 11 Millionen Menschen in Deutschland seien in ihrer Kindheit oder Jugend von sexualisierter Gewalt betroffen gewesen. Diese Menschen werden älter und sind damit mit Fragen von Pflege und medizinischer Versorgung konfrontiert.
Als besonders belastend beschrieb er die Sorgen vor dem Verlust von Privatsphäre, dem Gefühl des Eingeschlossenseins, vor dem Gewaschenwerden sowie vor Behandlungen und Untersuchungen am Körper. Auch der Zwang, sich in Abläufe einfügen und dabei eigene Bewältigungsstrategien aufgeben zu müssen, könnte Ängste auslösen.
Petra Schwarzer-Knape vom Projekt „UNSER HAUS“ und Dr. Stefan Trobisch-Lütge von der Beratungsstelle „Gegenwind“ berichteten aus ihrer Beratungsarbeit von der Sorge Betroffener, dass empathische Pflegekräfte allein nicht ausreichten, wenn die Strukturen im Pflege- und Gesundheitssystem zu wenig Zeit, Aufmerksamkeit und Fürsorge ermöglichten. Traumasensible Pflege brauche neben persönlicher Haltung auch entsprechende Einrichtungen und Strukturen.
Traumasensibilität in Aus- und Weiterbildung und Führung verankern
Wie diese Veränderungen gelingen können, stand im Mittelpunkt des zweiten Panels.
Verena Bikas, Vorständin Bildung und Gesundheit bei Diakoneo und Mitglied der Fachkommission nach § 53 Pflegeberufegesetz, betonte, dass neben Ausbildungscurricula auch Weiterbildung, Praxisanleitung und Führung in Pflegeeinrichtungeneinbezogen werden müssten.
Regelmäßige kollegiale Fallbesprechungen könnten helfen, Verhaltensweisen von Pflegebedürftigen besser zu verstehen und angemessene Lösungen zu finden. Führungskräfte sollten solche Austauschmöglichkeiten schaffen.
Dr. Ulrike Hoffmann von der Unabhängigen Kommission des Bundes zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs machte deutlich, dass Traumasensibilität eine Aufgabe der gesamten Einrichtung, vieler Berufsfelder und auch der ambulanten medizinischen Versorgung sei. Neben Pflegekräften müssten Ärztinnen und Ärzte, Physio- und Ergotherapeutinnen und -therapeuten sowie Sprechstundenpersonal einbezogen werden. Auch Arztpraxen sollten Schutzkonzepte umsetzen und Beschäftigte in Traumasensibilität schulen.
Ebenso bedeutsam sei politische Bildung. Gerade im Umgang mit Menschen, die in der DDR Unrecht erfahren haben, brauche es Kenntnisse über die Diktatur und ihre Folgen. Einer Verklärung der DDR müsse entgegengewirkt werden, damit das von den Betroffenen erlebte Unrecht wahrgenommen und verstanden werden könne.
Konkrete Unterstützung für Pflegeeinrichtungen
Die Diskussion zeigte, dass Traumasensibilität nicht bei abstrakten Grundsätzen stehen bleiben muss: Die Diskutierenden brachten konkrete Umsetzungsansätze ein.
Martina Böhmer, Traumafachberaterin und Referentin für gewalt- und traumasensible Versorgung im Alter, sprach sich für eine Traumafachberatung in jeder Pflegeeinrichtung aus – sowohl für die dort lebenden Menschen als auch für die Beschäftigten.
Psychologische oder traumafachliche Expertise könne direkt in den Pflegealltag eingebunden werden. Wenn etwa eine Psychologin oder ein Psychologe zeitweise den Alltag einer Einrichtung begleite und gemeinsam mit Pflegefachkräften bespreche, ließen sich traumasensible Ansätze niedrigschwellig und praxisnah verankern.
Für Menschen mit traumatischen Erfahrungen könnten zudem speziell ausgerichtete Wohngemeinschaften eine Alternative zu klassischen stationären Einrichtungen sein – vergleichbar mit bereits bestehenden Wohngemeinschaften für Demenzerkrankte.
Traumasensibilität müsse sich zudem in konkreten Pflegesituationen zeigen: Entscheidend sei, Wünsche der Betroffenen immer wieder zu erfragen und ihnen möglichst viel Kontrolle über die eigene Versorgung zu lassen. Je nach Biografie und Gewalterfahrung könnten auch scheinbar kleine Entscheidungen große Bedeutung haben: ein geöffnetes Fenster, eine individuell gestaltete Tür in einem langen Flur, ein „geführtes selbstständiges Waschen“ oder ein Bauchkatheter könnten für traumatisierte Menschen einen riesigen Unterschied machen.
Fort- und Weiterbildungstage könnten Einrichtungen dabei unterstützen, eine traumasensible Pflege zu entwickeln. Matthias Morawski vom Thüringer Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur stellte ein gemeinsam mit einer Pflegeeinrichtung entwickeltes Fortbildungsseminar zu SED-Unrecht und den heutigen Sorgen von Betroffenen als Praxisbeispiel vor.
Betroffenenvertreterinnen wiesen darauf hin, dass Betroffene selbst als Expertinnen und Experten einbezogen werden sollten. Gerade ihre Erfahrungsberichte könnten Pflegekräften unmittelbar vermitteln, welche Ängste und Belastungen bestimmte Situationen auslösen können. Betroffenenexpertise sollte deshalb systematisch in Fort- und Weiterbildungsangebote integriert werden.
Traumasensible Pflege kann auch Pflegekräfte entlasten
Zum Abschluss griffen die Moderatorin Dr. Angelika Censebrunn-Benz, Prof. Dr. Silke Birgitta Gahleitner und Martina Böhmer einen weiteren Aspekt auf: Traumasensible Pflege könne nicht nur für Betroffene, sondern auch für Pflegekräfte entlastend sein. Sie haben hierzu Schulungsmaterial entwickelt (siehe Links).
Wenn Pflegekräfte die individuellen Bewältigungsstrategien eines Menschen kennen und respektieren, können Konflikte und Widerstände im Pflegealltag vermieden werden. Werde dagegen gegen etablierte Schutz- und Bewältigungsstrategien Betroffener gearbeitet, können schwierige Situationen entstehen, die alle Beteiligten zusätzlich belasten. Traumasensibilität könne daher dazu beitragen, Pflegeprozesse besser aufeinander abzustimmen und unnötige Eskalationen zu vermeiden.
Nicht tatenlos zuschauen, sondern ins weitere Tun kommen
In ihrem Schlusswort zog Evelyn Zupke ein positives Fazit der Fachkonferenz: „Wir müssen nicht tatenlos zuschauen, dass traumatisierte Menschen im Alter in der Pflege ihre Traumata wieder durchleben müssen.“
Dafür brauche es Wissen, Zeit und Kommunikation. Pflegekräfte müssten darin unterstützt werden, traumatische Reaktionen zu erkennen und einzuordnen. Gleichzeitig müssten Betroffene die Möglichkeit haben, ihre Wünsche zu äußern und bei Entscheidungen über ihre Pflege mitzuwirken.
Wichtig sei deshalb die geplante Berücksichtigung des Themas der Traumasensibilität in der generalistischen Pflegeausbildung und die weitere Stärkung in der Fort- und Weiterbildung.
Die SED-Opferbeauftragte kündigte an, den Austausch über die Fachkonferenz hinaus fortzuführen. Die Aufzeichnung der Veranstaltung steht im Parlamentsfernsehen zur Verfügung.
Informationsangebote sind auf dieser Website zusammengestellt. Zusätzliche Materialien können der SED-Opferbeauftragten gern übermittelt werden.