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„Seefahren produziert Fragen, die speziell sind“ – Interview, 25.8.2023

Tageszeitungen liegen aufgefächert auf einer schwarzen Unterlage.

(Presse- und Informationsamt der Bundesregierung)

Interview mit der Wehrbeauftragten auf „Bundeswehr.de“ vom 25. August 2023

„Seefahren produziert Fragen, die speziell sind“

Wir haben mehrere Teilstreitkräfte in der Bundeswehr, alle mit ihren Besonderheiten. Wie aber kann die Marine umgehen mit Herausforderungen wie Personalmangel, demografischem Wandel und Erwartungshaltung potentieller Bewerber?

Es gibt Themen in der Bundeswehr, die sind in allen Teilstreitkräften und Organisationsbereichen ähnlich. Und dann gibt es natürlich besondere Bedingungen in jedem Bereich.

Als ich vor über drei Jahren zur Wehrbeauftragten gewählt wurde, war mein erster dienstlicher Termin die Indienststellung der Fregatte „Nordrhein-Westfalen“ in Wilhelmshaven. Das hat mich besonders gefreut, weil ich aus Bad Zwischenahn komme, nur wenige Kilometer entfernt. Und mein erster richtiger Truppenbesuch war bei den Marinefliegern in Nordholz.

Dabei habe ich direkt schon Themen aufgenommen, die besonders in der Marine sind. Seefahren, auf See für glaubhafte Abschreckung zu sorgen und für ein mögliches Gefecht bereit zu sein, produziert Fragen, die speziell sind. Und die lassen sich oft nicht mit Heer, Luftwaffe oder anderen Bereichen vergleichen.

Was ich bei der Marine von Anfang an aufgenommen habe, ist, dass die Soldatinnen und Soldaten sehr belastet sind, zum Teil überlastet: durch die Tatsachen, dass wir personelle Engpässe haben, dass das Mehrbesatzungskonzept eine Herausforderung ist, dass die Vereinbarkeit von Familie und Dienst sich in der Marine noch einmal ganz anders darstellt als in den anderen Teilstreitkräften. Auch das Thema Personalgewinnung ist ein ganz anderes als in anderen Teilen der Bundeswehr.

Das sind also Besonderheiten, die ich sehr im Blick habe, wenn ich mit Soldatinnen und Soldaten aus der Marine spreche. Und ich bekomme natürlich auch Eingaben zu speziellen Themen, zum Beispiel die Betreuungskommunikation an Bord. Dass das noch nicht optimal ist bei der Marine, war eines der ersten Themen, mit denen ich befasst war.

Für viele Bewerber, die wir haben, ist Seefahrt auch immer so ein bisschen abschreckend. Wie können wir damit umgehen? Treten wir über monetäre Ansätze an die Leute heran? Oder reicht es zu sagen: Es ist schon richtig gut bei uns?

Also grundsätzlich ist für die Personalgewinnung, aber auch die Personalbindung ganz entscheidend, dass wir gute Rahmenbedingungen haben. In der ganzen Bundeswehr, aber speziell auch in der Marine.

Wir können noch so tolle Werbung machen, Youtube-Videos, Plakate, die die Bundeswehr attraktiv darstellen – das soll auch alles so sein, das ist auch gut und richtig. Aber wenn die Realität auf den Booten, Schiffen oder in den Kasernen damit nicht übereinstimmt oder der Unterschied zu groß ist, dann bekommen wir ein Problem.

In meinen Gesprächen hier im Marinekommando habe ich auch wieder etwas aufgenommen und betont: Die besten Werbeträgerinnen und -träger für die Marine sind die Marinesoldatinnen und -soldaten selbst. Wenn sie voller Überzeugung von ihrem Beruf als Soldatin und Soldat berichten – auch von den Schwierigkeiten und Herausforderungen, aber auch von den Chancen und Möglichkeiten oder was das Seefahren ausmacht – dann ist das die beste Werbung für die Marine überhaupt.

