Jeanette Wolffs KZ-Erfahrungen neu als Buch herausgegeben

„Sadismus oder Wahnsinn. Erlebnisse in den deutschen Konzentrationslagern im Osten“ heißt ein neu herausgegebenes Buch über die Erfahrungen von Jeanette Wolff aus der Zeit des Nationalsozialismus. (© DBT/Florian Gaertner/photothek)
80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ist diese Lebensgeschichte endlich eine Neu-Entdeckung wert: Jene von Jeanette Wolff, die als Jüdin und Sozialdemokratin, als engagierte Kommunalpolitikerin die Brutalität der Nationalsozialisten schon kurz nach deren Machtübernahme 1933 zu spüren bekam. Die als eine der ersten Zeitzeuginnen für das deutsche Publikum schon 1946 aufschrieb, was sie und ihre Familie in den Konzentrationslagern, als Zwangsarbeiter und auf Todesmärschen erlebt hatten.
Nur: Lesen wollte das damals niemand und es brauchte Jahrzehnte, bis ihre Geschichte überhaupt eine Würdigung erfuhr. Seit 1952 Bundestagsabgeordnete, kämpfte sie, die fast ihre ganze Familie im Holocaust verloren hatte, jahrelang gegen eine Mauer des Schweigens für die Rechte und die Entschädigung von NS-Opfern. Im Rampenlicht der Zeitzeugen stand Jeanette Wolff dennoch nie.
„Manches wird Ihnen grauenhaft erscheinen“
Die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden und der Bundestag haben ihren knapp 70 Seiten umfassenden und lange nicht mehr erhältlichen Bericht „Sadismus oder Wahnsinn. Erlebnisse in den deutschen Konzentrationslagern im Osten“ nun neu herausgebracht, ergänzt durch zusätzliche Informationen und Bilder. Am Mittwochabend, 4. Juni 2025, las die Schauspielerin Nina Kunzendorf im Lesesaal der Bibliothek des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses aus diesem Buch und gab Wolff damit wieder eine Stimme.

Die Schauspielerin Nina Kunzendorf liest ernst, aber nicht nüchtern. (© DBT/Florian Gaertner/photothek)
Was Wolff sachlich und nüchtern aufschreibt, liest Kunzendorf ernst, aber nicht nüchtern und präsentiert den Zuhörern im vollen Lesesaal damit eine beeindruckende Sprachgewalt, die fast überrascht, denn Wolff war von Beruf keine Schriftstellerin. Im Vorwort schreibt sie: „Manches wird Ihnen grauenhaft erscheinen, aber so grausam, wie es wirklich war, das wiederzugeben, dazu ist jede Sprache zu arm.“
Verhaftung im März 1933
Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, konnte die 1888 im niederrheinischen Bocholt geborene Jeanette Wolff bereits auf ein politisiertes und engagiertes Leben innerhalb der SPD aber auch außerhalb in diversen Wohltätigkeitsorganisationen und für die jüdische Gemeinde zurückblicken. Ihr Vater erhielt als bekennender Sozialdemokrat Ende des 19. Jahrhunderts Berufsverbot als Lehrer, sie selbst schloss sich mit 17 Jahren der sozialistischen Jugend an. Ein Studium konnte sich die Familie für sie nicht leisten und so wurde Wolff Kindergärtnerin, mit 20 zum ersten Mal Mutter, verlor aber dieses Kind, ebenso wie dessen Vater, früh durch Krankheit.
„Dich kriegen wir als erste“, drohen ihr später die Nationalsozialisten. Obwohl Wolff früh erkannte, dass von den Nazis eine tödliche Gefahr ausging, scheute sie die Auseinandersetzung nicht. Wenige Tage nach den Reichstagswahlen im März 1933 wurde sie verhaftet, ebenso wie ihr Mann und ihre älteste Tochter. Verfolgung, Misshandlung, Erniedrigung und Tod – das ist, was ihre zweite, fünfköpfige Familie von nun an erlebte. Zunächst in ihrer Heimat, nach der Deportation im Rigaer Ghetto und anschließend in verschiedenen Konzentrationslagern. Nur Jeanette Wolff und eine von drei Töchtern überlebten den Holocaust.
Ausdruck von Resilienz und Optimismus
„Diesen Weg kannten zu viele von uns zu lange nicht“, betonte Bundestagspräsidentin Julia Klöckner zu Beginn der Veranstaltung. Die Lektüre mache fassungslos, wütend, müsse aber auch ein Ansporn für die Gegenwart sein. „Was tut eine Frau, die solches erlebt hat?“ Sie wende sich nicht ab vom Land der Täter, sondern gehe zurück mit einem unbedingten Aufklärungsanspruch und dem Willen, für ein demokratisches Deutschland zu kämpfen, so Klöckner.

„Diesen Weg kannten zu viele von uns zu lange nicht“, so Bundestagspräsidentin Julia Klöckner über Wolffs Biografie. (© DBT/Florian Gaertner/photothek)
Tatsächlich war Jeanette Wolff schon in den 1950er Jahren in Schulen unterwegs, um den Jugendlichen ihre Geschichte zu erzählen – Jahrzehnte bevor Zeitzeugen eine zentrale Rolle in der Erinnerungskultur eingenommen haben. „Vergiftete Seelen können nur mit dem Gegengift restloser Aufklärung entgiftet werden. (…) Auf, an die Arbeit! Zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag, stoß ab, Fährmann!“ So endet der Bericht von Wolff mit einem beeindruckenden Ausdruck von Resilienz und Optimismus.
„Wachheit ist das oberste Instrument der Demokratie“
Die Entwicklung der bundesdeutschen Demokratie war zweifellos eine Erfolgsgeschichte. Sich auf dieser auszuruhen, dazu sei es nicht die richtige Zeit. Das betonten im Anschluss an die Lesung Uwe Neumärker, Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden, und die Schriftstellerin Julia Franck, die sich für das Buch „Der nächste Redner ist eine Dame. Die Frauen des ersten Deutschen Bundestages“ bereits mit dem Leben Jeanette Wolffs beschäftigt hatte.
„Wachheit ist das oberste Instrument der Demokratie“, dazu gehöre ein gesundes Maß an Misstrauen, das auch Wolff stets geleitet habe, sagte Franck. „Die Menschen müssen das Privileg der Demokratie begreifen, verstehen, in welch wunderbarer Ordnung wir hier leben“, betonte Uwe Neumärker und appellierte an die Abgeordneten, sich in ihrer täglichen Arbeit mehr mit dem Begriff der „Wahrhaftigkeit“ zu beschäftigen. (che/05.06.2025)