Experten fordern Department-Strukturen an Hochschulen
Berlin: (hib/DES) Um konkurrenzfähig zu sein und exzellente Forschende an den Wissenschaftsstandort Deutschland zu holen, bedarf es einer Strukturreform an Universitäten. Statt weiterhin an dem sogenannten „Lehrstuhl-Modell“ festzuhalten, müssten die Hochschulen Department-Strukturen etablieren und mehr unbefristete Post-Doc-Stellen anbieten. Darin war sich der Großteil der Experten am Mittwochmittag im Forschungsausschuss einig. In einem öffentlichen Fachgespräch diskutierten die geladenen Sachverständigen zu dem Thema „Weiterentwicklung von Stellenprofilen und Department-Strukturen an Hochschulen“.
Tilman Reitz von der Friedrich-Schiller-Universität Jena vertrat im Fachgespräch die Meinung, dass das deutsche System nicht gut geeignet ist, um den Einstieg in die Wissenschaft zu ermöglichen. Hierzulande gelte oftmals das Lehrstuhl-Modell, in dem zu einer Professur ein bis zwei Mitarbeitende als „Ausstattung“ gehörten. Diese seien formell sehr abhängig von ihrem Professor. „Moderner, leistungs- und qualifizierungsgerechter“ ist es Reitz zufolge, wenn angehende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von Beginn an selbstständige Teile eines Instituts sind. Dies sei der Kern von Departments-Strukturen. Reitz kritisierte außerdem die derzeit hohe Zahl befristeter Stellen bei Post-Doc-Stellen. Für Promovierte müssten „Dauerstellen die Regel sein“. Er forderte eine Überarbeitung des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes (WissZeitVG), das die Befristungspraxis an Hochschulen regelt. Auch müssten Bund und Länder Druck ausüben, um an der aktuellen Befristungspraxis etwas zu ändern.
Dass in Deutschland die Entscheidung, wer dauerhaft in der Wissenschaft arbeiten könne, so spät falle, sei ein „signifikanter Standortnachteil“, sagte Tobias Rosefeldt vom Institut für Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Sein Institut habe sich bereits vom Lehrstuhl-Modell verabschiedet und eine Department-Struktur eingerichtet, bei der kein Professor mehr persönliche Mitarbeitende habe. Es könne auch in einer Department-Struktur weiterhin befristete Stellen geben, die Entscheidung darüber müsse sich aber an den Anforderungen des Departments orientieren. Die Qualität und Internationalität der Bewerber auf Stellen in Department-Strukturen zeigt laut Rosefeldt, dass solche Stellen sehr attraktiv für Forschende sind. Beim „Wandel vom Lehrstuhl zum Department-System“ würde er sich politischen Rückenwind und zusätzliches Geld wünschen, um die Reform in dieser Übergangsphase erfolgreich voranzubringen.
Anja Steinbeck von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf forderte die Abgeordneten auf, den Kulturwandel im Wissenschaftsbereich mit entsprechenden Anreizen zu unterstützen. Ähnlich wie bei dem System der Tenure-Track-Professuren, was bei Juniorprofessuren gut funktioniert hat, bräuchte es auch jetzt einen Anreiz von außen. Steinbeck sprach sich gegen allgemein-verbindliche Befristungs- und Entfristungsvorgaben aus. Solche Quoten müssten sich „an den Bedingungen der Fächer orientieren“.
Birgitta Wolff von der Bergische Universität Wuppertal warnte davor, den Universitäten eine Department-Struktur vorzuschreiben. Die Mission von Universitäten sei es, exzellente Wissenschaft zu betreiben. Department-Strukturen könnten dabei ein Element sein, sie dürften allerdings nicht diktiert werden. Wolff unterstrich hingegen die flexiblen Möglichkeiten, die Universitäten hätten, um fähige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu halten.
Die Bildungswissenschaftlerin und Autorin Lisa Niendorf forderte, dass Post-Docs nicht länger unter die Regeln des WissZeitVG fallen sollen. Laut Niendorf soll der Bund vorgeben, dass die Länder klare Befristungshöchstquoten festlegen müssen. Dadurch bedürften Befristungen einer Begründungspflicht und würden nicht zum „Normalzustand“. Anstatt in Projektlogiken sollten Universitäten lieber in Menschen investieren. Niendorf schlug vor, sogenannte Portfolio-Stellenprofile zu entwickeln. In diesen könnten sowohl die Anforderungen der Departments als auch die eigenen Interessen der Forschenden berücksichtigt werden. Jährliche Neujustierungen würden hierbei die benötigte Flexibilität bringen.