Seefahrt ist nicht nur angenehm. Lange Abwesenheiten von zuhause sind schwierig mit der Familie zu vereinbaren. Die Betreuungskommunikation an Bord habe ich schon genannt. Über lange Strecken gar keinen Kontakt zur Familie haben zu können, das ist hart. Das ist auch nur eingeschränkt attraktiv.

Das sind Aspekte, die müssen wir Schritt für Schritt verändern und verbessern. Wobei manche Dinge werden wir auch gar nicht verändern können, weil Seefahrt immer mit Abwesenheit von zuhause einhergehen wird.

Das zielt ja auch auf die Vereinbarkeit von Familie und Dienst für Seefahrende ab. Wir haben bereits die Soldatenarbeitszeitverordnung, das Mehrbesatzungsmodell und den Grundsatz, maximal vier Monate pro Jahr im Einsatz zu sein. Was braucht es zusätzlich, um das zu verbessern?

Wir müssen ein Bewusstsein dafür schaffen, dass eine Soldatin, ein Soldat nur dann vollständig einsatzbereit ist, mit vollem Herzen im Dienst ist, wenn er oder sie weiß, dass für die Familie gesorgt ist, dass es der Familie gut geht. Das betrifft den Dienst hier vor Ort genauso wie auch auf See, im Einsatz oder bei längerer Abwesenheit. Und deswegen müssen wir für die Familien mitdenken.

Mir gefällt sehr gut, dass Inspekteur Kaack sagt: „Marine ist Familie.“ Und er meint damit die ganze Marine ebenso wie die Familienangehörigen.

Es ist keine einfache Sache, die Vereinbarkeit von Familie und Dienst in der Marine herzustellen. Es braucht mehr flexible Arbeitsmöglichkeiten. Wir haben bei meinem Besuch im Marinekommando auch über Telearbeit, Teilzeitarbeit und über mobiles Arbeiten gesprochen. Das geht nicht auf jedem Dienstposten, allerdings auf viel mehr Dienstposten, als wir bisher dachten. Das haben wir in der Pandemie auch festgestellt.

Trotz aller Kaltstartfähigkeit und kurzfristiger Verfügbarkeit halte ich viel davon, die Planbarkeit nicht zu vergessen. Die Bundeswehr muss ungefähr eine Orientierung geben: Worauf läuft es hinaus? Wann steht was an? Wer ist gefordert?

Ich erlebe, dass viele, die besondere Fähigkeiten haben, immer wieder gefragt sind in der Ausbildung, bei Übungen und Einsätzen. Die können irgendwann auch nicht mehr und sind gar nicht mehr zuhause. Bei allem Engagement: Das hat dann nichts mehr mit Planbarkeit zu tun, sondern wir brauchen auch Freiräume zum Durchatmen, Zeit für die Familie.

Dafür brauchen wir mehr „personelle Reserven“ – im übertragenen Sinne. Das heißt, wir müssen auch wirklich abbilden, dass Menschen in Elternzeit sind, dass Menschen in Teilzeit arbeiten, dass unsere Soldatinnen und Soldaten auch andere Dinge zu erledigen haben. Wir müssen trotzdem die personellen Ressourcen haben, um das abzupuffern.

Die Vereinbarkeit von Familie und Dienst  ist wirklich ein wichtiges Thema, besonders der individuelle Werdegang. Wir haben die sogenannte „Rushhour des Lebens“, in der alles gleichzeitig passiert: die Karriere in der Marine, werde ich Berufssoldat oder nicht. Dann nehme ich gleichzeitig die Familiengründung in den Blick. Das passiert alles in einer speziellen Zeit.

Und hier brauchen wir mehr Flexibilität, mehr Freiräume, was die Verwendungen angeht. Wann müssen Offiziere ihre Station im Ministerium machen? Wann geht es auf welche Lehrgänge?  Da müssen wir die Familien und die individuellen Lebenssituationen mehr berücksichtigen.

Ist Elternzeit ohne Laufbahnnachteile möglich? Und kann dann vielleicht auch seefahrendes Personal mit einer 30-Stunden-Woche noch zur See fahren?

Es ist eine ganz schöne Herausforderung, dass in Übereinstimmung zu bringen, mit der Lage, in der wir sind – insbesondere mit dem entsetzlichen Krieg in der Ukraine, dem stärkeren Fokus auf Landes- und Bündnisverteidigung, der Notwendigkeit in der NATO kurzfristig einsatzbereit und kaltstartfähig zu sein. Das mit Familienbedürfnissen zu vereinbaren, ist wirklich keine Kleinigkeit. Aber es muss möglich sein, Elternzeit zu nehmen und trotzdem die gute Note bei der Beurteilung zu bekommen. Es muss möglich sein, sich um Kinder, pflegebedürftige Angehörige zu kümmern und trotzdem eine Karriere machen zu können.

Das ist ja nicht etwas, was in ferner Zukunft liegt, sondern das ist die Realität, die wir jetzt haben. Menschen wollen das vereinbaren und verbinden, und das muss eben auch in den Streitkräften möglich sein. Nochmal: Das geht nicht auf jedem Dienstposten. Das geht nicht zu jeder Zeit. Manchmal steht ein Einsatz, ein Ausbildungsvorhaben mit Priorität an. Dann müssen andere Dinge auch mal zurücktreten, aber es darf nicht dauerhaft der Fall sein.

Eine Sache, die sehr polarisiert, ist der Haar- und Barterlass. Wann wird er angepasst, werden Männer und Frauen gleichgestellt – wie zum Beispiel in der niederländischen Marine?

Es ist nicht akzeptabel, dass der Haar- und Bart-Erlass immer noch nicht überarbeitet wurde. Ich habe zahlreiche Eingaben dazu, ich habe das häufig als Thema in meinen Gesprächsrunden und im Jahresbericht. Ich bin absolut ungeduldig, dass das so lange dauert. Es ist nicht mehr zeitgemäß, solche Unterschiede zu machen. Es gibt wunderschöne Frisuren von Frauen und von Männern – mit längeren Haaren oder mit kürzeren Haaren.

Das Ministerium arbeitet daran, ich rechne damit, dass ich bald einen Entwurf auf den Tisch bekomme. Natürlich muss immer beachtet werden, dass es sich um Soldatinnen und Soldaten handelt. Aber die Unterschiede bei den Geschlechtern dergestalt zu machen, ist nicht mehr zeitgemäß.

Ist aus Ihrem Meinungsbild aus der Marine absehbar, dass unbemannte Systeme, wie zum Beispiel Überwasserdrohnen und vielleicht sogar Künstliche Intelligenz, den Marinesoldatinnen und -soldaten Arbeits- und Einsatzbelastung nehmen können?

Das würde ich absolut begrüßen. Wir haben im Marinekommando genau darüber gesprochen, dass die Marine auch mehr unbemannte Systeme braucht, um Fähigkeiten parat zu haben, für die es nicht unbedingt eine Person braucht. Da ist viel denkbar und viel möglich.

Grundsätzlich bin ich sehr dafür aufgeschlossen, Künstliche Intelligenz und auch unbemannte Systeme zu nutzen. Und ich hoffe sehr, dass das Sondervermögen auch genutzt wird, um nicht nur Systeme und Material auf dem gegenwärtigen Stand der Technik zu beschaffen, sondern auch um in die Zukunft zu denken.

Vor allen Dingen fände ich es sehr gut, wenn wir auch viel in Forschung und Entwicklung investieren, damit wir aufschließen zu denjenigen Nationen, die das schon haben.

Anknüpfend an den Haar- und Barterlass: Was können wir noch machen, um Vorschriften sinnvoll, zweckmäßig und zeitgemäß zu verändern?

Wir sind völlig überreguliert und überbürokratisiert. Das nervt die Soldatinnen und Soldaten auch zurecht. Alle Vorschriften gehören auf den Prüfstand. Ich bin der Auffassung, dass wir viele Dinge gar nicht mehr brauchen oder mehr Vorschriften mit mehr Spielraum. Oder dass wir viel mehr Entscheidungen auf tiefere Ebenen verlagern können. Mit einer ganzen Portion Vertrauen darin, dass das schon richtig entschieden wird. Dazu gehört eine gute Fehlerkultur.

Bei einem Marinebesuch habe ich mal aufgenommen, dass es eine Initiative namens „Adminimum“ gibt. Dort können Soldatinnen und Soldaten mitteilen, wenn ihnen etwas aufgefallen ist, sie eine Vorschrift für nicht mehr nötig oder überkomplex halten. Inspekteur Kaack hat mir gesagt, dass er überlegt, mit einem Verband darüber einmal ganz konkret zu sprechen, wie man Vorschriften entschlacken kann. Wie weit das ist, weiß ich noch nicht und ich möchte da auch noch nicht zu viel verraten. Aber ich finde es ganz toll, wenn daran gearbeitet wird.

Die Marineinfanteristen des Seebataillons mussten sich noch 2021 bei der Winterkampfausbildung vom niederländischen Korps Mariniers Skier ausleihen. Das ist mittlerweile geregelt. Besonders vom „Schweizer Taschenmesser der Deutschen Marine“, dem Seebataillon, ist aber eine Vielseitigkeit gefordert, die die Soldaten manchmal mangels Ausrüstung nicht leisten können. Wie können wir solche Spezialisten besser ausstatten?

Es ist das A und O, dass jeder Soldat, jede Soldatin, alles am Mann und an der Frau hat, was er oder sie für den jeweiligen Dienstposten und den Auftrag braucht. Dass das nicht überall der Fall ist, ist skandalös. Nun müssen wir natürlich schauen, dass spezialisierte Verbände wie das Seebataillon entsprechend dem, was die können müssen, alles an Ausstattung haben. Denn wie sollen sie ihren Auftrag erfüllen, wenn sie nicht alles haben? Also muss das zügig passieren.

Der Bundestag hat jetzt 2,4 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt, damit die persönliche Ausstattung und Ausrüstung überall flächendeckend in der Bundeswehr beschafft wird. Und zwar auch schneller als ursprünglich geplant, nämlich nicht erst bis 2031, sondern bis 2025. Das läuft auch gut an. Und ich hoffe sehr, dass das noch beschleunigt wird. Wenn ich noch in meiner Amtszeit das Seebataillon besuchen und sagen kann: Jetzt haben die alles, was sie brauchen, und können ihren Auftrag erfüllen, dann würde ich mich freuen.

In seiner Absicht 2023 spricht der Marineinspekteur von der „intakten Familie Marine“. Angehörige der Seestreitkräfte sollen bestmöglichen Raum erhalten, um ihre Potentiale zu erfüllen, aber auch Prozesse zu hinterfragen. Was bedeutet das konkret für Sie?

Erstens finde ich die Wortwahl von Admiral Kaack großartig, weil es an Gemeinschaft und Kameradschaft anknüpft und es gleichzeitig die Familienangehörigen mit in den Blick nimmt. Zweitens finde ich gut, alle Einzelnen anzusprechen. Denn letztendlich funktioniert die Gesamtheit nur, wenn jeder Einzelne und jede Einzelne alles dafür tut, damit das funktioniert. Alle können einen Beitrag leisten.

Das bedeutet auch, Dinge mal zu hinterfragen und nicht alles klaglos hinzunehmen. Das ist ja auch im Prinzip der Inneren Führung angelegt. Alle Einzelnen sind sich ihrer Verantwortung bewusst und tragen gleichzeitig dazu bei, Dinge voranzutreiben, zu verändern und zu verbessern. Mit diesem Ansatz ist die Deutsche Marine gut aufgestellt.

Wenn Sie jemanden draußen treffen würden, der Sie fragt: „Warum sollte ich zur Marine gehen?“, was würden sie diesem Menschen mitgeben?

Seefahrt. Es gibt zwar auch interessante Dienstposten an Land, und ich habe auch schon Soldatinnen und Soldaten getroffen, die gesagt haben: „Seefahrt ist nicht mein Ding. Aber ich bin trotzdem gern bei der Marine.“ Aber ich würde trotzdem jedem und jeder, der oder die mich fragt, sagen: Marine ist Seefahrt.

Interview: Luana Hofmann

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